Junge Elite "Wir wollen etwas verändern"
Heutige Schüler könnte man die echten Krisenkinder nennen - eigentlich. Arbeitslose Eltern, Jugendliche ohne Ausbildung, Terrorgefahr, Klimawandel - alles andere als rosige Aussichten. Doch während junge Erwachsene zwischen 20 und 35 eher düster und unsicher in die Zukunft blicken, zeichnen sich die noch jüngeren durch ungebremsten Optimismus aus. Schüler zwischen 15 und 20 Jahren arrangieren sich mit den prekären Aussichten und suchen nach neuen Wegen. Zur " Generation Krisenkinder" wollen sie nicht gehören.
"Uns wird mangelnder Idealismus vorgeworfen", reagiert die 19-jährige Abiturientin Eva Schulz aus Borken in ihrem Weblog auf das SPIEGEL-Porträt der Krisenkinder-Generation, "aber Idealismus ist doch heute unrealistisch. Wir haben ihn aufgegeben zugunsten von vernünftigerem Engagement."
Kein Wunder also, dass die Jugendlichen heute in die Lobbys, in die Wirtschaft oder die Medien wollen - "wir haben das Gefühl, dort mehr bewegen zu können", glaubt Eva, die Chefredakteurin einer Schülerzeitung ist, die ausschließlich im Internet erscheint.
Weil deutsche Politiker als unglaubwürdig empfunden werden, schalten viele Schüler bei tagesaktuellen Nachrichten auf Durchzug. Für einen Politiker können sich die meisten aber doch begeistern: Barack Obama. Viele glauben, dass der US-Präsident viel bewegen wird. "Ich bin sein Fan, weil er ein toller Rhetoriker ist", sagt der hessische Schüler Jonny Kumar, 17. "Obama bringt so viel Energie rüber, das würde ich mir auch von deutschen Politikern wünschen", findet auch Rick Noack, 16, aus Dresden.
Ein akutes Krisengefühl haben die wenigsten der Schüler-Journalisten - sie kennen ihr Leben nicht anders. Sie wissen, dass Sicherheit und Jobs nicht mehr selbstverständlich sind, doch ihre Zeit ist ihnen zu wertvoll, um sich darüber aufzuregen. Sie sind kompromissbereit und kommen deshalb gut mit ihren Eltern aus. Rebellion, Auflehnung? Weit gefehlt - lieber basteln sie an ihrer Selbstdarstellung im Netz.
Fast alle Jugendlichen, die in diesem Jahr vom SPIEGEL für ihre Schülerzeitungen ausgezeichnet wurden, sind bei Communitys wie SchülerVZ oder Facebook registriert. Die Nachwuchsjournalisten sind täglich mehrere Stunden online, lesen Nachrichten, chatten, recherchieren und schreiben. Sie glauben, dass ihr späterer Beruf ihnen nicht nur Geld, sondern vor allem Spaß und Erfüllung bringt. "Wir wollen darin aufgehen und unsere Persönlichkeit einbringen. Gleichzeitig wollen wir etwas verändern, etwas aufbauen", sagt Eva, "wir haben ein leidenschaftliches Bild von Arbeit."
Trotz Medienkrise wollen nicht weniger der Schülerzeitungsmacher Journalisten werden. "Wenn man gut genug ist, kriegt man alles hin", glaubt Rick Noack. Um dieses Ziel zu erreichen, beschreiten sie höchst unterschiedliche Wege. Sieben Porträts zeigen, wie die Schüler ihr Leben planen, was sie denken und wovor sie Angst haben.
Jonny, 17, betreibt effektives Zeitmanagement
Wer Jonny Kumar aus Steinbach in Hessen telefonisch erreichen will, hat es nicht leicht. Sein Handy ist besetzt, sofern er sich nicht gerade in Terminen befindet - etwa Unterredungen mit dem Schulleiter, Konferenzen für die Schülerzeitung, der Planung von Schulveranstaltungen oder bei den Jusos. Gerade hat Jonny als Vorsitzender eines Pilotprojekts einen viertägigen Sportwettkampf für mehr als tausend Schüler organisiert. "Ich habe immer viel zu tun. Ich will jede Stunde meiner Zeit effektiv nutzen", sagt Jonny und klingt bereits wie ein Manager, wenn er erklärt: "Wie viel man schafft, ist nur eine Frage des Zeitmanagements."
Er spricht gern über Politik, Staat und Gesellschaft und ist ein großer Obama-Fan, "weil der ein toller Rhetoriker ist, der Menschen begeistern kann und zu Partizipation motiviert". Das Gemeinschaftsgefühl zu fördern findet Jonny wichtig, weil er es liebt, wenn sich Leute zusammentun und gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Der Zusammenhalt leide unter der Finanzkrise, findet Jonny. "Weil die Besitzverhältnisse noch ungleicher verteilt sind, entsteht mehr Neid und Missgunst", glaubt er.
Um seine persönliche Zukunft sorgt er sich trotzdem nicht. "Ich bin mir sehr sicher, was ich machen will: Wirtschaftswissenschaften studieren, am liebsten in St. Gallen." An seinem Weg dorthin arbeitet er so ehrgeizig wie an allen anderen Verpflichtungen. Zu heiraten und eine Familie zu gründen, kann er sich nicht vorstellen. "Das würde mich weniger flexibel und mobil machen. Würde ich Menschen an mich binden, würde ich ihnen damit wohl eher schaden."
Rick, 16, führt ein zweites Leben im Netz
Rick führt regelrecht ein zweites Leben im Internet. Sobald er nach Hause kommt, schaltet er den Computer an und liest Nachrichten der "New York Times". Mehrmals am Tag postet er auf Twitter, was er gerade so macht. Bei Facebook, Lokalisten und SchülerVZ knüpft er neue Kontakte, er dreht Filme und veröffentlicht sie auf YouTube, in einem Blog schreibt Rick die Schulnachrichten für die Schülerzeitung "Platonium" auf.
Geschätzte 200 Jugendliche hat er allein über das Netz kontaktiert. Lernt Rick neue Leute kennen, werden sie gegoogelt. "Ich hasse es, nichts zu tun", sagt der 16-Jährige über sich, "und ich muss immer mit jemandem reden." Deshalb läuft etwa sechs Stunden am Tag sein Chatprogramm, gleichzeitig erledigt er Hausaufgaben oder recherchiert für die Schülerzeitung. "Ich weiß nicht, wie das Leute vor hundert Jahren gemacht haben, die ganze Nachmittage allein zu Hause saßen", sagt Rick.
Seit einem zweimonatigen Aufenthalt in Kalifornien ist auch Rick Obama-begeistert. "Deutsche Politiker sind dagegen langweilig. Obama hat im Wahlkampf eine solche Energie und Euphorie rübergebracht - das würde ich mir auch von deutschen Politikern wünschen."
Nach der Schule möchte er Fernsehjournalist werden und hat deshalb mehrere freiwillige Praktika gemacht, etwa bei CNN in Berlin. Von seinem späteren Beruf erhofft er sich, dass er ihm Geld, Erfüllung, Spaß, Karriere und Ansehen bringt. "Journalismus macht mir einfach Spaß, deshalb stecke ich fast meine gesamte Zeit hinein. Und wenn man gut genug ist, kriegt man auch alles hin."
Sarah, 18, lernt nur für sich selbst
Karriere, Jobsuche, am Lebenslauf basteln - das nervt Sarah Scherzer einfach. Klar will sie sich weiterentwickeln, doch Glück mit Ansehen und Geld zu verbinden, käme Sarah nicht in den Sinn. "Materielles bringt mir nur ein kurzes Glücksgefühl. Mahatma Gandhi ist mein Vorbild - er brauchte gar nichts, hat aber viel bewegt. Er ist die Abstinenz in Person. Das finde ich toll."
Auch Sarah hat bereits Praktika, sie möchte nach der Schule Geisteswissenschaften studieren, vielleicht Linguistik oder Französisch. Auf gar keinen Fall würde sie wegen besserer Jobchancen BWL oder Ingenieurswissenschaften studieren. "Wenn ich lerne, tue ich das für mich. Ich habe hohe Ansprüche an mich selbst, das ist aber nicht zwangsläufig das, was Lehrer, Arbeitgeber oder Berufsberater von mir wollen."
Mehr Angst als vor Wirtschaftskrisen hat sie vor dem Klimawandel oder Einsamkeit. Den Computer zu Hause benutzt Sarah, um kurz ihre E-Mails zu checken, bei SchülerVZ reinzuschauen oder für die Schülerzeitung "Penny Lane" zu recherchieren. Ungern sitzt sie zu lange an Bildschirmen, Fernsehen schaut sie nie, "höchstens mal gezielt eine DVD". Lieber ist sie in Berlin mit ihren Freunden unterwegs, denn ihr soziales Umfeld bedeutet ihr am allermeisten.
Michael, 20, findet Politik selbstverständlich
Der Schweizer Schüler Michael Küng weiß, welches Übel er bekämpfen möchte: "Neokapitalisten, Diktatoren, Extremisten und Fanatiker" stehen auf der Liste seiner Feindbilder. Deswegen engagiert sich Michael in seiner Freizeit vor allem politisch: Bei Amnesty International organisierte er Benefizkonzerte für Opfer von Frauenhandel, als Mitglied der Jusos sammelt er Unterschriften gegen degressive Steuersätze oder arbeitet in Initiativen gegen den Kauf neuer Kampfflugzeuge.
Klar, dass er sich auch auf Demonstrationen blicken lässt, so zog er etwa mit seinen Freunden gegen die Tibet-Politik Chinas vor das Regierungsgebäude in Bern. Viermal im Jahr simuliert Michael mit 200 anderen Jugendlichen eidgenössische Sitzungen der schweizerischen Bundeskammer und reicht die Beschlüsse an Parlamentarier weiter. "Zwei Abgeordnete der Grünen haben neulich sogar unsere Ideen zur Offenlegung von Parteifinanzen in der Bundeskammer aufgegriffen", berichtet er.
Michael findet es selbstverständlich, sich immer über tagesaktuelle Politik zu informieren und in der Schule darüber zu sprechen - auch wenn das in seiner Klasse nur drei von 20 Schülern tun.
Michaels Vater arbeitet als Redakteur bei einer Tageszeitung und berichtet ihm immer wieder vom Zeitungssterben. Trotzdem möchte auch der Sohn Journalist werden. "Ich sehe da weniger pessimistisch in die Zukunft. Journalismus wird bleiben, ob online oder gedruckt. Und das Geld ist mir nicht so wichtig wie Erfüllung und Spaß bei der Arbeit."
Ildiko, 18, gibt die Familie Halt
Ihre Mutter ist Ildikos Mannspergers größtes Vorbild. "Weil sie sich immer hundertprozentig für das einsetzt, was sie will und mit ganzem Herzen dabei ist", sagt die Abiturientin über ihre Mutter. Dabei höre sie auch auf ihr Bauchgefühl und entscheide nicht immer nur rational. Wenn es um Berufswünsche geht, möchte auch Ildiko deshalb auf ihr Gefühl hören.
An der FH Stuttgart-Vaihingen Werbung und Kommunikation zu studieren, wäre ihr recht, denn der Seminarkurs über Öffentlichkeitsarbeit hat ihr schon in der Schule gut gefallen. Dann könnte sie auch zunächst zu Hause wohnen bleiben. "Das wäre nicht nur bequem für mich. Sondern ich würde auch den Bezug zu meinen Eltern nicht verlieren, wenn wir weiter abends gemeinsam am Tisch säßen", meint Ildiko, die später "auf jeden Fall" selbst Kinder haben möchte.
Die Familie ist ihr größter Halt in Zeiten, in denen Freunde und Beziehungen ständig wechseln und sie sich mit Zukunftsängsten beschäftigt. Wegen der Finanzkrise finden sie und ihre Freunde keine Ferienjobs mehr. Und weil im nächsten Jahr die Gymnasialzeit in Baden-Württemberg um ein Jahr verkürzt wird, werden 2010 doppelt so viele Jugendliche ihr Abitur ablegen. "Das gibt dann ganz schön viel Konkurrenz um Studienplätze. Ich glaube, aus meinem Jahrgang traut sich niemand, ein Jahr mit Reisen zu verbummeln oder ein Freiwilliges Soziales Jahr zu machen. Zu groß ist Angst, von den anderen abgehängt zu werden."
Lilly, 16, philosophiert an der Uni
Lilly Kroth kann sich vor allem für die philosophische Weisheit begeistern. Die Anforderungen der Schule erfüllte sie schon immer mühelos, und als sie zum zweiten Mal eine Klasse überspringen sollte, entschied sie sich stattdessen zu einem Philosophiestudium an der Uni Augsburg.
Jetzt ist sie im zweiten Semester und vergleicht fernöstliche mit westlicher Philosophie. "Am Anfang wurde ich komisch angeguckt. Mittlerweile erzähle ich einfach nicht mehr, dass ich noch Schülerin bin", sagt Lilly. In der Uni geht es ganz anders zur Sache als in der Schule, und bei der Hausarbeit über den Wahrheitsbegriff des Mathematikers Gottlob Frege musste sie sich ziemlich reinhängen.
Schreiben fällt Lilly leicht, deshalb ist sie Chefredakteurin ihrer Schülerzeitung "Irrational". Doch Lehrerinterviews zu veröffentlichen, reichte ihr bald nicht mehr, deswegen stellte sie bald mit einer Freundin den eigenen Blog ins Netz. Dort schreibt sie über Markenbewusstsein von Jugendlichen oder den Unterschied zwischen den Schulfächern Ethik und Religion.
In ihrer Freizeit verfasst Lilly Gedichte und Bühnentexte. Durchaus mit Erfolg: Als sie an ihrem 16. Geburtstag vor 300 Leuten den ersten Auftritt bei einem Poetry Slam wagte, holte sie mit ihren Reimen auf Anhieb den ersten Platz. Nach der Schule möchte Lilly jedoch erst einmal Jura studieren, "schließlich will ich ja auch mal Geld verdienen. Schriftstellerin kann ich dann ja immer noch werden."
Uwe, 19, bleibt bodenständig in der Heimat
Uwe Grünefeld wohnt in Ostfriesland, die Eltern führen einen Bauernhof. Seine zwei älteren Brüder sind Landwirte geworden, doch Uwe kann sich ein Arbeitsleben in dem Agrarbetrieb der Eltern nicht vorstellen. Er ist technik- und computerbegeistert und könnte nur schwerlich ohne den Rechner und das Internet auskommen, "unglaublich monoton" fände er das. Schließlich hat er 80 Prozent seiner Freunde über das Internet kennengelernt.
In Foren tauscht er sich mit ihnen über Programmiersprachen aus oder postet sein Interesse an gemeinsamen Projekten. In seinem Chatprogramm ICQ hat er über hundert Jugendliche aus Berlin, München oder dem Saarland auf der Freundesliste stehen. "Am Anfang haben wir uns nur für spezielle Projekte zusammengetan. Mittlerweile quatschen wir aber auch über Privates oder helfen uns gegenseitig bei den Hausaufgaben. In einem gemeinsamen Blog schreiben Uwe und seine Internet-Freunde Texte über das, was sie gerade bewegt - das können Atomwaffen-Ambitionen Nordkoreas oder die neueste Casting-Show sein.
Uwe möchte seine Heimat nach dem Abitur nicht verlassen. Schließlich verbindet ihn vieles mit Ostfriesland: Seit Jahren leitet er den Kindergottesdienst, spielt im Posaunenkorps, ist Chefredakteur der Schülerzeitung, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und Webmaster der Homepage seines Dorfes. "Das kann ich doch nicht alles über den Haufen schmeißen", sagt Uwe und will deshalb im nahegelegenen Oldenburg Informatik studieren. Auch wenn ihn der Schwerpunkt Künstliche Intelligenz sehr interessiert, doch den hätte es nur in Berlin oder Kaiserslautern gegeben.