Hamburger Schulversuch: Noten ade! - DER SPIEGEL
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Hamburger Schulversuch Noten ade!

Die Eins kommt weg, die Sechs - und alle anderen Zensuren auch. Ein Schülertraum? In Hamburg dürfen die Lehrer jetzt mit Worten statt mit Zahlen urteilen, das neue Schulgesetz macht's möglich. Der Vorschlag kam ausgerechnet von den Zensurenfreunden aus der CDU.
Von Khuê Pham
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Sechs im Mathe-Test, eine Fünf in der Chemie-Klausur - Noten können gehörig Angst einflößen, oft bringen sie Druck und Stress in den Unterricht. Doch für geplagte Schüler gibt es Hoffnung. In Hamburg hat die Bürgerschaft beschlossen, ein ungewöhnliches Bildungsexperiment an staatlichen Schulen zu starten: Weg mit den Noten - für den, der will.

An einigen privaten Schulen gibt es zwar schon lange keine Noten mehr - ab diesem Schuljahr können sich aber alle Schulen für den Modellversuch bewerben, das Schulgesetz wurde am Mittwoch entsprechend geändert. Dort, wo das Kollegium beschließt, sich zu beteiligen, werden die Lehrer am Ende des Halbjahres nicht Zeugnisse, sondern Leistungsberichte austeilen - ganz ohne Zahlen oder Zensuren.

Bei einem gutem Deutschschüler wird dann keine Zwei mehr hinter dem Fach stehen, sondern eine schriftliche Bewertung der fachlichen Kenntnisse, beispielsweise: "Jan kann eigenständig arbeiten" oder "Lisa liest unbekannte Texte flüssig vor".

Behinderte Kinder bekamen Berichte, alle anderen Noten

Der ungewöhnliche und bundesweit bisher einzigartige Vorschlag kommt ausgerechnet von der CDU-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft, sonst eher ein Gegner von zensurenfreiem Lernen.

Und das kam so: Bis 2002 war es an Hamburger Grundschule erlaubt, in allen Klassenstufen Lernberichte ins Zeugnis zu schreiben - statt Noten. Dann schrieb die CDU vor, in der dritten und vierten Klasse wieder Noten zu verteilen. Nur die "Integrations-Klassen", in denen behinderte und andere Kinder zusammen unterrichtet werden, sollten davon ausgenommen sein.

Vor anderthalb Jahren änderte der Hamburger CDU-Senat das Schulgesetz erneut - es gab aus ihrer Sicht immer noch ein Problem in den Integrations-Klassen: Die Kinder ohne Behinderung bekamen keine Noten, sondern Lernberichte - sie sollten nun auch wieder Noten bekommen. Die Kinder mit Behinderung aber nicht.

Eine ungleiche Behandlung, die dem Integrationsgedanken trotzt, fanden zumindest die Eltern der Kinder. Sie begannen, sich dagegen zu wehren, Politiker der Opposition in der Hamburger Bürgerschaft stellten sich an ihre Seite. Seit Schuljahresbeginn im September forderten sie eine Änderung der Änderung - nun hat die CDU darauf reagiert. Der Ausweg: Hamburg startet den Modellversuch mit pauschaler Notenfreiheit. Diese Woche hat die Bürgerschaft ihn abgesegnet.

"Kompetenzraster" statt Noten

Gibt es nun bald in ganz Hamburg keine Noten mehr? CDU-Politiker Robert Heinemann beeilt sich zu betonen, dass er kein Zensurengegner ist: "Wir finden weiterhin, dass Noten wichtig sind", sagte er SPIEGEL ONLINE. Die nun auch mögliche schriftliche Bewertung der Schüler habe jedoch den Vorteil, dass sie transparenter und ausführlicher sei. Wer denkt, dass nun mit den Zensuren auch die strenge Beurteilung der schulischen Leistung wegfalle, irrt sich, so Heinemann: "Es wird keine Larifari-Bewertung oder Kuschelpädagogik geben".

Die Bewertung ohne Noten wird auf einem "Kompetenzraster" basieren, das genau so wie die Noten das beurteilt, was der Schüler in der Schule macht. Was er schreibt und sagt, ob er wach ist oder nicht - und so weiter.

Für das Fach Deutsch werde dann statt einer "Drei" im Zeugnis stehen, wie gut jemand Diktate und Aufsätze schreiben kann, ob er oder sie eigenständig arbeitet oder immer beim Nachbarn abschreibt und sich alles dreimal erklären lässt. Bei Mathe steht einer "Zwei", dass ein Schüler zum Beispiel die Addition und Subtraktion bis zur Zahl 1000 beherrscht.

Dahinter steht dann, was in der Klassenstufe des Schülers normalerweise zu erwarten wäre - und wieviel davon der Schüler kann. "Diese Kompetenzraster müssen Noten ersetzen können -und auch relevant für die Versetzung sein", sagt CDU-Politiker Heinemann. Das Sitzenbleiben schaffen sie also nicht ab. Und schon in den Jahrgangsstufen drei und vier sollen sie zumindest mit Noten ergänzt werden.

Prinzipiell kann jede Schule in jeder Jahrgangsstufe das neue Modell beantragen - klar ist aber, so Heinemann, dass "die Abgangs-Zeugnisse der Schulen weiterhin Noten enthalten". Mit einem Zeugnis ohne Noten kann man sich zum Beispiel im Moment nicht an einer Universität bewerben.

Lehrer und Eltern finden es prima

Die Eltern finden das Modell Schule ohne Noten prima. Für sie hat der Vorschlag vor allem einen symbolischen Wert: "Das Zensurensystem schafft eine Ellbogenmentalität in den Klassenzimmern", sagt Hamburgs Elternvorsitzende Karen Medrow-Struß SPIEGEL ONLINE. Sie findet Noten nicht pädagogisch sinnvoll, da sie den Schülern keine klare Beurteilung ihrer Leistungen geben. Außerdem würden die Noten die Schüler nicht aufs Arbeitsleben vorbereiten, sagt sie - "wir bekommen im Job ja auch keine Zensuren".

Karen Medrow-Struß hofft, dass der Hamburger Modellversuch eine grundlegende Reform des Erziehungswesens einleiten wird. Sie ist nicht nur Elternvorsitzende, sie hat außerdem einen Verein gegründet, der "Eine Schule für alle" heißt. Dieser will nicht nur die Noten abschaffen, sondern auch die verschiedenen Schulzweige. Statt des dreigliedrigen Systems mit Haupt-, und Realschule sowie Gymnasium soll es demnach nur noch eine "Gemeinschaftsschule" für alle geben. Eine Art Gesamtschule der Superlative, an der lernschwache, behinderte und alle anderen Schüler ohne Zensurendruck zusammen unterrichtet würden.

Klaus Bullan von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zweifeln ebenso "an der Sinnhaftigkeit von Zensuren". Die klassischen Noten von Eins bis Sechs reflektierten nicht den Lernstand der Schüler, sagt er. Auch die Annahme, dass man Schüler so miteinander vergleichen könne, sei nicht richtig: "All das, wozu Zensuren da sein sollen, schaffen sie nicht."

Das neue System des Modellversuchs bedeute aber einen "großen Mehraufwand", für die Lehrer, so Bullan. Sie müssten die "Kompetenzraster" für die neue Beurteilung nicht nur benutzen - sie müssten sie vor allem erstmal entwickeln. Das Interesse werde trotzdem groß sein, sagt Bullan: Über die Hälfte der Hamburger Grundschulen werde sich am Modellversuch beteiligen. Bei den anderen Schulzweigen werde der Andrang wahrscheinlich kleiner ausfallen.

"In Hamburg werden nicht die Dämme brechen", sagt Robert Heinemann SPIEGEL ONLINE. "Es werden nicht plötzlich 300 Schulen auf einmal die Noten abschaffen. Trotzdem hofft er, dass das Hamburger Modell auch in andere Bundesländer exportiert wird: "Wir sind da der Vorreiter - die Kompetenzraster sind den herkömmlichen Noten überlegen".

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