Führerschein: "Ich hätte den Prüfer am liebsten geknutscht" - DER SPIEGEL
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Führerschein "Ich hätte den Prüfer am liebsten geknutscht"

Feuchte Achseln, zittrige Hände, und bloß nicht den Schulterblick vergessen: Die Fahrprüfung ist das Tor zur großen Freiheit, kann aber auch schnell vermasselt werden. Die Jugendmagazin "Spiesser" begleitete fünf 17-Jährige auf ihrem ganz persönlichen Höllentrip.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Prüfer auf der Rückbank ist irritierend dick, redet immerzu oder hat zu viel Eau de Toilette benutzt? Der Fahrlehrer kommt zu spät, und du vergisst, die Handbremse zu lösen? Die Parklücke war noch nie so eng wie heute? Dann kann es sich nur um den Tag der Führerscheinprüfung handeln.

Wer erst den Lappen in der Hand hält, demjenigen winkt die motorisierte Freiheit. Doch bis dahin ist es schwieriger Schritt. Die Jugendzeitschrift Spiesser  wagte mit fünf 17-Jährigen Prüflingen den Schulterblick auf ihre aufregendsten Minuten.

Paula, 17, aus Potsdam: Angst vor dem Schulterblick

Paula blickt mutig über die linke Schulter: "Sogar die Flugzeuge beobachtet"

Paula blickt mutig über die linke Schulter: "Sogar die Flugzeuge beobachtet"

Foto: Klaus Gigga

Vor der Prüfung: Schulterblick. Ich darf den Schulterblick nicht vergessen. Ich fühle mich, als hätte ich noch nie eine Fahrstunde gehabt. Und ich würge auch noch dauernd den Motor ab. Wie soll das bitte werden, wenn hinten ein Elefant sitzt? Der Prüfer wiegt nämlich ungefähr 100 Kilo. Wenn der einsteigt, drückt er das Auto bestimmt erstmal so zehn Zentimeter nach unten. Hoffentlich fährt es überhaupt los. Und wahrscheinlich werde ich alles falsch machen in der Prüfung. Und dann? Dann muss ich Mama und Papa erzählen, dass ich durchgefallen bin. Wie peinlich wär' das denn? Aber das Beste kommt erst noch: Bei meiner letzten Fahrstunde vorhin bin ich so schlecht gefahren, dass mein Fahrlehrer mir gar nichts mehr zutraut. Muss der so schadenfroh grinsen? Mein Selbstwertgefühl ist gleich null. Na, das kann ja was werden.

Nach der Prüfung: Ich hab bestanden! Bestanden, bestanden, bestanden! Yippie! Ich fasse es nicht. Und ich war die ganze Zeit total ruhig, keine Spur von Nervosität oder Angst oder sowas. Ich hab mich auch echt vor und nach jeder Kurve umgedreht, weil ich wusste ja: Den Schulterblick mache ich nicht so oft. Aber hat sich echt gelohnt, sich so zu verrenken. Ein Wunder, dass ich keinen steifen Nacken habe. Sogar die Flugzeuge habe ich beobachtet, man weiß ja nie. Als ich dann mein Fahrschulauto abgestellt hab, hat der Prüfer schon so ein bisschen geschmunzelt. Und als er mir meine Fahrerlaubnis gegeben hat, da hätt ich ihn am liebsten geknutscht. Jetzt gehen mein Führerschein und ich zusammen nach Hause. Wir haben uns versprochen, uns nie zu trennen.

Tobias, 17, aus Hemmingen: Warten auf den Prüfer

Tobias übt Einparken: "Der Prüfer hat die ganze Zeit geredet"

Tobias übt Einparken: "Der Prüfer hat die ganze Zeit geredet"

Foto: Klaus Gigga

Vor der Prüfung: Ich will Landstraße fahren. Da ist nicht so viel los. Im Stadtverkehr muss man alle paar Meter an irgendwelche Vorfahrtsregeln denken und auf Leute achten, die ein- und ausparken. Von spielenden Kindern mal ganz abgesehen. Meine letzte Fahrstunde war nicht schlecht, und eigentlich habe ich heute Nacht sogar gut geschlafen. Aber dann gucke ich heute Morgen so aus dem Fenster. Schock: Es hat schon wieder geschneit. Und es soll losgehen jetzt mit der Fahrprüfung. Aber der Prüfer ist noch nicht da. Er hat gesagt, dass er ein paar Minuten später kommt. Ein paar Minuten - ich warte jetzt schon eine knappe Stunde! Wo bleibt der denn? Langsam merke ich meine Zehen nicht mehr, wegen der Kälte. Ich schaue ständig auf meine Uhr. Da kommt er ja. Und erzählt mir erstmal, dass die Fahrschülerin vor mir schön durch die Prüfung geflogen ist. Hat einem LKW die Vorfahrt genommen, den Scheibenwischer nicht anbekommen und ist auf einer Geradeausspur abgebogen. Das macht ja richtig Mut.

Nach der Prüfung: Keine Ahnung, ob man das Prüfung nennen kann, was ich in den letzten 35 Minuten gemacht hab. Der Prüfer und mein Fahrlehrer haben die ganze Zeit über Hartz IV diskutiert. Und von einem Gespräch über Erderwärmung habe ich auch was mitbekommen. Hallo? Es liegt Schnee auf der Straße, es gibt kein Salz mehr, um die Straßen zu streuen und die erzählen was von Erderwärmung. Und der Prüfer meinte nach der Prüfung, ich hätte mal früher von der linken auf die rechte Spur wechseln sollen, vor dem Abbiegen. Wie hat der das nur mitbekommen? Aber schließlich drückte er mir meine Fahrbescheinigung fürs begleitete Fahren in die Hand. Bestanden! Endlich. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Gleich mal meine Schwester anrufen: Sie kann Pizza bestellen. Wir müssen feiern. Meinem Fahrlehrer muss ich auch noch irgendwie danken, hat ja lange genug gedauert. Und ich sollte gleich allen 'ne SMS schreiben, dass sie Bescheid wissen. Morgen Party?

André, 17, aus Osburg: Einparken ist sauschwer

André an der Durchfall-Falle Zebrastreifen: "Du musst deine Augen überall haben"

André an der Durchfall-Falle Zebrastreifen: "Du musst deine Augen überall haben"

Foto: Robert Herschler

Vor der Prüfung: Gestern abend habe ich mir eine heiße Honig-Milch gemacht. Dann: Radio an und hoffen, dass ich einschlafe. Halb sechs musste ich raus! Jetzt noch einen Energydrink? Nee, besser nicht. Dann werde ich noch zu hibbelig. Auf dem Weg hierher habe ich noch mal Einparken geübt. Das kann ich gar nicht, ist aber auch sauschwer. Da musst du deine Augen echt überall habe. Ich zittere, so aufgeregt bin ich! Dann habe ich gestern auch noch von ein paar Leuten gehört, die durchgefallen sind. Ein Kollege von mir hat sich falsch eingeordnet, beim Abbiegen. Und die Freundin von meinen Eltern hat doch glatt einen Fußgänger auf einem Zebrastreifen übersehen. Ich hab so Schiss, gleich am Anfang was falsch zu machen. Hier gleich beim Losfahren, Kupplung kommen lassen und dann voll gegen den Zaun da krachen. Oder ich überfahre irgend so ein Stoppschild. Habe mir sagen lassen, es soll Pluspunkte geben, wenn ich frage, ob alle angeschnallt sind. Werde ich natürlich probieren. Puh, noch eine Minute.

Nach der Prüfung: Mann! Ich hab meinen Führerschein! Ich hab's wirklich geschafft. Der Prüfer war auch echt in Ordnung, ein paar Fehler habe ich nämlich gemacht: Ich habe vergessen, die Handbremse zu lösen, obwohl mir mein Fahrlehrer das kurz vorher extra nochmal gesagt hatte. Dann bin ich fast in so einen teuren Audi gekracht. Aber ich habe nicht aufgegeben. Habe nämlich gestern noch Tipps im Internet gefunden. Da stand auch: "Hoffnung nicht aufgeben und solange weitermachen, wie es geht!" Und wäre der Audi nicht gewesen, hätte ich ein Stoppschild übersehen. Und dann? Wär's sowieso vorbei gewesen. Beim Einparken habe ich das Blinken vergessen. Und dann war's noch richtig knapp, in dieser Parklücke. Und dann musste ich noch ein Stück durch Trier-Nord, da ist immer viel Verkehr und die Straßen sind extrem eng. Ohne meinen Fahrlehrer hätte ich das nicht geschafft. Der mit seinen Handzeichen! Langsamer, jetzt schalten - hat mir echt geholfen. Oh Mann, ich habs echt hinter mir!

Nicola, 17, aus Herbern: Voll in die Eisen

Nicola achtete rechts vor links: "Meine Güte, war ich unsicher"

Nicola achtete rechts vor links: "Meine Güte, war ich unsicher"

Foto: Frank Dünzl

Vor der Prüfung: Ich zittere. Ruhig bleiben, denke ich mir, dann schaffst du das schon. Bin mir nicht sicher, ob ich mir glauben kann. Ganz und gar nicht sicher. Aufwachen, frühstücken, Zähne putzen - das hat soweit noch geklappt. Dann hatte ich gerade noch meine letzte Fahrstunde; die lief auch gut, wie immer. Mittlerweile hab ich ja auch genug Übung. Die haben wir diesmal ohne dieses Fahrschul-Schild gemacht, das klebt ja normalerweise hinten dran. So wusste schon mal niemand, dass ich noch Fahrschülerin bin. So ist das ja auch, wenn der Prüfer hinten mit drin sitzt. Mmh, und jetzt die Prüfung. Ich schwitze nicht, und ich werde auch nicht gleich losheulen. Aber ein bisschen aufgeregt bin ich trotzdem. Ich wünsche mir echt Glück - das brauch ich! Warum mache ich mich eigentlich so verrückt? Sollte ich das Ding verbocken, ists doch gar nicht so wild. Puh, jetzt bloß keine Panik, Nicola! Ganz ruhig!

Nach der Prüfung: War das vielleicht witzig! Ich fahre los, meine Hände zittern noch, und dann sind wir erstmal ganz gemütlich durch die Gegend getuckert. Gemütlich - zumindest bis zum ersten Kreisverkehr. Beim Rausfahren aus dem Kreisverkehr habe ich einen Schulterblick rausgehauen - wie ein Profi - hab dann aber einen älteren Herrn übersehen, der gerade über den Zebrastreifen schlendern wollte. Was weiß ich, wo der sich vorher versteckt hatte, der Idiot. Ich also voll in die Eisen, bleibe gefühlte drei Zentimeter vor dem Alten stehen und denk nur: "Scheiße, durchgefallen". Aber der Prüfer legt nur seine Hand auf meine Schulter und sagt: "Alles in Ordnung" Dann bin ich weitergeheizt. Wenn jetzt noch was passiert wär, die Sache wär gelaufen. Meine Güte, war ich unsicher! Nach zwanzig Minuten war der Wahnsinn vorbei. Unglaublich. Wow, fett. Ich habe bestanden. Ich hätte schreien können. Und jetzt die Bio-Klausur. Zack, die Gedanken wieder in der Schule. So'n Mist!

Julia, 17, aus Polling: Kreuzungsfeuer

Julia fährt an am Berg: "Der Prüfer war echt gnädig"

Julia fährt an am Berg: "Der Prüfer war echt gnädig"

Foto: Klaus Gigga

Vor der Prüfung: Ich muss mich konzentrieren. Eigentlich kann gar nichts schief gehen: Ich bin gestern noch mit meinem Fahrlehrer vier Stunden lang, bis neun Uhr abends, alle Kreuzungen und Ampeln abgefahren, wo wir in der Prüfung lang kommen könnten. Mit Kreuzungen habe ich ein Problem: Ich vergesse immer, einen Gang runter zu schalten an der Ampel. Und im zweiten Gang kann man ja gar nicht richtig anfahren. Ich denke noch an 1.000 andere Sachen: Mutti hat noch gesagt, ich soll das Licht anmachen, weil es neblig ist. Ein Kumpel von mir ist in der Prüfung gegen ein Polizeiauto gefahren - mein Horrorszenario. In den letzten Wochen ging alles so schnell. Noch ein paar Fahrstunden und schon habe ich Prüfung. Und jetzt mache ich mir selbst Druck: Ich will diesen verdammten Lappen. Und jetzt kommt er gleich, der Prüfer. Soll ja ein netter sein - sagt mein Fahrlehrer. Ich weiß nicht. Soll ich das glauben? Prüfer sind doch für Fahrlehrer alle nett. Ich bin aufgeregt; mein Herz klopft. Hoffentlich bleiben alle Polizeiautos heil, und die Fußgänger. Also: Gleich dem Prüfer die Hand schütteln, Schaltknüppel angucken - und los.

Nach der Prüfung: Da stand ich nun an der Kreuzung im zweiten Gang und gab Gummi. Das Auto ruckelt und das Motorengeräusch war ganz dumpf. Dann fuhr es doch noch los - und mir fiel ein Stein vom Herzen. Das Auto hat mir den polternden Start wohl übel genommen, der Prüfer nicht: Denn, ja, geil, ich habe ihn, den rosafarbenen Papierlappen, mit dem ich mit meinen Eltern als Beifahrer Auto fahren darf. Alles ging sehr locker los: Meine Aufregung war sofort weg, als der Prüfer kam: Sehr ruhige Stimme, ganz sympathisch. Zum Glück haben mein Fahrlehrer und der Prüfer die ganze Prüfung miteinander gequatscht, haben über die Olympiade und den Rest der Welt geredet. Ich wurde locker und konnte mich richtig auf's Fahren konzentrieren. Der Prüfer war wirklich gnädig: In die Parklücke, in die ich musste, hätte ich zehnmal reingepasst. Und nach der Prüfung wollte der Prüfer nur noch wissen, wie ich den Scheibenwischer anschalte. Da hätte ich etwas Schwierigeres erwartet. Ich bin glücklich: Fußgänger und Polizeiautos leben noch. Ab heute werde ich auch an den Schaltknüppel denken.

Aufgezeichnet von Gustav Beyer, Bredemeier, Yasmin Mergen, Felix Scheidl, Yannick Schulze für das Jugendmagazin Spiesser .

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