Geschäftstüchtige Schüler: Bienen und Benchmarks - DER SPIEGEL
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Geschäftstüchtige Schüler Bienen und Benchmarks

Eigenen Honig produzieren, vermarkten, verkaufen - Kinder aus dem Städtchen Brück üben sich im Unternehmertum. Schülerfirmen liegen im Trend. Nicht alle Pädagogen sind begeistert: Sickert der Kapitalismus schon in die Grundschulen, werden gar Mini-Heuschrecken gezüchtet?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kein zwischen Betonwände gefräster Schulhof, keine bröselnden Fassaden am Gebäude, nicht mal Verkehrslärm, der die Schultore umspült – die Grundschule Brück in Brandenburg hat das Glück, mitten im Grünen zu liegen. Kleine bunt bemalte Steine führen zum Eingang, Birken umringen das ganze Gelände. In der Pause spielen die Kinder im Sandkasten oder üben Jonglieren.

Doch wo man vielleicht Grimms Märchen oder Ronja Räubertochter auf dem Lehrplan erwartet, versuchen sich die Schüler lieber im Unternehmertum.

Sieben Kinder zwischen neun und elf Jahren, alles Grundschüler, produzieren, vermarkten und verkaufen an der Schule ihren eigenen Honig. Ihre Minifirma heißt "Junge Imker S-AG". Und sie ist tatsächlich, was die Abkürzung erwarten lässt: eine Schüler-Aktiengesellschaft.

Schülerfirma, ob als AG oder GmbH, das bedeutet: Hier wird Wirtschaft nicht simuliert, sondern längst probiert. In bundesweit über 1000 Betrieben testen sich Kinder und Jugendliche als kleine Unternehmer, putzen Autos oder übernehmen die Schulcafeteria.

Zwischen Kapitalismus und Kollektiv

Statt Wirtschaft bloß auf der Tafel oder im Planspiel durchzusprechen, geht es bei ihnen gleich um Bares. Das Ziel: Schüler besser auf die Berufswirklichkeit vorbereiten, als es der Lehrplan vermag.

"Wir gehen mit unserer Schülerfirma ganz neue Wege im Unterricht", freut sich Dietmar Heinrich. Der Schulleiter der Grundschule betreut gemeinsam mit einem Imker die Schüler bei ihren ersten Schritten in der Wirtschaftswelt. Und er staunt über die Miniunternehmer: Durch die Arbeit in der Imkerei seien sie fit in Bio, fit in Mathe und selbst nach Schulschluss noch "voller Enthusiasmus dabei".

Wöchentlich sehen die Schüler nach ihren Bienen. Zwei Völker haben sie im Frühjahr angelockt und über den Sommer gepflegt. Rund 30 Kilo Honig sind bisher zusammengekommen.

Die werden nun in den nächsten Schritten vermarktet: Die Jüngstunternehmer entwerfen ihr eigenes Logo, legen Preise fest und wollen spätestens im Dezember die ersten Eltern und Lehrer als Kunden gewinnen. Über die nötigen Ausgaben entscheiden alle gemeinsam - und über die Verwendung der Gewinne ebenso.

Angst vor Ellenbogen-Mentalität

Der Kapitalismus wird im Kollektiv geübt. So wandern die Einnahmen auch nicht in die eigenen Taschen, sondern werden direkt wieder in der Schülerfirma investiert. Statt Schüler in Miniheuschrecken zu verwandeln, sollen Schülerfirmen dazu beitragen, "Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Eigeninitiative und Verantwortungsübernahme zu wecken", erklärt Thomas Schöler.

Schöler ist Mitarbeiter der Servicestelle Schülerfirmen in Potsdam, der brandenburgischen Anlaufstelle für Schüler, wenn es um Paragraphen, Satzungen oder auch ein Startkapital geht. Sie ist Teil von Kobra.net. Der Projektverbund will Bildungsqualität und -chancen der Brandenburger Jugend verbessern.

Die Servicestelle betreut über 90 Schülerfirmen in ganz Brandenburg. Die Mitgliedschaft lohne sich auch über die Schulzeit hinaus, sagt Thomas Schöler: "Bei Bewerbungen, zum Beispiel auf Lehrstellen oder Studienplätze, haben diese jungen Menschen einen enormen Vorteil."

Dass die Wirtschaft in Grundschulen Einzug hält, betrachtet Martina Schmerr von der Bildungsgewerkschaft GEW kritischer: "Wir applaudieren nicht uneingeschränkt." Die Schulbeauftragte der Gewerkschaft lobt zwar den großen Erfolg der Schülerfirmen, fordert aber zugleich, dass der Fokus beim Lernen "nicht auf Wirtschaftslogik, sondern auf die Pädagogik gelegt werden muss".

Investiert in Honig!

Würden die Schülerunternehmen nicht um humane und soziale Dimensionen erweitert, drohe schnell eine "Ellenbogen-Mentalität" im Klassenzimmer, warnt sie. Dann nämlich, so Schmerr, werden Schüler erzogen, "die zwar an den Markt angepasst sind - nicht aber ans Leben".

Die Kritik weist Schöler zurück: "Wir wollen ja hier keine Kinder in Nadelstreifenanzüge stecken." Aber es sei wichtig, dass Kinder schon früh für "wirtschaftliche Zusammenhänge sensibilisiert" werden, um dann tatsächlich sozial handeln zu können. Und trotz Aktienpaketen und Umsatzkalkulationen – eine Schülerfirma "ist und bleibt in erster Linie ein Schulprojekt", betont er.

Auch die Jungen Imker sind primär pädagogisches motiviert. Entstanden ist das Unternehmen aus dem Programm "Wege finden – gestärkt erwachsen werden" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Die Kinder sind gerade zu ihrer ersten "Unternehmerkonferenz" gereist, der jährlichen Brandenburger Schülerfirmenfachtagung gereist. Man tauschte sich über Probleme und Erfolge im Business aus. Und die Bienenfreunde zuckten ob der derzeitigen Finanzkrise nur mit den Schultern: Der Förderverein ihrer Grundschule investiert jetzt nämlich in Honigaktien.

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