Empty-Nest-Syndrom Mama allein zu Haus
Neulich wurde ich gefragt, ob ich jetzt auch am Empty-Nest-Syndrom leide. Ich habe erst mal gegoogelt, was das genau sein soll. "Mit dem Begriff wird eine Gefühlslage von Einsamkeit und Trauer beschrieben, die sich nach dem Weggang der Kinder aus dem elterlichen Haus einstellen kann", heißt es bei Wikipedia. Aha. Wie eine Krise fühlt sich das absolut nicht an, was gerade in meinem Leben passiert.
Ja, meine Tochter wird Ende des Monats endgültig ausziehen. Sie hat ihren Wunsch-Studienplatz in einer anderen Stadt bekommen, und ich bin sehr stolz auf sie. Aber vor dem Abschied habe ich keine Angst. Wir haben das geübt. Nach dem Abitur hat sie für einige Monate einen Freiwilligendienst im Ausland gemacht. Dass sie jetzt kurz wieder bei mir wohnt, ist eher eine Zwischenlandung.
Zugegeben, das Jahr davor war schwer. Es gab so viel zu tun und zu organisieren wie noch nie, und, ja, ich hatte lange Trennungsschmerz - während sie noch da war. Aber eines war klar: Ich wollte die beste Mutter der Welt sein, und sie fliegen lassen.
Zum Glück musste das Dachgeschoss umgebaut werden, um ihre Umzugskisten unterzubringen. Das Handwerkern hat geholfen, das mulmige Gefühl - wortwörtlich - zu verarbeiten. Ihr Zimmer haben wir komplett leer geräumt, weil ich es probehalber vermieten wollte - als Testlauf für den Moment, in dem sie endgültig ausziehen würde. Ein halb leerstehendes Haus wollte ich nie. Ich wusste aber nicht, ob ich mit unbekannten Menschen zurechtkommen würde, und mir war es sehr recht, einen Grund für die Mietbefristung zu haben.
Dann war sie weg, und ich war - nein, nicht allein, sondern mit lauter liegengebliebenen Sachen und neuen Menschen beschäftigt. Ich habe mich kaum bei ihr gemeldet, denn sie hatte sogar ihren Freunden gesagt, dass sie sich voll auf die Erfahrungen im Ausland konzentrieren wollte.
Völlig okay für mich!
Ich fand es einfach wunderbar, nicht mehr "zuständig" zu sein. Jahrelang, auch als sie fast erwachsen war, hatte ich mich zum Beispiel beeilt, schnell aus dem Büro nach Hause zu kommen - nur damit jemand da ist, wenn sie vom Turnverein nach Hause kommt. Nur für diesen Moment, für dieses "Hallo".
Jahrelang hatten wir ein System ausgetüftelt, wie sie mir hinterlegt, wo sie jeweils ist, ohne ihre Privatsphäre zu verlieren. Alles nicht mehr nötig! Ich konnte einfach von der Arbeit nach Hause schlendern. Oder spontan (!) etwas ganz anderes machen. Und besten Gewissens keine Ahnung haben, wo sie gerade ist.
Ich durfte sie dann gegen Ende ihres Freiwilligendienstes im Ausland besuchen - das fand ich nicht selbstverständlich. Als ich mit eigenen Augen sah, dass sie ihre Flügel ausgebreitet hatte, nicht abgestürzt war und trotz der neuen Selbstständigkeit ein festes Band zu mir hatte, gab das meinem Leben noch einen weiteren Schub. Ich kam zurück und wollte auf einmal ausgehen und Neues machen (zum Beispiel Vorlesungen besuchen, auf Demos gehen, mich endlich in einer Singlebörse ).
Als sie wiederkam, haben wir die Regelungen beibehalten, die ich mit den Zwischenmietern hatte: Sie hat jetzt einen eigenen Kühlschrank und versorgt sich selbst. Das finden wir beide sehr entspannend.
Und kurzzeitig gab es einen sonderbaren Effekt: Sie war irritiert, wenn ich abends nicht da war. Sie hat verstanden, dass das "Hallo" früher kein Zufall war. Und sie hat mich gebeten, ihr zu sagen, wann ich abends weg bin.
Moment mal, wer will hier eigentlich losfliegen?
Sie? Oder vielleicht eher ich?
Momentan reift unser Verhältnis. Abends am Küchentisch, wenn wir uns zufällig oder verabredet dort treffen, reden wir über alles Mögliche. Auch Emotionales und Berufliches. Beinahe auf Augenhöhe.
Im Fast-Nachhinein finde ich den Abschied in zwei Schritten optimal. Nur eine Sache gibt es, die mir an der neuen Situation nicht gefällt: Ich kann nicht mehr Urlaub nehmen, wann ich möchte; die Kollegen mit Kindern, die noch auf die Schulferien angewiesen sind, haben jetzt Vorrang. Klar, ich habe selber viele Jahre lang davon profitiert, und ich unterstütze es auch, aber mögen muss ich es nicht.
Was ich mittelfristig mit dem Haus machen werde, weiß ich noch nicht. Für das kommende Semester werde ich das ehemalige Kinderzimmer noch einmal vermieten. Der Mieter darf gerne Student sein, soll aber kein Tochterersatz werden. Die Zeit will ich zum Nachdenken und Planen nutzen.
Meine neue Unabhängigkeit geht sogar so weit, dass ich über berufliche Perspektiven nachdenke. Vielleicht ein wenig inspiriert von den töchterlichen Berufswahl-Überlegungen, könnte ich mir jetzt sogar vorstellen, ins Ausland zu gehen oder ein Start-up zu gründen - was ich mir früher nie zugetraut hätte.
Für meine Tochter wäre es völlig unerheblich, wo ich lebe und arbeite, denn sie wird selber auch ihren Weg gehen. Uns beiden würde es reichen, wenn wir uns im Notfall gegenseitig innerhalb eines halben Reisetages besuchen könnten.
Ich möchte jetzt meine Zeit nutzen, so lange ich es kann, und so lange ich nicht meine Eltern oder eventuelle Enkelkinder versorgen muss. Ich werde den Alltag mit meiner Tochter vermissen. Aber wir werden uns nicht verlieren.
Unsere Autorin, Jahrgang 1967, hat eine wunderbare Tochter, Jahrgang 1998, die sie seit deren 14. Lebensjahr eher allein erzogen hat. Außerdem hat sie einen Beruf, den sie sehr liebt, tolle Freunde und ein Haus.
Auch Ihr Kind ist gerade ausgezogen oder wird dies bald tun? Wir möchten wissen: Was passiert mit dem Kinderzimmer? Schicken Sie uns hier Ihre Anekdoten und Vorher-Nachher-Fotos. Wir wählen die besten aus und zeigen sie auf SPIEGEL ONLINE.Mit der Einsendung unter Ihrem vollen Namen bestätigen Sie, dass Sie die Fotos selbst geschossen haben und dass SPIEGEL ONLINE Ihre Aufnahmen kostenfrei - und auf Wunsch anonym - zeigen darf. Wir sind gespannt auf Ihre Bilder!