Hausaufgaben? Mach' ich nicht - DER SPIEGEL
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Ganz harte Schule Hausaufgaben? Mach ich nicht

Für eine Klausur lernen? Vier Tage vorher? Alter! Wie viel Einsatz für die Schule angemessen ist, darüber haben Eltern und Schüler meist unterschiedliche Ansichten - und am Ende gewinnt nicht immer Papa.
Grübeln bei den Hausausgaben
Grübeln bei den Hausausgaben

Grübeln bei den Hausausgaben

Foto: Patrick Pleul/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
Foto: Birte Müller

Hier schreiben abwechselnd Armin Himmelrath, Birte Müller und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

"Danke", sagte mein Sohn zum Frühstück und grinste mich an: "Damit hast du dir schultechnisch argumentativ selbst dein Grab geschaufelt." "Krumme Metapher...", versuchte ich gegenzuhalten, obwohl ich gar nicht wusste, um was es ging. Er unterbrach mich: "Warte ab. Irgendwann wird es soweit sein." Dann schwieg er.

Das ist etliche Monate her, ich hatte die Episode schon vergessen. Aber vor einigen Wochen holte sie mich ein. Und endlich verstand ich.

Es begann an einem Samstagnachmittag mit meiner harmlosen Frage nach den nächsten Klausuren. "Och, irgendwann nächste Woche oder so", ließ sich besagter Sohn hinter der Tageszeitung und mit vollem Mund vernehmen. Er frühstückte, ich hörte die Bundesliga-Konferenz im Radio. Erst nach mehrmaligem Insistieren verriet er mir, dass es am folgenden Mittwoch "wahrscheinlich" eine vierstündige Leistungskursklausur gebe - und konnte mir, Überraschung, sogar das Fach nennen.

"Das sind noch vier Tage", rechnete ich ihm vor, "wann willst du denn üben?" "Heute eher nicht. Ich gehe nachher vielleicht mal zum Niklas. Chillen, außerdem bauen wir 'ne Hütte. Wie gesagt, heute eher nicht", schmatzte es hinter der Zeitung. "Heute eher doch", polterte ich. Dann fielen Formulierungen wie "in deinem Alter", "selbstständig", "wie ein Erwachsener" und was Eltern sonst noch so an Textbausteinen zusammenklauben, wenn sie mit 18-Jährigen reden und hilflos an deren Eigenverantwortung appellieren wollen.

Ich gefalle mir in solchen Momenten selbst nicht. Aber einmal in Rage, machte ich ein noch größeres Fass auf: die Schulnoten generell und im Speziellen die Tendenz der Noten meines Sohnes, gerade mal wieder spürbar abzusacken. Ob das vielleicht, stellte ich die rhetorische Frage, damit zu tun haben könne, dass ich ihn niemals - wirklich nie! - seine Hausaufgaben erledigen sehe?

Die daraufhin einsetzende Stille macht mich nervös - zu Recht. Langsam ließ er das Blatt sinken, hinter der Zeitung tauchte ein unglaublich zufrieden aussehendes Gesicht auf. Er musterte mich mit einer Mischung aus Rechthaberei und tiefer Genugtuung. "Was?", fragte ich irritiert, "was ist los?"

Er grinste noch ein bisschen, dann holte er tief Luft. Es war offensichtlich, dass er sich wochen-, ach was: monatelang auf diesen Moment gefreut hatte und ihn voll auskosten wollte. "Ich kenne da so einen Journalisten", begann er, "der hat bei SPIEGEL ONLINE einen Artikel gegen Hausaufgaben veröffentlicht." Ich musste schlucken. Ja, den Text kannte ich. Ja, ich habe ihn selbst geschrieben. Und ja, ich argumentiere darin vehement für die Abschaffung von Hausaufgaben.

Die nächsten Minuten vergingen damit, dass er mir - offensichtlich auswendig gelernte - Passagen aus meinem Anti-Hausaufaufgaben-Text vorbetete. "Gute Schüler", zitierte er beispielsweise den Dresdner Erziehungswissenschaftler Hans Gängler, "werden durch Hausaufgaben nicht unbedingt noch besser, und schlechte Schüler begreifen zu Hause durch bloßes Wiederholen noch lange nicht, was sie schon am Vormittag nicht richtig verstanden haben."

"Aber die Schulnoten sind doch entscheidend…", fing ich an, wurde aber sofort abgebügelt. "Willst du Lernleistung wirklich auf Ziffernnoten reduzieren? Du enttäuschst mich", sagte er mit der unnachahmlichen Sicherheit eines Diskutanten, der zum argumentativen Todesstoß ausholt: "Wirklich, ausgerechnet du!" Er schüttelte den Kopf.

"Welchen Abischnitt hattest du eigentlich?" "Zweikommasieben", nuschelte ich so leise wie möglich. "2,7?" Er macht übertrieben große Kulleraugen: "Alter! 2,7!! So schlecht war ich ja gerade mal in meiner schlimmsten pubertären Phase!!!" Ich startete einen letzten Versuch: "Auf die Noten kommts ja auch nicht wirklich an", sagte ich, "wichtig ist doch, dass man sich vorbereitet und für die Klausur lernt." Seinen Blick mitleidig zu nennen, wäre untertrieben gewesen.

Zum Glück klingelte es in diesem Moment an der Haustür. Ich nutzte die Chance, mich zu verdrücken, und ging hin, um zu öffnen. Draußen stand ein Mädchen aus seiner Klasse. Sie schüttelte meine Hand: "Hallo, ich bin gekommen, um mit Ihrem Sohn für die Klausur zu lernen."

Ich glaube, in dem Moment habe ich ziemlich dämlich ausgesehen. Aber sie hat es zum Glück nicht gemerkt, weil sie schon ins Haus gegangen war.

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