Junge Japaner: Nicht ohne mein Handy - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Junge Japaner Nicht ohne mein Handy

Statt miteinander zu reden, verschicken sie lieber SMS. Mit ihrem Mobiltelefon verbringen japanische Jungen im Schnitt anderthalb Stunden am Tag, Mädchen sogar zwei Stunden. Ein Pädagogikprofessor ist besorgt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Lieblings-Spielzeug japanischer Schüler - eine zeitlang war es klein und rund, hatte ein Display und sah aus wie ein Ei. Es hieß Tamagotchi. In der meist quietschbunten Plastikverpackung lebte ein virtuelles Küken, um das man sich vom Zeitpunkt des Schlüpfens an per Knopfdruck kümmern musste. Es brauchte Futter, wollte betüdelt und bespaßt werden. Wenn es starb, konnte man sich schnell ein Neues heranzüchten.

Die kleinen Küken sind inzwischen aus den Hosentaschen der Schüler verschwunden. Was darin stattdessen immer öfter zu finden ist: ein Handy. Das neue Lieblingsspielzeug japanischer Schüler hat also ebenfalls ein Display und viele Knöpfe. Einer Umfrage der japanischen Regierung zufolge benutzt bereits ein Drittel aller Grundschüler ein Mobiltelefon. In der weiterführenden Schule sind es sogar 96 Prozent.

Mit ihm verschicken die Jugendlichen SMS, plaudern miteinander, hören Musik und surfen im Internet. Sie tun also genau das gleiche, wie italienische, russische oder deutsche Jugendliche. Allerdings verbringen sie ganz schön viel Zeit mit dem rechteckigen Gerät: Japanische Jungen benutzen ihr Handy im Schnitt über anderthalb Stunden, Mädchen sogar mehr als zwei Stunden am Tag. Auf die Frage, was ihnen abgesehen von ihrem eigenen Leben am wichtigsten sei, antworteten viele japanische Schüler "Mein Handy", sagte Masasji Yasukawa, Vorsitzender des Nationalen Internet-Beratungsgremiums.

Um die 14 Jahre alte Schüler verschicken besonders gern Kurzmitteilungen. Sie fühlen sich sicherer, wenn sie es nicht mit einem Gegenüber aus Fleisch und Blut zu tun haben, sagte der Pädagogikprofessor Tetsuro Saito. Dieses neue Kommunikationsverhalten seiner jungen Landsleute bereitet ihm Sorge.

Die Angst, dass Schüler SMS verschicken, weil sie sich nicht trauen, ihr Gegenüber anzusprechen, ist nicht ganz unbegründet. Die 18-jährige Tomomi zum Beispiel sagt: "Es gibt Leute, mit denen ich nicht spreche, selbst wenn ich sie in der Schule sehe. Wir tauschen nur Nachrichten aus. Ich schätze, uns verbindet nur ein Apparat."

kat/AFP