Integration Lammfleischköfte statt Eisbein
"Was passiert mit Oma und Opa, wenn sie älter werden?", fragte Seval Karakas früher ihre Eltern in der Türkei. Heute sitzt die 56jährige mit ihren Freunden an einem großen runden Tisch und fiebert einem Sieg beim Bridge-Spiel entgegen. Im Hintergrund erfüllt dezente türkische Musik den Raum.
Es ist für sie ein typischer Montagnachmittag in Berlin. Ihre Seniorengruppe trifft sich in dem gemütlichen Gemeinschaftsraum der Arbeiterwohlfahrt Friedrichshain- Kreuzberg. Alle sind sie türkische Einwanderer, die ehemals als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind.
Karakas kam 1969. Damals eine junge Frau, die das Leben in der Fremde noch vor sich hatte, ist sie heute eine ältere Dame die sich selbst fragen muss, was mit ihr passieren soll, wenn sie älter wird. Eines weiß sie sicher: "In ein deutsches Altenheim würde ich niemals gehen."
Viele ihrer Landsleute sehen dies ähnlich. Nur 40 Türken leben in den 270 Pflegeeinrichtungen Berlins, die Situation in anderen deutschen Städten ist ähnlich. Offensichtlich wollen die Einwanderer nicht in deutschen Altersheimen leben.
Doch keiner weiß, wer sie dann im Alter versorgen soll. Eine Rückkehr in die Türkei können sich viele nicht vorstellen, auf die Hilfe der Familie können nur wenige zählen. Es ist ein Problem, das immer größer wird, weil es immer mehr ältere Migranten über 60 Jahre gibt. Bis zum Jahr 2010 wird sich ihre Zahl auf mehr als 1,3 Millionen verdoppeln.
Bereits im Juni 2002 wurde ein Memorandum für eine "kultursensible Altenpflege" verabschiedet, um das Pflege-Problem zu lösen. Eine Vielzahl von Akteuren war beteiligt: die Bundesbeauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration, die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege, das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) und der AWO-Bundesverband und einige andere. Bis heute beteiligten sich über 150 Verbände und Institutionen mit über 200 bundesweiten Aktionen, doch die geringen Zahlen der derzeit stationär gepflegten älteren Migranten sprechen für sich.
"Die Gründe für die Ablehnung sind das Problem der Verständigung, die unterschiedliche Kultur, die Ess- und Trinkgewohnheiten, die Religion sowie die generellen unterschiedlichen Pflegeansprüche", meint Celal Altun, Generalsekretär der Türkischen Gemeinde zu Berlin e.V. Er stellte bereits vor drei Jahren ein Konzept auf, das das Gesundheitssystem reformieren sollte.
Auch wenn es nur ein Bruchteil von dem ist, was er eigentlich vorhatte, kann er einen Erfolg vermelden: Mitte November wird das erste türkische Altenheim in Deutschland eröffnet. Es ist ein Pilotprojekt der Türkischen Gemeinde und der Marseille-Kliniken AG, die bereits mit 61 Einrichtungen der stationären Gesundheitsversorgung in Deutschland vertreten ist. "Wir wollen damit endlich eine soziale Lücke schließen", sagt Altun.
Das Altenheim in Berlin ist auf die speziellen Bedürfnisse der türkischen Senioren eingerichtet. Statt deutschen Eisbeins gibt es Lammfleischköfte und andere türkische Gerichte. Es wird einen islamischen Gebetsraum geben, viel Platz für Familienangehörige und Waschräume, die für Frauen und Männer streng getrennt sind. Das Personal soll von der Putzfrau bis zum Pfleger zweisprachig sein.
Dennoch gibt es für die vorgesehenen 150 Betten nicht viele Anmeldungen. Der Informationsbedarf der türkischen Bevölkerung sei eben noch sehr groß, meint der Generalsekretär. Doch ist es wirklich nur das Problem des Nicht-Wissens? Seit Jahren schon werben viele deutsche Altenheime mit kulturspezifischen Angeboten, aber meist befindet sich dort kein einziger Migrant. "Ein Altenheim ist das Letzte, was diese Leute wollen," sagt Nare Yesilyurt - Karakurt.
Sie gründete 1999 die kulturspezifische Hauskrankenpflege DETA-MED in Berlin-Neukölln. Ihr Betrieb beschäftigt zurzeit 82 Mitarbeiter, die sich um das tägliche Wohl der älteren Migranten kümmern. Ein Altenheim bedeute immer Endstation und die Verdammung in die Einsamkeit, meint die Leiterin. Von ihren vielen Patienten hätten achtzig Prozent noch immer den Wunsch, in die Türkei zurückzukehren. Doch den meisten gelinge dies nicht zu Lebzeiten, sondern allenfalls nach dem Tod: Nur jeder fünfzigste Migrant ist hier beerdigt.
Wer vorher aber auf Hilfe angewiesen ist, kann nur selten auf seine Familie zurückgreifen. Es ist wohl nur ein Vorurteil, dass die türkischen Senioren von ihrer traditionell großen Familie versorgt werden können. Ihre Kinder sind mit dem täglichen Brotverdienen beschäftigt und haben keine Zeit, ihre Eltern zu versorgen. Darüber hinaus fehlt es am nötigen Platz.
Nur rund ein Viertel aller in Deutschland lebenden Migranten lebt in Mehrgenerationen-Haushalten. Viele wohnen alleine: von den 65- bis 70-Jährigen sind es über ein Drittel, von den über 75-Jährigen 43 Prozent. Umfragen zufolge wird ein Großteil also nicht von der Familie versorgt werden können, sondern ist auf professionelle Dienste angewiesen.
Möglicherweise auch Seval Karakas, die ihr Bridge-Spiel derweil gewonnen hat. Sie trinkt genüsslich ihren Tee und greift zum Baklava, einem türkisches Gebäck. Zusammen mit ihren Freunden ist sie sich einig: "Andere Länder, andere Sitten - die Türkei ist ein fremdes Land, aber auch Deutschland ist ein fremdes Land."
Ob sie für immer in die Türkei zurückkehren könne? "Nein", sagt Karakas. Die Idee, in ein türkisches Altenheim in Deutschland zu gehen, hält sie immerhin für "überlegenswert".
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