Eltern vor der Scheidung: "Sie waren plötzlich so schwach" - DER SPIEGEL
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Eltern vor der Scheidung "Sie waren plötzlich so schwach"

Schreien sich Eltern nächtelang an und vergessen darüber sogar ihre eigenen Kinder, ist das für die oft erschütternd. Ist ein Elternteil plötzlich weg, bricht eine ganze Welt zusammen. Doch es kann auch heilsam sein, wenn Mutter und Vater endlich getrennte Wege gehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Jule abends vom Volleyballtraining nach Hause kommt, scheint niemand da zu sein. Sie schließt die Haustür auf, schaltet das Licht im Hausflur ein, geht rüber ins Wohnzimmer, knipst dort die Stehlampe an, und plötzlich hockt sie da, ihre Mutter, auf dem Teppichboden, den Kopf in die Hände gestützt, und weint. Jule kniet sich zu ihr, nimmt sie in den Arm, fragt: "Was ist denn los, Mama?" Die Mutter schluchzt nur. "Er ist weg, dein Vater ist weg."

Dass zwischen ihren Eltern irgendetwas nicht mehr stimmte, hatte Jule, die damals 13 Jahre alt war, schon bemerkt; anfangs hörte sie nachts immer nur Stimmengemurmel aus der Küche hochdringen, dann wurden die nächtlichen Diskussionen ihrer Eltern lauter, schließlich schrieen sie sich lauthals an. Am nächsten Morgen schafften sie es dann nicht einmal sich in die Augen zu sehen, geschweige denn ein "Guten Morgen!" herauszubringen.

Jule verstand nicht, warum Papa jetzt öfters auf dem Sofa übernachtete oder warum sie Mama heimlich auf dem Klo weinen hörte. "Ich war so verzweifelt, weil ich nicht genau wusste, was los war und sie waren so mit ihren Streitereien beschäftigt, dass sie nicht sehen konnten, wie verzweifelt ich deswegen war", sagt sie. "Aber am allermeisten tat es weh, zu sehen, dass sie, die mich sonst beschützt haben, plötzlich so schwach waren."

Die Neue ist ganz nett

An die ersten Monate nach der Trennung ihrer Eltern erinnert sie sich kaum noch, sie sind irgendwie verloren gegangen in einem Chaos aus dem Geschrei der Eltern am Telefon, wütendem Türenschlagen, den Tränen ihrer Mutter und ihrer eigenen. Nur die allabendliche Frage ihres dreijährigen Bruders klingt ihr immer noch im Ohr: "Wo ist Papa?"

"Ich war völlig überfordert, ich konnte in der Schule nicht mehr aufpassen, weil ich meine Mutter nachts weinen hörte und nicht schlafen sollte, aber ich wusste einfach nicht, wie ich ihr helfen konnte", sagt sie, "ich habe sie einfach in den Arm genommen, aber ich fühlte mich in diesen Momenten völlig allein."

Als die Eltern sich schließlich nach einem halben Jahr scheiden lassen, ist Jule zwar traurig, aber umso mehr erleichtert: "Ich war glücklich", sagt sie, "endlich war das Bangen und Hoffen vorbei, dass sie wieder zusammen kommen und meine Welt lief wieder etwas geregelter ab." Obwohl es anfangs schwierig war. "Wir mussten uns erst daran gewöhnen, dass wir jetzt zu den Zerissenen gehörten, bei denen zu Weihnachten einer fehlte", sagt sie. Auch innerlich wurde sie entzweit: Inzwischen hatte ihr Vater eine neue Familie.

Am Anfang war sie eifersüchtig, ebenso wie ihre Mutter, doch nach einer Weile stellte sie fest: die Neue ist eigentlich ganz nett. Doch jedes Mal, wenn sie von einem Besuch des Vaters nach Hause zur Mutter kam, fragte die sie aus. "Ich stand auf einmal zwischen zwei Menschen, die sich mal geliebt haben und sich jetzt scheinbar hassten", sagt sie.

Alles wurde einfacher, als auch ihre Mutter einen neuen Mann kennen lernte. Endlich war auch sie glücklich. Jetzt, nach sieben Jahren, kommt ihr alles nur noch wie ein verblasster Albtraum vor. "Trotzdem habe ich ein Stück Angst mitgenommen", sagt sie, "Angst, dass auch mir so was passieren könnte, denn ich weiß, dass ich nie, wirklich niemals, eine solche Beziehung führen will!"

Glücklich als Scheidungskind

"Aber trennen muss nicht immer gleich heißen, dass man sich auch hasst", sagt Jens, 23. Er war neun Jahre alt, als seine Eltern beschlossen, sich scheiden zu lassen. "Klar haben sie sich auch heftig gestritten", sagt er, "aber im Großen und Ganzen haben sie sich friedlich getrennt". So dauerte es auch lange, bis er ahnte: Meine Eltern haben sich nicht mehr so lieb wie früher. "Sie haben sich sonst immer so oft berührt und geküsst, turtelten in aller Öffentlichkeit herum, doch das war auf einmal vorbei, dann habe ich festgestellt, sie gehen sich sogar bewusst aus dem Weg", erinnert er sich.

Irgendwann wurden die unangekündigten Besprechungen seines Vaters immer länger, elf Uhr, Mitternacht, dann kam er plötzlich nachts gar nicht mehr nach Hause. Ein paar Wochen später gestand er dann der Mutter: "Ich habe da jemanden kennen gelernt." Zuerst war die Mutter gekränkt, war eifersüchtig auf die Geliebte, sie tobte, beschimpfte den Vater, ohrfeigte ihn sogar. Doch nach langen tränenreichen Gesprächen, so erzählte Jens' Mutter später, seien sie beide zu der Einsicht gekommen: Wir lieben uns einfach nicht mehr, die Affäre war nur eine Folge davon.

"Trotzdem war es furchtbar für mich, ich wollte nicht, dass sie sich trennen, dass mein Papa woanders wohnt, für mich brach eine Welt zusammen", sagt Jens. Darum versuchte er alles, die Eltern zusammenzuhalten: Zuerst rebellierte er, dann weinte er, schließlich machte er ihnen ein schlechtes Gewissen, dass sie ihn im Stich ließen. Doch seine Eltern blieben dabei. "Im Nachhinein bin ich froh, dass sie sich getrennt haben", sagt Jens, "besser als wenn sie zusammengeblieben wären nur wegen mir, wäre das eine glückliche Ehe gewesen?"

Er glaubt, dass jeder eine glückliche Beziehung führen kann - egal ob Scheidungskind oder nicht. Schließlich sei die Familie nichts Mächtiges, Unausweichliches, keine Prägeanstalt, die all ihren Angehörigen ein und dasselbe Muster aufdrücke. Dennoch bestehe die Gefahr, dass man die gleichen Fehler mache wie die Eltern. "Aber ich glaube gerade, wenn man ein Scheidungskind ist, gibt man sich viel mehr Mühe, um die Beziehung zu kämpfen", sagt er, "und wenn ich Eines aus der Ehe meiner Eltern gelernt habe, dann: Dass es darauf ankommt, viel miteinander zu reden, auch wenn es dem anderen weh tut."

Katrin Brinkmann, Jugendzeitung Yaez