Editorial: Warum wählen? - DER SPIEGEL
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Editorial Warum wählen?

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Bundesrepublik Deutschland galt lange als ein Land mit hoher Wahlbeteiligung. Wie dieser Befund im Blick auf die demokratischen Grundlagen der Bonner Republik jedoch zu interpretieren ist, darüber wurde schon früh gestritten. So sahen vor allem kritische ausländische Beobachter darin eher eine politische Pflichtübung als ein hinreichendes Indiz für eine krisenfeste Demokratie. Nicht wenige votierten deshalb für eine Ausweitung der politischen Beteiligung. Die seit Ende der 1960er Jahre lauter gewordenen Forderungen nach „mehr Demokratie“ rückten eine Vielzahl konventioneller und unkonventioneller Formen einer Graswurzel-Demokratie – wie Initiativen, Demonstrationen, Blockaden und Besetzungen – ins Bewusstsein.

Wie erklärt sich vor dem Hintergrund einer solchen „partizipatorischen Revolution“ das Unbehagen, wenn es um Wahlen und Wähler geht? Für den Politikwissenschaftler Thomas Meyer (Seite 35) zählt es zu den Paradoxien der Politik, dass sich zwischen der Forderung nach mehr Mitbestimmung und ihrer faktischen Einlösung – etwa bei Wahlen – zunehmend eine Kluft auftut.

Es wäre voreilig, darin nur Anzeichen eines Zerfalls politischer Bürgertugenden zu sehen. Viel eher rücken Fragen zum Funktionieren von Politik unter heutigen Bedingungen ins Blickfeld, etwa:

  • Bleiben zunehmend mehr Menschen den Wahllokalen fern, weil parlamentarische Demokratien – wie der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch (Seite 18) argumentiert – auf dem Weg in Postdemokratien sind, in denen die politischen Grundfragen nicht mehr in den repräsentativen Gremien und Organisationen wie Parlamenten und Parteien entschieden, sondern letztlich in neue Machtzentren der Wirtschaft und der Kommunikationsindustrie ausgelagert werden?
  • Oder handelt es sich bei dem sinkenden Wählerinteresse – gleichsam als Kehrseite der „partizipatorischen Revolution“ – um einen Prozess der Normalisierung, der zu einer Angleichung an die Lage der meisten westlichen Demokratien führt?

Diesen Fragen widmet sich das Heft. Wir haben Texte und Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammengestellt: Beiträge aus Zeitungen, Zeitschriften und dem Internet. Sie werden ergänzt durch politikwissenschaftliche Basisinformationen und Analysen, mit deren Hilfe die Grundlinien aktueller Einschätzungen, Kontroversen und Positionen erschlossen werden können. Dazu tragen auch die Marginalien bei, die neben Anregungen für den Unterricht ergänzende oder kontrastierende Sichtweisen dokumentieren. Außerdem haben wir unter ein Dossier eingerichtet, in dem weitere Informationen zum Thema abgerufen werden können.

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