Ghana: Die Lernwütigen - DER SPIEGEL
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Ghana Die Lernwütigen

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von Marc Röhlig*

"Everyt'ins free! Ghana very nice african land - very clean, much freedom."

George rückt seine gespiegelte Brille zurecht, zupft an seiner Uniform und schwenkt pathetisch sein Walkie-Talkie. Man muss ihm glauben, wenn er solche Sätze sagt. Ghana, das Land der Zukunft. Ghana, das Afrika der Zukunft. George ist Wachmann beim SOS-Kinderdorf in Tema, Ghana. Er steht an der nordöstlichen Ecke der Einzäunung, hat ein Wachhaus für sich. So wie er denken hier viele, denn sie alle arbeiten nicht nur für das Kinderdorf, sie arbeiten auch für das College. Das Hermann-Gmeiner-International-College.

Gegründet im September 1990 bildet das Hermann-Gmeiner-International-College (HGIC) eine Besonderheit unter den SOS-Projekten dieser Welt. Anders als in den unzähligen SOS-Kinderdörfern werden hier nicht verlassene Kinder in Familie und Dorfgemeinschaft eingegliedert, hier werden Eliteschüler geformt. Kindern aus ganz Afrika, sowohl von SOS-Dörfern als auch aus der Bevölkerung, wird hier eine exzellente Bildung angeboten, die das Tor zu neuen Chancen öffnet. Hin zu Universitäten in Amerika und Europa. Hin zu einem besseren Leben.

Für die Schüler beginnt dieses Leben in der Regel um 5:30 Uhr. Untergebracht in "Hostels", Wohngemeinschaften, startet der Tag mit Aufräum- und Gartenarbeiten. Noch während des Frühstücks werden von den Schülersprechern die "Announcements", Bekanntmachungen, verlesen. Auf einer erhöhten Bühne sitzen sie, einige Gewählte, schauen auf die Essenden herab. Am Pult stehend, der Blick im Saal suchend. Der Ton, hart und bestimmend. Die Ankündigungen gleichen Befehlen.

"Sure you have to follow the rules."

Thomas Benailu ist 18 Jahre und SOS-Kind aus Adis Abeba, Äthiopien. "But you soon get to know, that those rules help you organize yourself." Sein Lächeln spiegelt die gesamte Bandbreite von Glück und Zufriedenheit wider. Er ist seit sechs Jahren im HGIC und wird dieses Jahr seinen Abschluss machen. Danach studieren, am liebsten drüben, in Amerika. Die Chancen stehen für ihn gut, aufgeweckter Blick, flatterndes Hemd, zum dritten Mal ist er nun schon zu einem der "Prefects" gewählt worden, eine Art Helfershelfer der beiden Schülersprecher. Für ein Kind der Straße ist diese Schule Traum und Wirklichkeit zugleich. Thomas weiß von Elend und Armut. Hinter den Schulmauern wartet genau dies. Kindchen in zerfetzten Hemden, auf dem Arm deren Kinder. Obwohl Ghana zu den sichersten und stabilsten Ländern in ganz Afrika zählt, die Sterblichkeitsrate ist hoch, der Altersdurchschnitt schockierend niedrig. Nahezu zwei Drittel aller Ghanesen sind unter 15 Jahren.

Und doch, eine Karriere wie Thomas Benailu durchlaufen hier viele Schüler. Von der Straße zum SOS-Dorf, von dort zum College, der Abschluss schließlich ebnet den Weg in die Welt.

"We're no school as you know, we're a family." Mr. Titi Ofei faltet die Hände, wie zum Gebet. Der stellvertretende Schulleiter ist seit 1990 hier. Er ist einer der Pioniere, die die Vision einer "community with social and strict parts" forcierten. Das HGIC, Kommune in steter Gratwanderung zwischen Strenge und sozialer Fürsorge. Es scheint genau das zu sein, was die Kinder hier brauchen und auch wollen. Unvorstellbar, Strenge und Regeln, umgesetzt mit einer Leichtfüßigkeit, die ansteckt.

Geringe 200.000 aus über 10 Millionen Kindern kommen in Ghana ans Ende ihrer Schullaufbahn. Der Rest wird wegen Schulmangel aussortiert oder gar nicht erst zugelassen. Für eine solide Ausbildung steht man da schon gerne stramm, denn Leben in Afrika ist Tristesse, erbarmungslos. Asphaltierte Straßen, die links und rechts zu Staub zerbröckeln, ziehen sich endlos durch Ödland, Slums und Weideflächen. Abgemagerte Ziegen grasen, wo es eigentlich nichts zu grasen gibt. Ein kleines Mädchen lugt hinter einem Holzverschlag hervor, baumelt auf baren Füßen vor und wieder zurück. Ein ständiger Kampf zwischen Aufbegehren und Aufgeben. Die Scharniere zirpen im Takt dazu. Es ist diese Art Leben, die man sich nicht wünscht. Diese Art Dasein, die Unbehagen tief im Bauch aufkeimen lässt. Diese Art Zukunft, die einen ohnmächtig werden lässt. Ohnmächtig, wütend und verzweifelt. Vor dem eigenen Unvermögen zu helfen, zu verändern. Genau dieses Gefühl ist es auch, dass die unzähligen Helfer und Initiatoren des HGIC immer weiter vorantreibt. Michael Djan, Lehrer und Pionier der ersten Stunde, erkennt: "It's an opportunity to shape the future of the youth." Die Möglichkeit, Zukunft zu ändern. Die Zukunft der Jugend.

Über 150 Schüler zählt das College heute. Zu Beginn waren es gerade mal 20. Dass die Nachfrage so rapide wie die Leistung steigt, weiß auch Schulleiterin Nkrumah. "Parents are desperate, everybody want's to see his child in this school." Verzweifelte Eltern, verstreut über das ganze Land, ja den ganzen Kontinent. Dass dies nicht immer ohne Probleme ging, versteht sich. Den richtigen Weg, die ultimative Lösung aller Probleme gibt es nicht, dass hat man hier schnell erkannt. Doch Möglichkeiten, Schule angenehmer zu gestalten, hat man hier genauso schnell gefunden. Es gab "problems in convincing the students to accept the staff." Michael Djan erinnert sich an die Verständigungsprobleme zwischen Schülern und Lehrern in den Anfangsjahren. Interessen, Ziele, Programme. Alles musste erst aufeinander abgestimmt werden, der richtige Ton musste gefunden werden. Heute bestimmen strikte Regeln den Alltag, doch die Auslegung und Auslebung dieser Vorschriften üben die Schüler in Eigenregie.

So hat sich das HGIC einen Namen gemacht, auch in Übersee ist man bereits bekannt. Aus 43 Abgängern im Jahrgang 2002 studieren heute 32 an Universitäten in den USA, Kanada und Großbritannien. Sieben weitere Absolventen besuchen die Universitäten in Ghana und Südafrika. Von denen, die in die Welt hinausziehen, gibt es nicht wenige, die später ihren Weg nach Afrika zurückfinden. Denn genau das ist Ziel des HGIC.

"Knowledge in the service of Africa", Wissen zum Dienste Afrikas, steht in fetten Buchstaben auf dem Schulwappen.

Ein Satz, ein Programm.

Dass es Programm ist, wird unweigerlich klar, durchlebt man eine Woche im HGIC. Die Glocke läutet zum ersten Augenblinzeln, die Glocke läutet auch zur ersten Stunde. Sie schellt am Mittag, wenn es Kochbananen oder Curryhuhn gibt, sie schellt dann drei Uhr, wenn der Unterricht endet. Ja, die Glocke dröhnt auch nachmittags, zum Basketball, Volleyball, Schwimmkurs, zur Ertüchtigung im Kraftraum oder auf dem Fußballfeld. Sie ruft die Schüler zum Abendbrot und schellt selbst danach, "seven p.m.", wenn es wieder heißt: "Prep till nine". "Prep", Abkürzung für Vorbereitung, wäre der Schrecken eines jeden deutschen Schülers. Hausaufgaben und zusätzliches Lernen in Aussicht auf den nächsten Schultag, sonntags bis donnerstags, jeweils von Sieben bis Neun, gleich nach dem Abendbrot, in Totenstille, zum Stecknadelfallenhören. Ein Horror.

Oder ein Segen.

Omari Faakye ist ebenfalls 18, ebenfalls im letzten Jahr auf dem HGIC. Er kommt aus keinem SOS-Dorf, er wurde von seinen Eltern hierher geschickt. Doch ein Unterschied ist nicht merkbar, weder vormittags zwischen den blauen und weißen Hemden mit dem Schullogo, noch nachmittags zwischen Markenklamotten und Freizeitkluft. Gemeinsam alles geben! Ob im Klassenraum, auf dem Sportplatz oder beim "Prep", die Schüler schaffen dies wie sonst nirgends. "Rules and regulations, this means everything in here." Omari grinst sein breitestes Grinsen, als wäre Strenge nur ein süßes Stück vom großen Kuchen Hoffnung. Auf einer Bank lümmelnd, Palmen im Hintergrund, enthüllt er das Geheimnis: "Rules and regulations, to push everybody." Regeln und Einschränkungen, zur Stärkung eines jeden.

Es scheint, jedes "Du sollst" greift in sofortiges Pflichtbewusstsein. Es scheint, jedes "Du musst" steigert die Motivation ins Unermessliche. Ja, es scheint, jedes "Du wirst" strengt zu noch mehr Leistung, noch mehr Trumpf an. Zwänge gipfeln in Motivation und Strenge wird zu Spaß. Eine Schule im Ausnahmezustand.

Schuld daran ist nur eines, der ungebrochene Leistungswille, der immerwährende "Ich-kann-mehr-Gedanke".

Omari, ein Sieger unter den Siegertypen, glaubt nicht an Niederlagen. Wenn es so etwas wie Wettbewerb gibt, dann, um zu gewinnen. Als Vorsteher seines Wohnbereiches, des "Nile Hostels", eine besonders wichtige Tugend. Inspektion ist diesen Samstag, zehn Wohnungen, eine Gartenanlage, eine Versammlungshütte und die Verbindungswege sind dafür zu säubern. Bis auf das letzte Staubkorn im Ventilator, bis zur letzten welken Blume im Vorgarten, bis zur glatt gebügelten Schuluniform ist alles perfekt arrangiert. "Herzlich Willkommen, Salem and a happy welcome." Für die Chefinspektorin lässt man sich eine vielsprachige Rede einfallen, alle Jungen seines Wohnblocks stehen Spalier. "The Nile Hostel is glad to have you here." Die Konkurrenz mit den anderen "hostels" ist stark, die Trophäe am Schuljahresende begehrt. Unvorstellbar, mit welchem Enthusiasmus hier jeder ans Werk geht. Draußen vor den Toren reicht die Farbpalette von Braun bis Grau, doch hier drinnen schillert alles lichterloh. Am Ende der Inspektion um Ordnung und Sauberkeit lächelt Omari. "We'll win again." Er zwinkert, selbstsicher, bestimmend.

Das ist es wohl dann auch. Selbstsicherheit in einem unsicheren Kontinent, der Wille weiterzumachen. Eine Schule im Spagat zwischen Strenge und Freiheit, Lernen im Akkord, Lernen fürs Ich. Und trotz der Konkurrenz, trotz des Wettstreits besteht Einigkeit.

Es sind solche sonderbaren Momente, in denen die ganze Schule, Lehrer, Schüler und Hilfskräfte, in der "Assembly Hall" sitzt. Eine Aula, ohne Wände, nur Stützpfeiler für ein riesiges Holzdach. Zarter Windhauch weht durch die Schülerschaft. Man sitzt und lauscht. Den Erzählungen von Schülern, die in die Welt gingen. Von Studenten, die wiederkehrten. Von Lehrern, die Neues wagen wollen. Und von Schülern, die munter mitgehen. Am Rednerpult die Schulleiterin, Mrs. Margaret Nkrumah. Sie formuliert die frohe Botschaft des Hermann-Gmeiner-International-Colleges. Es ist eine Philosophie, beispiellos für die Jugend Afrikas. "Everybody needs to be happy!", jeder sollte glücklich sein.

Schaut man in die Gesichter, die sich in der "Assembly Hall" versammeln, bleibt dann nur ein Gedanke haften.

Ja, sie sind es.

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* Marc Röhlig (18) besucht die 13. Klasse des Zabel-Gymnasiums in Gera und hat mit seinem Bericht über die Bewohner eines Ausländerwohnheims den 1. Platz in der Kategorie Reportage belegt.