Französisch-Zwang passé: Never mind le Sprachen-Streit - DER SPIEGEL
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Französisch-Zwang passé Never mind le Sprachen-Streit

Es waren stressige Ferien für die Gymnasien im Westen Baden-Württembergs: Sie mussten umsteuern, nachdem Richter Regierungspläne zum Pflichtfach Französisch entlang der Rheinschiene gekippt hatten. Beim Schulstart heute gab es kaum Chaos - die Rektoren hatten einen Plan B.
Von Daniel Kummetz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Schulleiter in Baden-Württembergs Westen legten in den großen Ferien Sonderschichten ein, um am Sprachangebot ihrer Schulen zu stricken. Die neuen Fünftklässler und ihre Eltern wurden noch einmal gefragt, welche Fremdsprache sie zuerst lernen wollen oder sollen: Was darf's denn sein - Französisch oder Englisch? Vielleicht Latein? Russisch?

Kurz vor den Ferien sah alles noch ganz anders aus: Kultusminister Helmut Rau (CDU) wollt durchsetzen, dass alle Kinder Französisch als erste Sprache lernen, die nah der Grenze zu Frankreich wohnen. 30 Kilometer sollte diese frankophone Zone breit sein, die gerne "Rheinschiene" genannt wird und traditionell eine enge kulturelle Verbindung zum Nachbarland hat.

Das Französischlernen erleichtere den Kindern den Weg in die Mehrsprachigkeit und steigere ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt, argumentierte Kultusminister Rau. Im Rest des Landes sollte ebenso verpflichtend Englisch gepaukt werden.

Die 60 davon betroffenen Gymnasien zwischen Karlsruhe und Freiburg dachten sich neue Lehrpläne aus, versuchten die neue Regelung in ihr Schulprofil einzupassen, beantragten fleißig Französisch-Lehrkräfte. Und steckten ihre neuen Fünftklässler zumindest gedanklich schon in massenweise neue Französisch-Klassen.

Karlsruher Schüler zog vors Gericht

Eltern und Schüler konnte der Kultusminister mit seiner Idee nicht überzeugen, im Gegenteil: Sie liefen Sturm gegen den Französisch-Zwang. In Freiburg sprachen sich 3000 Eltern von Grundschülern öffentlich dagegen aus, in Karlsruhe zog ein Schüler mit seiner Mutter vor Gericht. Er wollte Englisch und Latein lernen. Das Bildungs-Musterländle hatte einen handfesten Sprachen-Streit.

Drei Tage vor den Sommerferien, am 24. Juli, stoppte der Verwaltungsgerichtshof Mannheim mit einer einstweiligen Anordnung den Streit vorläufig. Die Richter kippten die Verordnung des Kultusministers und gaben dem Schüler und seiner Mutter Recht: Alle Gymnasien im Grenz-Korridor müssen nun auch Englisch als erste Fremdsprache zum neuen Schuljahr anbieten.

Hier Französisch- und dort Englisch-Pflicht: "Wir haben nie verstanden, warum man die Kinder, die nicht motiviert sind, zu Französisch zwingt und außerhalb der Rheinschiene die Motivierten am Lernen behindert", sagt Sylvia Wiegert von der Arbeitsgemeinschaft gymnasialer Eltern in Baden-Württemberg. "Das Urteil ist ein Segen für die französische Sprache."

Die Planungen der Schulen brachte es zwar durcheinander, aber: "Viele Schulen hatten einen Plan B", sagt Paul Droll, Vorsitzender der Direktorenkonferenz in Südbaden. Die Gymnasien hätten gleich bei der Anmeldung der Schüler zu diesem Jahr die gewünschte Sprachfolge auch für den Fall der Aussetzung des Französisch-Zwangs abgefragt.

Der Verlierer ist der Kultusminister

Jetzt holt man vielerorts das alte Konzept einfach aus der Schublade und setzt die alte Sprachfolge wieder in Kraft: Englisch als erste gymnasiale Fremdsprache, später folgt wahlweise Französisch, Latein oder Russisch. Gerade in Südbaden reagierten einige Schulen auf den Eltern-Willen, indem sie beide Sprachen in das Programm für die Fünftklässler aufnahmen: Englisch auf Wunsch der Eltern, Französisch auf Geheiß des Kultusministers.

Gesicherte Zahlen über das tatsächliche Angebot und die Wahl der Schüler gibt es noch nicht. Das Kultusministerium verweist auf eine Befragung, die Ende September starten soll. Einen "Run" auf die vorhandenen Französisch-Angebote hat es offenbar nicht gegeben.

Der Verlierer des Gezerres: Kultusminister Rau. Er brachte mit den Plänen eine ganze Region gegen sich auf, sogar treue Parteigänger konservativer Schulpolitik protestierten. Der Philologenverband versuchte den Minister umzustimmen, die Junge Union Karlsruhe-Land forderte seinen Rücktritt.

Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) hat das zurückgewiesen. Von Kultusminister Rau selbst ist zum Thema nichts mehr zu erwarten. Er hat sein Französisch-Projekt aufgegeben, wie er selbst auf einer Pressekonferenz kurz nach dem Urteilsspruch mitteilte. Er werde nicht versuchen, Französisch per Gesetz durchzudrücken. "Ich glaube, dass wir die Akzeptanz nicht über die Gesetzgebung erlangen können."