Erwachsenwerden Bye-bye, blaue Haare!
Saida Bothe mag ihren Namen. "Er bedeutet: die Glückliche, Sonnenaufgang, schöner, klarer Morgen!" Und er passt zu ihr. Selbstbeschreibung: "total offen und verrückt". Nicht so verrückt, dass sie schon mit zwölf blaue Haare getragen hätte. Die Perücke und die Kaugummizigarette, das war nur für die Fotografin.
"Aber sonst war ich damals schon so wie heute. Mir ist egal, was andere Leute von mir denken. Ich kann mitten in der Stadt auf der Straße die Arme ausbreiten und rufen: Sonne! Ich tanze auch auf der Straße. Ich mach einfach, wozu ich Lust hab."
Mit dem Tanzen ist es inzwischen schwierig. Selbst das Gehen bereitet Saida große Schmerzen. Vor einem guten Jahr ist sie von einer Leiter gefallen: Trümmerbruch im Wirbel. Gerade hat man ihr die Schrauben wieder aus dem Rücken operiert, "riesige Dinger, die waren soooo groß!" Saida zeigt mit den Fingern ein paar Zentimeter.
Seit einem Jahr kein Tanz, keine Schule, gerade ist sie aus der Rehaklinik raus. Drei Wochen unter lauter älteren Damen und Herren "und ich bin 18!"
Die Saida mit der blauen Perücke hatte schon eine Vorstellung, was sie mal werden wollte: Lehrerin. "Das will ich immer noch, aber jetzt will ich eine Lehrerin für geistig behinderte Kinder werden." Sie hat ein Praktikum an so einer Schule gemacht, "und es war toll, mit diesen Kindern zu arbeiten. Die verstellen sich nie, die sind immer sie selbst!"
Der Weg dahin ist noch weit. Abi an der integrierten Gesamtschule, Sonderpädagogik studieren und viele Praktika absolvieren. Loswerden will Saida auch so einiges. Die Depression und viele Kilo an Gewicht.
Der Wirbelbruch hatte sie stillgelegt. Sie konnte sich kaum bewegen, nichts tun, keinen Sport machen, nicht ausgehen, nur grübeln. "Klar, dass es dann zu Hause Stress gab." Die Therapie "hilft schon", aber sie muss immer noch Antidepressiva nehmen. Und natürlich Schmerzmittel. Immerhin kein Morphin mehr, das ist vor ein paar Wochen abgesetzt worden.
Saida wohnt jetzt in einer Wohngemeinschaft in Hannover, nicht weit weg von der Mutter, dem Stiefvater und dem Bruder. Bobby, der Elfjährige, kommt sie manchmal besuchen. Nach der letzten Operation hat Saida wieder mal eine Woche zu Hause verbracht. Das war seltsam. "Die Familie hat jetzt einen ganz anderen Rhythmus." Aber Saida ja auch.
Von Anne Buhrfeind, Chrismon