Junge Seelsorgerin: Schicksale und Scherzanrufer - DER SPIEGEL
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Junge Seelsorgerin Schicksale und Scherzanrufer

Bei Antonia Paus, 20, rufen Jugendliche an, die Probleme haben: verstörte Vergewaltigungsopfer genauso wie Schulschwänzer. Die Schülerin arbeitet ehrenamtlich am Sorgentelefon und muss so einiges verkraften - großes Unglück genauso wie lästige Streiche.
Von Rick Noack
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal hört Antonia Paus* gar nichts mehr am Ende der Leitung. Das sind die Momente, in denen sie unglücklich ist, weil sie denkt, dass sie verloren hat. Wenn die Anrufer einfach auflegen, kann ihnen die 20-Jährige nicht helfen. Und Antonia legt ihren Telefonhörer mit dem Gedanken weg, dass sich jetzt vielleicht jemand umbringt.

Die Schülerin arbeitet ehrenamtlich für die Telefonberatung "Hoffnungsfunken", die Jugendlichen aus ganz Deutschland und speziell Regensburg per Telefon Mut macht. "Gleichaltrigen helfen zu können, macht mich glücklich", sagt Antonia. Dafür opfert sie einen Großteil ihrer Samstage.

Ihre erste Schicht begann vor drei Jahren. Beim Telefonieren sitzen die Berater im Regensburger Büro der Organisation, gedämpfte Gespräche dringen aus den Nebenräumen. Ungefähr 20 Anrufe bearbeitet Antonia jeden Samstag. Wenn es klingelt, versucht sie, möglichst nett zu klingen. Sie will ermutigen, will den Menschen sagen: Ich bin für dich da, ich höre dir zu.

"Das ist schon krass"

Schon bei einem ihrer ersten Telefonate blieb es allerdings still in der Leitung, minutenlang. Schließlich begann ein Mädchen zu weinen. An dieser Stelle ist oft Schluss. Viele Anrufer legen dann auf, ohne etwas gesagt zu haben.

An diesem Tag erzählte jedoch eine 14-Jährige von Schmerzen im Unterleib. "Tabletten helfen nicht", schluchzte sie. Das Mädchen wurde vergewaltigt, hörte Antonia aus der Schilderung heraus. Sie hat in einer Ausbildung für diesen Job gelernt, in solchen Situationen das Wort Vergewaltigung besser zu meiden. "Das kann die Verunsicherung der Anrufer noch verschlimmern", erklärt Antonia. Möglichst behutsam vorgehen, Zweifel zerstreuen.

Das Mädchen plagten Selbstvorwürfe. War sie etwa schuld an dem, was ihr passierte? "Beruhigen und Mut machen - das sind in diesem Fall meine Aufgaben", sagt Antonia. Mitten im Gespräch platzte jemand in das Zimmer. Antonia hörte einen Mann schimpfen, bevor die Anruferin auflegte.

Bei dem Kinder- und Jugendtelefon, das dem Dachverband "Nummer gegen Kummer" untergeordnet ist, handelt es sich um eine Einmal-Beratung. Die Helfer an den Telefonen sollen Ratschläge geben und keine Anzeige bei der Polizei erstatten. Sie sollen helfen - aber nur mit Worten. "Ich habe mich damit abgefunden, dass ich deshalb nur sehr eingeschränkt arbeiten kann", sagt Antonia. Für sie zähle, überhaupt einem Jugendlichen Probleme abnehmen zu können. Sie klingt fröhlich, spricht schnell. Manchmal sagt sie: "Das ist schon krass."

Scherzanrufer bestellen Pizza

Als engagierte Jugendliche und Erwachsene das Projekt "Hoffnungsfunken" 2006 gründeten, war Antonia eine der ersten, die daran teilnehmen wollte. Alle Bewerber mussten eine 70-stündige Ausbildung absolvieren. "Im Workshop haben wir uns gegenseitig unsere eigenen Probleme erzählt und dann darüber diskutiert", erzählt Antonia. Außerdem beobachtete sie erwachsene Seelsorger bei der Arbeit am Telefon.

Der Job hat sie verändert, meint Antonia. "Ich merke, dass ich mich weiterentwickelt habe. Wenn mich Freunde um Rat fragen, helfe ich viel bewusster, das Problem zu lösen." Sie darf nicht einfach auflegen, wenn sie nicht mehr weiter weiß, sondern muss nach neuen Lösungsansätzen suchen. "Nur die Scherzanrufer nerven mich. Wenn gerade eben ein Jugendlicher mit dir über Selbstmord gesprochen hat und dann jemand in den Hörer brüllt, er sitze auf einem Klo und komme nicht mehr runter, dann bekommst du Wut", erklärt die junge Beraterin. Manchmal rufen Leute an, spielen ihr auf dem Klavier vor, singen in den Hörer oder bestellen kichernd eine Pizza.

Nach 20 Anrufen in zwei Stunden ist Feierabend. Antonia versucht dann, nicht mehr allzu viel über das nachzudenken, was sie gerade gehört hat. "Zum Glück kann ich gut verarbeiten. Ich spreche oft mit Freunden oder Kollegen anonym über Probleme, um beim nächsten Telefonat besser vorbereitet zu sein. Ansonsten beschäftige ich mich nur in den seltensten Fällen nach Dienstschluss noch mit Schicksalen von Anrufern. Das ist Selbstschutz, ohne den würde es gar nicht funktionieren."

Etwa wenn sie von einem Jungen erfährt, der weiß, dass er bald sterben muss. "Er hat bei uns angerufen, hat erzählt, dass er unheilbar krank sei. Und dann hat er gesagt, er wolle so nicht mehr leben. Sein Wunsch war, dass man ihm die lebenserhaltenden Maschinen abstellt. Ich konnte ihm nicht helfen. Das Thema hat mich noch Tage danach gequält."

(* Name von der Redaktion geändert)