Erwachsenwerden Mama, ich bin dann mal anders
"Manchmal kann man einen Lebensabschnitt in wenigen Programmpunkten abhandeln, die man erreichen muss, um in den nächsten Level zu kommen. So auch die Jugend sie hat diese obligatorischen Wegmarken, die in keiner deutschen Jugend fehlen dürfen. Fast jeder kann von ihnen erzählen, fast alle haben wir sie erlebt: erster Vollrausch, die Zeltlager, bei denen Romantik nicht nur etwas mit Lagerfeuer zu tun hatte. Oder den Tanzkurs.
Der war in der neunten Klasse, ich war 15. Eine intensive Zeit in puncto erste Liebe: Es beginnt schon mit der Partnerwahl die einen haben sich sofort gefunden, die anderen (dazu zählte ich) sprachen schüchtern mehrere Mädchen an, bevor sie eine Partnerin für die kommenden Wochen gefunden hatten. Die waren dann ein öffentliches Schaulaufen, und Mädchen wie Jungen machten eine Wissenschaft daraus, aus dem Tanzvermögen Schlüsse zu ziehen, wie er oder sie wohl im Bett war. Der Tanzkurs endete für mich im Desaster: Meine erste Partnerin sprang mir ab. Ich versuchte es bei einer anderen, verliebte mich in sie dann kam die Abfuhr, für Tanzkurs wie Beziehung. Übrig blieb ein Mädchen, das weder besonders hübsch noch nett war, ein schwerer Schlag für mein Selbstbewusstsein.
Papa taugte nicht als Vorbild
Auf der Suche nach Vorbildern wurde ich eher bei älteren Bekannten als in der Familie fündig. Weder mein Vater noch meine beiden älteren Brüder überzeugten mich in ihrer Art, Mann zu sein. Ich war anders als sie: Hatte lange Haare und brauchte morgens im Bad länger, denn meine Frisur war mir heilig. Zu "männlichen Arbeiten" wie Holzhacken oder Feuer machen hatte ich weder Lust, noch war ich dazu sonderlich gut zu gebrauchen.
Ich spürte, dass ich von Vater wie Brüdern nicht ganz für voll genommen wurde, und das ließ mich auf Distanz zu ihnen gehen. Nie habe ich mit ihnen über Sexualität gesprochen. Zoff gab es dagegen ständig, denn ich baute mit der Zeit bewusst einen Gegensatz zu ihnen auf und fand Lust daran, sie zu provozieren. Mit ernsten pubertären Problemen kam ich immer eher zu meiner Mutter.
Es ist ja nicht so, dass sich nur Mädchen gegenseitig vergleichen, auch unter 15-jährigen Jungs findet ein harter Wettkampf statt. Frisur, Aussehen, Körperbau, Kleidung und natürlich Sex das sind die Währungen auf der Schulhof-Börse der halbstarken Jungs. Auch ich stellte mich diesem Wettkampf, war aber eher selten erfolgreich und so nicht selten gekränkt, hatte oft Liebeskummer.
Von vorlauten Jungs ausgebootet
Ich mochte viele Mädchen, doch bei den meisten blieb es von beiden Seiten bei Sympathie. Alle Jungen, die die für mich damals ominöse Hürde von den Annährungsversuchen zur festen Beziehung mühelos zu überspringen schienen, bewunderte ich einerseits. Doch auch sie taugten nicht als Vorbild. Ich fand sie zu oberflächlich und hasste Mädchen dafür, wenn sie sich von nicht besonders intelligenten, dafür aber sportlichen und vorlauten Jungen verführen ließen.
Auch mit meinen Brüdern verstehe ich mich bis heute nicht so recht. Das Verhältnis zum Vater besserte sich ab dem Zeitpunkt, an dem ich aufhörte, an "Vorbilder", ob in der Familie oder im Freundeskreis, zu glauben. Vielleicht ist das Abnabeln von ihnen das Wichtigste beim Erwachsenwerden. Wenn die Pubertät bei mir die Zeit des Suchens war, habe ich mein Ich jetzt gefunden. Ganz allein, ohne das Nachahmen älterer Bekannter oder meines Vaters."
"Meine Mutter hat allen Typen den Kopf verdreht", sagt Kira
"Wenn es mir schlecht geht, schau ich mir eine "Sex and the City"-Staffel nach der anderen an. Das Leben könnte ja auch so funktionieren: Eingeteilt in Serienstaffeln. Eine für die Kindheit, die nächste für die Jugend, dann eine für die Zeit zwischen 20 und 30 bis zur letzten Folge Beerdigung. Klappe zu, Affe tot. Und wenn du mal wieder Bock hast auf Milchschnitte essen oder Basteln im Kindergarten, dann legst du die entsprechende Folge ein. Doch das Leben ist keine DVD-Kollektion.
Dieser Umstand bedeutet auch, dass wir mit 13 Jahren nicht einfach die nächste Staffel unseres Lebens einlegen können, um damit die Teenagerzeit einzuläuten. Das ganze Leben ist vielmehr ein schleichender Prozess. Bewusst können wir kaum eingreifen. Es gibt keine Vorspultaste und auch kein leicht zu bedienendes Menü. Es ist ein Graus. Da müssen wir durch. In immer derselben Reihenfolge: von Anfang bis Ende. Folgen oder gar ganze Staffeln überspringen geht nicht.
Ich bin das Kumpelmädchen
Sich selbst finden und zu wissen, wie man sein will, kann also lange dauern und eine schmerzhafte Angelegenheit sein. Manche wissen ihr ganzes Leben lang nicht, wer sie sind und was sie auf der Erde sollen. Ich hatte das Glück, irgendwann zu wissen, wer ich NICHT sein wollte: meine Mutter. Das klingt gemein, hart, fürchterlich. Gerade, weil in unserer Generation viele mit ihrer Mutter befreundet sind. Gemeinsame Shopping- und Kneipentouren inklusive.
Bis zu meiner Teeniezeit liebte ich meine Mutter heiß und innig. Sie war mein Vorbild. Doch mit aufkeimendem Verstand wurde mir bewusst, dass ich in einem grundlegenden Punkt anders ticke: Wenn es um das männliche Geschlecht geht. Ich bin das Kumpelmädchen und nicht der Vamp. Meine Mutter hingegen gehört zu der Sorte Frauen, die unbedarft flirten, den Typen den Kopf verdrehen und mit ihren weiblichen Reizen spielen.
Ich wollte ernst genommen werden
Das war und ist der springende Punkt, denn ich wollte mit den Jungs lieber Basketball spielen, als mit den Mädchen rhythmische Sportgymnastik zu üben. Ich konnte mir schon immer viel besser schmutzige Witze merken als den neuesten Klatsch und Tratsch aus der Parallelklasse. Ich setzte immer auf mich und nicht auf meine Schminke, meine hohen Schuhe oder meinen kurzen Rock. Ich war damals wie heute ein bisschen frech, ein wenig zu vorlaut und nie hintenrum. Kurzum: Jungs waren für mich meistens eher Kumpels als potenzielle Liebhaber. Wenn sich einer in mich verliebte, dann nicht, weil ich so eine hübsche Zicke war, sondern weil ich weiß, wie man ein Lagerfeuer macht.
Ich wollte immer vermeiden, "bloß sexy" zu sein ich wollte ernst genommen werden. Für viele Mädels und Frauen reicht es, schön gefunden zu werden. So ist das auch bei meiner Mutter. Meine Freundinnen beneideten mich um ihre Schönheit und Jugendlichkeit. Ich weiß auch nicht warum, aber ich konnte mich in dieser Hinsicht in ihr nicht wiederfinden. Eine Zeit lang musste ich mich deutlich abgrenzen und ging in die klare Konfrontation.
Dann versöhnten wir uns. Noch heute schüttele ich allerdings insgeheim den Kopf, wenn sich Frauen auf ihr Äußeres reduzieren und reduzieren lassen. "Die Kerle finden dich heiß, aber nicht interessant", denke ich dann. Aber Eltern und andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind und trotzdem das eigene Ding machen, das ist wahrscheinlich Erwachsensein."