Flüchtlingskinder in der Schule "Tanzen, singen und rennen können alle zusammen"
Flüchtlingskinder beim gemeinsamen Singen (hier in Nordrhein-Westfalen)
Foto: Guido Kirchner/ dpa
Ruben Herzberg leitet seit 22 Jahren das Ganztagsgymnasium Klosterschule in Hamburg, an dem Schüler mit mehr als 40 Nationalitäten unterrichtet werden. 2015 wurde die Schule mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.
"Im nächsten Schuljahr werden wir 60 bis 70 Flüchtlingskinder an unserer Schule haben. Sie sind zwischen 10 und 16 Jahre alt, kommen aus Syrien, Afghanistan, Afrika oder Osteuropa und sprechen kein oder kaum Deutsch. Deshalb kommen sie erst mal in vier sogenannte Internationale Vorbereitungsklassen, kurz IVK. Damit haben wir dann insgesamt vier IVKs. Das ist uns nicht aufgezwungen worden - im Gegenteil, wir haben uns frühzeitig darum bemüht.
Ich wache jeden Morgen mit dem Glücksgefühl auf, dass ich hier und heute leben darf - nicht hier vor 75 Jahren und nicht heute woanders. Dieses Glück ein wenig zu teilen, dafür sind wir doch berufstätig!
Wir wissen nicht, wie lange diese Kinder unsere Schüler bleiben können, weil viele Asylverfahren noch laufen, aber das wird uns nicht davon abhalten, ihnen so lange wie möglich eine gute Schule zu sein. Unser Ziel ist es, sie so schnell wie möglich in den Regelschulbetrieb zu integrieren.
Die Schüler, die schon im April in die IVK gekommen sind, besuchen zum Beispiel zusammen mit anderen Neuntklässlern den Sportunterricht. Da steht schließlich nicht die Sprache im Vordergrund, sondern die gemeinsame Bewegung. In anderen Fächern ist Integration ähnlich schnell möglich: Musikpraxis, bildende Kunst, Tanz, auch Theater.
Ich kann nicht ausschließen, dass auch bei uns einige gegen die Aufnahme von Flüchtlingskindern sind, aber offen sagt das niemand - vielleicht aus Sorge um die politische Korrektheit und weil man nicht in die 'böse Ecke' gestellt werden will.
Geschlechtertrennung beim Tanzunterricht
Kürzlich hatten wir Vertretungsbedarf in der IVK. Die eingeteilte Lehrerin, die diese Klasse nicht kannte, hatte große Sorge, ob das wohl gutgehen könne, und bat eine Kollegin, in den Unterricht mitzukommen. Danach war sie ganz entspannt - und will jetzt jederzeit wieder hier eingeplant werden.
Natürlich gibt es manchmal auch kulturelle Schwierigkeiten. So wollten einige IVK-Schülerinnen ein Tanzprojekt nur unter der Bedingung mitmachen, dass keine Jungen dabei sind. Und da müssen wir als Pädagogen erst einmal nachdenken, ob wir das gut finden oder nicht: Wollen wir Tanzen nur fördern, wenn es immer mit Jungen stattfindet? Oder wollen wir vielleicht sogar verbieten, dass es eine Geschlechtertrennung an unserer Schule gibt, die nach unserer westlichen Vorstellung doch abgeschafft gehört?
Man darf eines nicht vergessen: Dies Kindern zu vermitteln, die zeitlebens anders geprägt wurden, bedarf Zeit und Geduld. Für den Augenblick sollten wir deshalb froh und dankbar sein, wenn Tanz überhaupt positiv erlebt wird. Und wenn Mädchen dabei nicht von Jungen angestarrt werden wollen, ist das erst einmal nichts Anstößiges.
Auch der Umgang mit Kopftuch ist so ein Thema. Meine Meinung ist: Wenn sich jemand aus religiösen Gründen ohne bedeckten Kopf unwohl fühlt, muss man das akzeptieren. Dem Rabbiner wird niemand den Hut vom Kopf fegen, wenn er in die Schule kommt. Deswegen fege ich auch keinem muslimischen Mädchen das Tuch vom Kopf.
Etwas anderes ist die Gesichtsverschleierung - für mich eine unüberwindliche Grenze. Ich kann mir nicht vorstellen, eine alltägliche Kommunikation mit Menschen zu pflegen, deren Gesicht ich nicht sehe.
Es ist mir ganz wichtig, dass wir unsere Schule auch in Zukunft frei von dogmatischen Einflüssen jedweder Religion und Kultur halten. Kürzlich haben mir alteingesessene Hamburger Juden erzählt, dass sie ernsthaft darüber nachdenken, Deutschland zu verlassen - aus Sorge, dass Gedankengut vom rechten Rand der Gesellschaft in die Mitte hineinströmt. Ich kann das nicht nachvollziehen: Ich sehe hier eine Gesellschaft, die seit Jahrzehnten immer stärker demokratisch verankert ist. Und ich sehe den Zustrom vieler junger Menschen als eine Chance, unser Problem der drohenden Überalterung zu lösen.
Experten zufolge ist bei Migrationswellen die erste Generation 'verloren', weil sie ist zu alt zur Anpassung an neue Gegebenheiten. Aber mindestens die zweite Generation kann das, und mit der beschäftigen wir uns hier als Schule. Um sie müssen wir uns sehr bemühen, damit keine Parallelgesellschaft entsteht.
Ich bin selber ein Migrantenkind. Meine Eltern sind 1936 vor den Nazis aus Deutschland geflohen, ohne Eltern, meine Mutter war 15 Jahre alt. So kam ich in der Hafenstadt Haifa im heutigen Israel auf die Welt, als Kind von Flüchtlingen. In der Familie sprachen wir Deutsch, aber die Schule legte sehr großen Wert darauf, dass alle Hebräisch beherrschten. Es war genau dieselbe Situation, die wir heute hier haben. 1958 kehrten meine Eltern nach Deutschland zurück - und wieder war ich das Kind von woanders, der Junge aus Israel. So habe ich zweimal gemerkt, was es bedeutet, wenn man nicht zur Mehrheitsgesellschaft gehört.
Mit diesem persönlichen Antrieb setze ich mich für die Schulbildung für Flüchtlingskinder ein - und ich bin damit nicht allein. Wir sind nur eine von ganz vielen Schulen, die diesen Job machen und ihn gerne und gut machen wollen. Und das erfüllt mich mit großer Freude."