Feriendorf Kinder an der Macht
Niepars - Der Eingang zum Kinderdorf Niepars in Mecklenburg-Vorpommern ist wie das Tor zu einer verdrehten Welt: Nicht die Erwachsenen, die Kinder selbst bestimmen dort, wo es langgeht. Die Regeln stellen die 7- bis 14-Jährigen selbst auf - beziehungsweise der demokratisch gewählte Bürgermeister aus ihren Reihen. Eine Woche lang spielen Kinder das Leben der Großen. Sie arbeiten, zahlen Steuern, gehen zur Post oder ins Restaurant.
"Den Kindern soll hier das Gemeinwesen beigebracht werden, das Leben in einer Demokratie", sagt Leiter Reik Springmann. Am Anfang wählen die rund 140 Teilnehmer einen Bürgermeister, der dann eine Woche lang für die Verwaltung des Kinderdorfs zuständig ist. Diesmal bestimmt die elfjährige Juliane, wie viele Steuern gezahlt werden. Mit dem eingenommenen Geld muss sie alles finanzieren, was in einer Gemeinde eben so anfällt: die Müllentsorgung, die Krankenstation, die Polizei, das Finanzamt und das Arbeitsamt.
Die Steuern spielen schon im Bürgermeister-"Wahlkampf" am ersten Tag eine Rolle: Mit ungelenker Schrift werden auf Zetteln und Plakaten Steuersenkungen versprochen. "Manche hängen auch Fotos von sich auf oder machen Durchsagen übers Mikrofon", so Springmann. Ein Kandidat habe vor den Wahlen sogar die Abschaffung der Steuern angekündigt. "Das hat er aber schnell eingesehen, dass das nicht funktionieren würde", sagt der Sozialarbeiter lachend.
Eltern müssen draußen bleiben
Die Steuern werden vom Lohn abgezogen, den jedes Kind erhält, wenn es arbeitet. Maximal zwei Stunden lang sind die Kleinen Polizist, Postbote, Journalist oder Handwerker. Dann können sie ihr verdientes Geld - die Währung heißt hier Kido - entweder ausgeben oder sich im Arbeitsamt um einen neuen Job bewerben.
"Man könnte das auch schon mal als eine erste Berufsorientierung betrachten", sagt Schulsozialpädagogin Anja Salewski. Außerdem sollten die Kinder lernen, dass man was dafür tun muss, wenn man was haben will. Denn nur, wer genug Kidos gesammelt hat, kann im Spielepark Trampolin springen, sich im Restaurant eine Waffel kaufen oder im Reisebüro eine Reise buchen. Die "Reisen" gehen dann ins Meeresmuseum oder die Spielkartenfabrik nach Stralsund, auch eine Führung durchs Amtsgericht der Hansestadt war im Angebot.
Abgesehen von den rund 40 Betreuern sind Erwachsene im Kinderdorf nicht gerade willkommen. Bereits am Eingangstor werden sie abgefangen und müssen erst einmal im "Elterngarten" warten. Gegen Bezahlung dürfen sie dann eine Führung durch das Dorf machen, begleitet von einem Kind.
Ein Richter verhängt Strafen
Die achtjährige Charlotte arbeitet momentan als Erwachsenen-Führerin - das sei bereits ihr achter Job, erzählt sie stolz. Am besten habe ihr bis jetzt die Arbeit als Discjockey gefallen. Und am wenigsten der Hausmeister-Job. "Das will keiner machen."
Begehrt sind andere Jobs, bei den Jungs vor allem bei der Polizei. "Hier haben sie Macht", sagt Springmann. Damit die Kinder in Uniform aber nicht willkürlich bestrafen, wird vorher demokratisch ein Bußgeldkatalog ausgehandelt. Wer zum Beispiel zu schnell mit dem Fahrrad fährt oder seinen Kinderdorf-Ausweis vergessen hat, muss zahlen.
"Wir hatten sogar schon einen Banküberfall", erzählt Anja Salewski. Aber der Räuber sei schnell von der Polizei gestellt und vor Gericht gebracht worden. In der Turnhalle entscheidet ein Richter über das Strafmaß, auch er wird gleich zu Anfang von allen gewählt.
Am Freitag endet das Ferienlager, das seit 2007 abwechselnd in Niepars und Steinhagen stattfindet. Zum Abschluss werden alle Dinge, die die Kinder während der Woche produziert haben, versteigert: die Stempel der einzelnen "Betriebe", die Kassen, Schilder und Regale, die gebastelt und bemalt wurden. "Da zeigt sich dann, wer sparen kann", sagt Salewski. Einige gingen am Schluss leer aus, "manche sparen die ganze Woche nur darauf".