Kerle als Kindermädchen: Hilf mir, Super-Manny - DER SPIEGEL
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Kerle als Kindermädchen Hilf mir, Super-Manny

Der männliche Au-pair ist die neue Mary Poppins - pflegeleicht statt zickig, braucht nicht lange im Bad und isst fast alles. Gastfamilien mögen "Mannys". Nur Väter stellen sich manchmal quer, wenn ein Bewerber zu gut aussieht. Vier junge Männer erzählen, warum sie den traditionellen Mädchenjob lieben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Mary Poppins mit Freund Bert (am Broadway): Jetzt dürfen gern mal Kerle zum Kindersitten

Mary Poppins mit Freund Bert (am Broadway): Jetzt dürfen gern mal Kerle zum Kindersitten

Foto: GEORGE HOLZ/ AP

Wo früher eine Mary Poppins mit Schürze und Schirm durch Kinderzimmer schwebte, wirbelt heute immer häufiger die männliche Nanny. Besonders alleinerziehende Mütter freuen sich über die Helfer als Papa-Ersatz - aber auch Au-pair-Agenturen loben jene jungen Männer, die sich für den traditionellen Mädchenjob entscheiden.

"Von Gastfamilien erhalten wir immer wieder das positive Feedback, dass männliche Au-pairs williger und nicht so zickig sind wie Mädchen", sagt Liane Kamin von einer Agentur Aupair-Ark.de aus Holzgerlingen. Livia Fröhlich von "Au Pair und Family" aus Berlin drückt es so aus: "Männliche Bewerber zeichnen sich durch eine größere seelische Stabilität und hohes Engagement aus." Wer erst einmal die spöttischen Blicke und Bemerkungen seiner Kumpel ertragen habe, engagiere sich in seinem Job wesentlich stärker als ein Mädchen, das nur Au-pair werde, weil alle es werden.

Eine englische Agentur lobhudelt in ihrem Blog von Mannys, den männlichen Nannys, als ob ein Verkaufssender vom neuen Bestseller schwärmt:

"Ein männlicher Au-pair zeigt sich für gewöhnlich sehr flexibel bei den 'praktischen Aspekten' seines Aufenthaltes. Ohne zu verallgemeinern, sind sie doch in der Regel nicht so pingelig, was sie essen (dafür essen sie vielleicht mehr!), wo sie schlafen (ein einfaches Schlafzimmer, spärlich möbliert, reicht aus!), wenn sie das Badezimmer teilen müssen (sie brauchen auch nicht so lange!). Außerdem sind für sie auch eine ländlichere Umgebung und Tiere im Haus in Ordnung."

Jährlich gehen Tausende junge Männer und Frauen als Au-pair von Deutschland ins Ausland. Wie viele Männer es genau sind, weiß niemand. Vielleicht drei Prozent, vielleicht fünf oder zehn - jedenfalls eine klare Minderheit. "Aber seit drei, vier Jahren fragen immer mehr junge Männer an", sagt Judith Liehr von Au-pair-Society, dem Bundesverband der Au-pair-Vermittler, Gastfamilien und Au-pairs. Auch Gastfamilien zeigen sich demnach zunehmend offener.

Einige wenige Agenturen weigern sich, Männer zu vermitteln - manchen ist es zu anstrengend, denn ein Au-pair-Junge muss immer noch vier- bis fünfmal so lange wie ein Mädchen auf Familienanschluss warten. "Einige Gastfamilien glauben, dass Mädchen besser mit Kindern umgehen können", sagt Judith Liehr. "Häufig stimmt das ja auch. Manchmal ist in der Familie auch ein Mädchen gerade in der Pubertät - und vielleicht denken Gasteltern, dass es nicht so eine gute Idee ist, einen jungen Mann ins Haus zu holen."

Der Argwohn mancher Gastväter kann eine Rolle spielen - sie "stellen sich oft quer, vor allem, wenn die Bewerber auf ihren Bildern zu gut aussehen", sagt Livia Fröhlich von der Berliner Agentur. Bei einem Au-pair-Mädchen haben die Männer freilich weniger Probleme.

Wie geht es Mannys? Vier berichten auf SPIEGEL ONLINE über ihren Job:

Philipp Kalk, 23, und die vier wilden Kerle in New York: "Erst mal möchte ich nichts mehr mit Kindern zu tun haben"

Au-pair Philipp: "Sehr geehrte Frau Kalk..."

Au-pair Philipp: "Sehr geehrte Frau Kalk..."

Foto: Philipp Kalk

"Als ich damals Post von meiner Au-pair-Agentur bekommen habe, hieß ich immer 'Frau Kalk'. Die Briefe waren so vorgefertigt, dass alles auf Mädchen abgestimmt war. Bei unserem dreitägigen Vorbereitungskurs war ich der einzige Junge unter 250 Mädchen.

Was sie gedacht haben, weiß ich nicht, wir haben nicht darüber gesprochen. Ich an deren Stelle würde es aber gut finden, wenn Jungen als Au-pair arbeiten. Männer sollten doch auch Windeln wechseln können.

Meine Agentur hat mir damals gleich gesagt, dass die Voraussetzungen für männliche Au-pairs anders sind. Männer müssen viel mehr Stunden vorweisen, in denen sie Kinder betreut haben.

Natürlich ist Au-pair noch ein klassischer Mädchenjob. Vielleicht haben viele Männer keine Lust, Kinder zu erziehen, weil sie zu stolz sind. Vielleicht denken sie: Nee, das machen nur Mädchen. Vielleicht ist es auch einfach noch so von früher drin, dass Männer in den Krieg ziehen und Frauen auf die Kinder aufpassen.

Ich weiß nicht, ob mein Job was für Mädchen wäre

Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Auch meine Familie und meine Freunde fanden es nicht komisch. Vermutlich, weil ich schon meinen Zivildienst in einer Schule für Kinder mit Behinderungen gemacht. Oder weil ich hier auf vier Jungs aufpasse. Ich weiß nicht, ob das unbedingt was für Mädchen wäre. Die vier sind ziemlich wild. Die Zwillinge sind fünf, einer ist sieben, der älteste zwölf Jahre alt.

Bis 16 Uhr bin ich mit dem einen Zwilling allein, die anderen sind in der Schule. Wir malen manchmal, basteln Papierflieger oder Armbänder mit Perlen. Ich bin aber ehrlich gesagt nicht so der große Bastelfan. Meist sind wir draußen und klappern die Spielplätze ab. Später koche ich für die Kinder, das fällt mir leicht, schließlich habe ich eine Ausbildung zum Koch gemacht. Manchmal muss ich auch staubsaugen und aufräumen. Das nervt etwas.

In ein paar Tagen sind die elf Monate rum. Im Sommer beginne ich ein zweijähriges Studium an einer Hotelfachschule in Hamburg. Ich liebe Kinder, und ich glaube, ich kann genauso gut mit ihnen umgehen wie Frauen. Aber ich bin nicht nur wegen der Kinder Au-pair geworden, sondern auch wegen der Sprache.

Und ich muss sagen, jetzt ist es erst mal genug. Erst mal möchte ich nichts mehr mit Kindern zu tun haben. Die vier sind nicht ohne. Auch wenn ich sie und meine Gasteltern sehr vermissen werde."

Jonathan Steinkle, 22, in Denver: "In Männern steckt so etwas Spielerisches, das mögen Kinder"

Au-pair Jonathan: Mit den Kindern Rampen für die Schlitten gebaut

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Foto: Jonathan Steinkle

"'Au-pair? Das machen doch nur Schwule!' So haben meine Freunde reagiert, als ich ihnen gesagt habe, dass ich als Au-pair nach Amerika gehe. Mir war das egal. Das ist ein gutes Training für später. Schließlich will ich irgendwann eine eigene Familie haben.

Ich wollte unbedingt raus aus Deutschland, was Neues erleben. Und ich wollte unbedingt nach Amerika. Ich hätte auch in Florida bei Disneyland arbeiten können. Aber der Au-pair-Job war besser bezahlt, außerdem hatte ich mehr Lust auf ein Au-pair-Kind, als bei Disneyland zu stehen.

Meine Gastfamilie hat mich damals am Flughafen abgeholt. Mit einem Schild: 'Welcome, Jonathan!' Der Kleine, Brock, war damals drei Jahre alt. Er war bei seiner Mutter auf dem Arm und hat sich da versteckt. Der Ältere, damals sieben, und der Vater waren auch dabei. Als wir nach Hause gefahren sind, wurde Brock immer gesprächiger. Irgendwann hat er gar nicht mehr aufgehört zu reden.

Mit Brock habe ich mich superkrass verstanden. Mit ihm war ich eigentlich immer zusammen, der Ältere war schon in der Schule. Brock hat mir so vertraut. Einmal waren wir mit der Familie auf Hawaii. Am Wasser war ein Steg, vielleicht zwei Meter hoch. Brock konnte noch nicht ganz allein schwimmen und auch nur ein bisschen tauchen. Er ist dann Hand in Hand mit mir ins Wasser gesprungen. Das hat er sonst mit niemandem gemacht, auch nicht mit der Mutter.

Kinder haben keine Ahnung? Von wegen

Nach mir ist ein Mädchen aus der Ukraine als Au-pair in die Familie gegangen. Sie hat sich dummerweise gleich zu Beginn ein Bein gebrochen, beim Schlittschuhfahren. Ich habe mit den Jungs alles gemacht. Wir waren mit Mountainbikes und Schlitten unterwegs. Die haben immer so Rampen gebaut, und wir sind da drüber gesprungen. Und sie bricht sich gleich das Bein...

Brock ist anfangs gar nicht mit ihr klargekommen und hat ihr gesagt: 'Du bist schuld, dass Jonathan weg ist.' Seit ein paar Monaten bin ich wieder in Deutschland, ich hätte gern noch Kontakt zu ihm - aber ich glaube, das würde ihn nur durcheinander bringen.

In uns Männern steckt so etwas Spielerisches. Das mögen die Kinder, glaube ich. Frauen sind gefühlsmäßig besser. So: 'Oh, hast du Aua.' Auf Mädchen habe ich noch nie aufgepasst. Ich würde mir aber schon eine Tochter wünschen.

In der neunten Klasse habe ich mal ein Praktikum im Kindergarten gemacht. Die Kinder waren supersüß. Viele denken, Kinder haben keine Ahnung. Aber manchmal erzählen die dir Sachen, auf die würdest du niemals selbst kommen. Ich bringe Kindern auch gern was bei.

Beruflich will ich trotzdem nichts mit Kindern machen. Als Erzieher verdient man gar kein Geld. Und das sein Leben lang zu machen? Da kommt man auch nicht weiter."

Stephan Waeke, 25, in Canterbury: "Er sollte einen großen Bruder haben"

Au-pair Stephan: "So eine Art Vaterfigur"

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Foto: Stephan Waeke

"Meine Gastfamilie hatte vor mir nur weibliche Au-pairs. Sie haben jetzt mal einen Mann ausprobiert, damit ihr Sohn so etwas wie einen großen Bruder hat. Männliche Au-pairs betreuen meist Jungs. Ich glaube, die Jungen sind zufriedener mit einem Mann als mit einer Frau. Ich spiele wahrscheinlich mit ihm mehr Fußball, Lego, baue Boote und Raketen. So Jungssachen halt.

Ich habe eine Ausbildung zum Speditions- und Logistikkaufmann gemacht. Danach wurde ich erst übernommen, dann kam die Wirtschaftskrise und es gab keine Jobs mehr. Also bin ich ins Ausland. Ich wollte nicht auf mich allein gestellt sein, wollte ein bisschen Geld verdienen und meine Englischkenntnisse verbessern, deswegen habe ich mich für eine Gastfamilie entschieden.

Meine Au-pair-Agentur hat mir gesagt, dass Frauen zwar häufiger gesucht werden, aber dass es nicht unmöglich ist, Männer zu vermitteln. Bei mir ging es letztlich relativ schnell. Nach einem Monat hatte ich die Familie.

Man sieht hier, ob man schon bereit für ein Kind ist

Vor der Ausbildung habe ich ein soziales Jahr gemacht. Ich habe in der Zeit im Pflegebereich gearbeitet und auch im Kindergarten. Mir gefällt die Arbeit mit Kindern. Besonders die Jungs im Kindergarten haben sich gefreut, dass ich da bin. Vielleicht weil ich so eine Art Vaterfigur für sie war.

Man sieht hier, ob man selbst schon bereit für ein Kind ist. Mit meinem Au-pair-Kind Angus, der sieben ist, komme ich gut klar. Natürlich ist es manchmal nervig, wenn ich Zeitdruck habe und er so lange braucht. Wenn er mir dies und das zeigen will und sich dann seine Schuhe nicht anzieht.

Mit der Au-pair-Rolle komme ich zwar gut klar - trotzdem möchte ich selbst noch kein Kind. Ich fühle mich noch zu jung, um eine Vaterrolle zu übernehmen. Ich habe zwar jetzt die Verantwortung für Angus, aber ich gebe sie auch wieder ab.

Im Sommer ziehe ich mit meiner Freundin nach Leizpig. Danach werde ich wahrscheinlich wieder in meinen alten Beruf zurückgehen."

Dimitri Bakradze, 23, in Berlin: "Einige Freunde haben mich ausgelacht"

Au-pair Dimitri: "Das Wichtigste ist, Kinder zu lieben und fleißig zu sein"

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"In Georgien ist es unvorstellbar, dass ein Junge als Au-pair arbeitet. Freunde und Nachbarn würden den ganzen Tag darüber reden.

Ich habe das Gefühl, dass in Westeuropa kaum noch jemand zwischen Männer- und Frauenjob unterscheidet. Es ist doch besser, in einem sogenannten Frauenjob zu arbeiten, als zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen und auf einen Männerjob zu warten.

Eigentlich ist es für einen Mann gar nicht ungewöhnlich oder gar unmöglich, Au-pair zu werden, denke ich. Das Wichtigste ist es, Kinder zu lieben und fleißig zu sein. Jeder Mensch, der schon mal allein gewohnt und sich um sich selbst gekümmert hat, könnte Au-pair werden.

Viele meiner Freunde aus Georgien sehen das natürlich anders. Einige haben mich ausgelacht. Sie haben mich gefragt, wie ich auf andere Kinder aufpassen will, wenn meine Eltern sich immer noch um mich kümmern müssen. Einige haben sich sehr gewundert, dass eine Familie mich ausgewählt hat. Eben weil in Georgien eigentlich nur Frauen putzen, aufräumen und auf Kinder aufpassen. Einige haben mir auch gar nicht geglaubt.

In Georgien habe ich in einem Nationalpark gearbeitet und dort Touristen geführt. Ich wollte aber gern die deutsche Sprache und Kultur und auch deutsche Menschen kennenlernen - und bin deswegen als Au-pair nach Berlin gegangen. Auch wenn ich als Au-pair weniger verdiene als zuvor, war es die beste Entscheidung, die ich treffen konnte."

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