Intelligenz als Rohstoff - DER SPIEGEL
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Intelligenz als Rohstoff

Kaum ist die Lesestudie Iglu auf dem Markt, planen Bildungspolitiker schon wieder Großreformen. Dabei ging es den Forschern vor allem um besseren Unterricht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Abdullah muss aufs Klo, Muhammed schlägt mit seinem Mäppchen auf Ali ein, Mehmet rast zwischen den Gruppentischen herum. Keine Ermahnung hilft, und die Lehrerin greift zum letzten Mittel: Ein paar Mal schlägt sie mit einem Stöckchen auf einen kleinen Holzfrosch - und sofort halten die wuseligen Schüler der Klasse 2b inne.

"Jeder sucht sich jetzt eine Karte und macht eine Aufgabe", ruft Lehrerin Kirsten Tews. Brav zockeln die Kinder zum Karteikasten und ziehen eine Arbeitskarte zum Thema Lesen heraus. "Bei uns kreist fast alles um Lesen, Schreiben und Verstehen", sagt Tews, die in ihrer Klasse nur ein einziges deutsches Mädchen unterrichtet. 88 Prozent der Schüler in der Grundschule am Slomanstieg im Hamburger Stadtteil Veddel sind Ausländer.

Mit herkömmlichem Frontalunterricht - der Lehrer steht an der Tafel, die Kinder lauschen still - kommen Pädagogen in solchen Klassen nicht weiter. Daher bietet Tews so oft wie möglich "offenen Unterricht" an: Die Schüler lösen selbständig Aufgaben und stellen die Ergebnisse dann in Kleingruppen vor. Das Besondere: Jeder beschäftigt sich mit etwas anderem ­ je nach Wissensstand. Golner und Raschid etwa tragen beim "Partnerlesen" abwechselnd eine Geschichte vor. Ausdruck, Betonung und Textverständnis sollen sie so entwickeln.

Freier Unterricht statt Frontalbelehrung, Vorlesegruppen statt Stillarbeit, individuelle Rechtschreibhilfe statt Kollektivdiktat: Die moderne Grundschulpädagogik, für Lehrer seit Jahren der Alltag, ist seit vergangenem Dienstag ein nationales Politikum.

Für Punkt halb drei hatten Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) und die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU), turnusgemäße Präsidentin der Kultusministerkonferenz, in den Bundesrat geladen, um den Journalisten "ein erfreuliches Ergebnis" zu verkünden: Deutsche Schüler sind gar nicht so dumm, wie es die Bildungsstudie Pisa nahe legt - wenigstens nicht die in der Grundschule. Das sei die Lehre aus Iglu, einer repräsentativen "Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung".

Im Ranking der 35 Teilnehmerstaaten belegte das Pisa-geschockte Deutschland den elften Platz und liegt damit immerhin im vorderen Drittel. Bulmahn lobte sogleich deutsche Lehrer und Schüler - auch wenn die schlechter abschnitten als Litauer, Ungarn, Bulgaren und Letten. Allen voran führt Schweden, gefolgt von den Niederlanden und England.

Iglu macht nicht nur die Ministerin froh. Alle geben sich zufrieden und sehen sich bestätigt in dem, was sie immer schon wussten. Wie zu Pisa-Zeiten pickt sich jeder heraus, was ins eigene Weltbild passt - auch wenn die abschließenden Forschungsergebnisse noch gar nicht vorliegen.

Bulmahn fordert, die Grundschule mit ihrer besonderen Förderpädagogik auf bis zu acht Jahre zu verlängern. Denn die Probleme begännen ja offenbar erst ab Klasse fünf, wenn die Schüler auf Gymnasien, Real- und Hauptschulen aufgeteilt würden. Wie immer beim Gesamtschulthema stimmte die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft freudig mit ein, während der konservative Deutsche Philologenverband mault, statt über Strukturreformen zu debattieren, müssten endlich die eigentlichen Probleme angepackt werden.

Auch diese Bildungsstudie, von Bund und Ländern je zur Hälfte finanziert, eignet sich hervorragend für föderalistisch-zentralistisches Kompetenzgerangel: Bildungspolitik ist laut Verfassung Ländersache - also diskutieren unionsgeführte Länder wie Bayern und Sachsen Bulmahns Vorschlag erst gar nicht. Umso anhaltender hielten sich die Ministerin und ihre hessische Kollegin im Vorfeld der Pressekonferenz an einem anderen Thema fest: Tagelang stritten die Damen darum, wer in der Länderkammer als Erste zu den Journalisten sprechen dürfe.

Was sie im Detail zu sagen hatten? Dass weltweit 146.000 Kinder zum internationalen Leistungsvergleich antraten, darunter über 10.000 Schüler an 246 deutschen Primarschulen. Der Hamburger Bildungsforscher Wilfried Bos, Obmann der deutschen Truppe, sollte neben der Lesekompetenz auch das naturwissenschaftliche und mathematische Verständnis der Viertklässler erforschen - diese Daten fehlten bislang, weil die deutschen Grundschulen an der so genannten Tims-Studie 1995 nicht beteiligt waren.

Die Forscher interessierte vor allem, inwieweit die Schüler Texte und Probleme erfassen und durchdringen. Also beschäftigten sich die kleinen Probanden zunächst mit Kurzgeschichten nach dem Muster: Die größte Sorge eines Hasen ist ein mögliches Erdbeben. Als eine riesige Frucht vom Baum fällt, zittert der Boden, und Meister Lampe reagiert panisch. Doch ein freundlicher Löwe erklärt ihm, dass dies kein Erdbeben ist und nimmt ihm die Angst.

"Was war die größte Sorge des Hasen?", sollten die Kinder beantworten. Und: "Glaubst du, dass der Löwe den Hasen mochte?" Am nächsten Tag lösten sie naturwissenschaftliche Fragen und Mathe-Aufgaben: Vier Kinder messen die Breite eines Zimmers. Frank braucht zehn, Maren acht, Anja neun und Marc sieben Schritte. Wer hat den größten Schritt?

Die Antworten der Viertklässler klafften längst nicht so weit auseinander wie die der 15-Jährigen bei der Pisa-Studie. Bulmahn wertet dies als Erfolg: Alle Schüler verfügten offenbar über ein "vergleichbar hohes Kompetenzniveau" - ein Hoffnungsschimmer nach Pisa.

Kritiker bezweifeln allerdings, dass sich die beiden Untersuchungen überhaupt zueinander in Beziehung stellen lassen. Diesmal wurden Klassenstufen beurteilt, damals aber 15-Jährige - unabhängig davon, ob sie als Sitzenbleiber in Klasse acht oder als Überflieger in Klasse elf saßen. Zudem werden deutsche Kinder später als in anderen Ländern eingeschult. Deshalb maßen sich bei Iglu mitunter zehnjährige Deutsche mit achtjährigen Schotten. Und: Viele der an Pisa beteiligten Staaten nahmen an Iglu gar nicht teil. Allein zehn Länder, die sich vor zwei Jahren weit vor Deutschland platziert hatten, schwänzten nun.

"Ich kann das Ergebnis keineswegs als Erfolg der deutschen Grundschule werten", kommentiert Elsbeth Stern vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin trocken. Die Wissenschaftlerin hat die Mathe-Aufgaben für Iglu mit ausgewählt. "Würden wir einen der ersten Ränge belegen", sagt sie, "hätten die Bildungspolitiker einen guten Job gemacht - unser einziger Rohstoff in Deutschland ist schließlich Intelligenz. So haben sie allenfalls die Minimalanforderung erfüllt."

Tatsächlich deckt Iglu auch Schwächen der Grundschule auf: "Wir haben zu wenig Spitzenleser", schließt Studienleiter Bos aus den Daten, außerdem könne eine "Risikogruppe" von zehn Prozent nur einzelne Wörter in einem Text erkennen. "Weitere 30 Prozent", so der Wissenschaftler, "würden eigentlich auch auf der weiterführenden Schule speziellen Förderunterricht brauchen." Vor allem Migrantenkinder liegen in ihren Leistungen zurück, einige bis zu zwei Schuljahre - obwohl die soziale Herkunft der Grundschüler insgesamt weniger stark über Erfolg und Misserfolg entscheidet als bei den Älteren. Allen gemein sind Probleme mit der Rechtschreibung, und ein Fünftel verlässt die Schule mit "zum Teil erheblichen" Defiziten im Rechnen.

"Wir dürfen nicht bloß weitermachen wie bisher", fordert Bildungsforscherin Stern. Sie arbeitet an einer vergleichenden Studie, in der sich andeutet, dass Grundschüler in Bratislava wesentlich besser rechnen können als die in München, der Hauptstadt des deutschen Pisa-Siegers Bayern. "Unsere Kinder erwerben kaum anknüpfbares Wissen", kritisiert Stern. "Sie lernen monatelang subtrahieren, ohne mathematisches Denken zu schulen." Auch das könne ein Grund für die schlechten Pisa-Ergebnisse sein.

Trotz solcher Mängel sind sich die Wissenschaftler einig, dass die meisten Grundschulen pädagogisch erfolgreicher sind als die weiterführenden - und dies, obwohl die Deutschen im Jahr 1999 mit rund 3818 Dollar pro Kind 330 Dollar weniger in ihre ABC-Schützen investierten als im OECD-Länderdurchschnitt.

Doch das Letzte, was die Forscher wollen, ist eine Großdebatte um eine Strukturreform. Studienleiter Bos interessieren zunächst einmal Konzepte für einen erfolgreichen Unterricht mit fähigen Lehrern, die ihre Schüler fördern und ihnen die richtige Lerntherapie verordnen.

Von einer schlichten Ausweitung der Grundschulzeit hält der Wissenschaftler daher wenig. "Die Leistungen von Fünft-, Sechst- oder Siebtklässlern ändern sich nicht, solange die Lehrer dort wie bisher unterrichten", prognostiziert er. Vielmehr sollten sich die Pädagogen am Erfolgsgeheimnis ihrer Primarstufen-Kollegen orientieren: "Sie müssen Methoden entwickeln, mit denen sie den Sohn des Chefarztes ebenso wie die Tochter der türkischen Putzfrau erreichen. Dann können wir auch das gegliederte System beibehalten."

Grundschulen wie die von Abdullah, Muhammed, Ali und Mehmet versuchen sogar, die Eltern zu erreichen. Weil viele Väter und Mütter kaum Deutsch sprechen, bietet die Schulleiterin Hiltrud Kneuer Kurse für Erwachsene an - "sonst verankert sich die Sprache niemals zu Hause", sagt sie. Auf solch praxisnahe Ideen, meint Bos, kämen wenige Gymnasiallehrer. Kaum einer habe eine ausreichende pädagogisch-psychologische Ausbildung. "Die meisten erwerben ihre Kenntnisse in Seminaren über die Erziehungstheorien Rousseaus oder Pestalozzis."

Ende des Jahres wollen Bos und sein Team weitere Ergebnisse vorlegen, unter anderem das Länderranking der "mutigen Sieben" ­ jener Bundesländer, die sich einem innerdeutschen Vergleich stellen. Die Unterschiede, so kündigt der Iglu-Forscher an, betragen bis zu einem drei viertel Schuljahr.

Den Sekundarschulen droht indes der nächste Schlag. Im Rahmen einer neuen Studie des Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt sollen Wissenschaftler untersuchen, welche Fortschritte Schüler zwischen Grundschule und Klasse zehn überhaupt noch machen. Einen Verdacht hat Forscher Bos schon jetzt: "Zumindest an Hauptschulen wird es wohl manch einen Schüler geben, der seine Lesekompetenz seit der Grundschulzeit überhaupt nicht weiterentwickelt hat."

PER HINRICHS, JULIA KOCH, KATJA THIMM