Kinderarmut Wie der Aufstieg gelingt
Kind in Hamburg: Wer aus einer armen Familie kommt, hat es schwerer
Foto: C3390 Kay Nietfeld/ dpaArme Kinder haben weitaus schlechtere Startchancen im Leben, sie müssen laut einer Langzeitstudie aber nicht benachteiligt bleiben - wenn Eltern, Kitas und Schulen an einem Strang ziehen. "Der Spruch 'einmal arm, immer arm' gilt nicht immer", sagte der Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (Awo), Wolfgang Stadler, bei der Vorstellung der Erhebung. Es sei die erste umfassende Studie in Deutschland zu Kinderarmut über einen längeren Zeitraum, sagte er.
Vor 15 Jahren ließ die Awo das erste Mal rund 900 Kinder befragen, sie standen gerade vor dem Übergang zur Grundschule, die Hälfte stammt aus armen Familien. Ihre Eltern verdienten höchstens halb so viel wie der Durchschnitt in Deutschland. Erneut wurden die Kinder während und am Ende der Grundschulzeit befragt. Die aktuelleste Erhebung liegt nun zwei Jahre zurück, da gaben immerhin noch 449 Jugendliche Auskunft - ein "hervorragender Wert für Studien über einen so langen Zeitraum", betonen die Autoren.
Auch wenn die Kinder nicht repräsentativ ausgewählt wurden, gibt die Studie einen interessanten Einblick. Sie zeichnet die Entwicklung der Benachteiligten über die Jahre hinweg nach. Die Untersuchung kommt unter anderem zu folgenden Ergebnissen:
- Rund die Hälfte der Kinder schaffte den Sprung aus der Armut, nämlich 43 Prozent. Allerdings rutschte rund jedes fünfte Kind über die Zeit in ein armes Leben ab. "Es kommt auf eine kontinuierliche Betreuung an", sagte Stadler. Oft hapere es an den Übergängen etwa zwischen Kita und Schule.
- Bei der Hälfte der befragten armen Familien waren die Eltern arbeitslos. Von jenen, die arbeiten, haben rund 70 Prozent einen Teilzeitjob. Zudem fiel auf: Die Gruppe derer, die vollzeit arbeiten und dennoch arm bleiben, wächst - die sogenannten "Working Poor".
- Es zeigte sich erneut: Weniger die Herkunft der Eltern ist entscheidend für die Chancen eines Kindes als der soziale Hintergrund. "Junge Menschen mit Migrationshintergrund" als soziale Problemgruppe zu sehen, schreiben die Autoren, beruhe vor allem auf Vorurteilen. Arme Zuwandererkinder wachsen behüteter auf als arme deutschstämmige Jugendliche. Auch für Bildungschancen gilt: Der "Migrationseffekt" mildert die schlechteren Startchancen sogar ab.
- Jugendliche aus Hartz-IV-Familien sind schlechter dran als Kinder aus armen Familien, in denen die Eltern arbeiten. Sie werden häufiger vernachlässigt, ihnen fehlt es häufiger an Kleidung und es gibt weniger Bücher in der Wohnung. Dabei haben Hartz-IV-Familien der Studie zufolge mehr Geld als die befragten arbeitenden armen Familien.
Studienleiterin Gerda Holz sagte, die Bedeutung von Eltern und anderen Bezugspersonen sei immens. "Kinder brauchen Orientierung. Sie sind keine kleinen Erwachsenen." Selbst für die 16- bis 17-Jährigen spielten die Eltern eine sehr wichtige Rolle. Brüche in der Betreuung durch Eltern, Erzieher und Lehrer seien ein großes Problem.
2,5 Millionen Kinder in Einkommensarmut - also jedes fünfte
Auch wenn einige Kinder später der Armut entkommen könnten, hätten sie schlechtere Startchancen. "Arme Kinder werden oft verspätet eingeschult", sagte Holz. An der Schule müssten sie häufiger Klassen wiederholen. Nur jedes dritte Kind (33 Prozent) aus einer armen Familie kam durch die Schule, ohne eine Klasse zu wiederholen. Unter den nicht armen Kindern war es die Hälfte (49 Prozent).
"Die Bewältigung von Armut ist eine Doppelbelastung", mahnte Holz. Solche Kinder müssten oft Aufgaben ihrer Eltern übernehmen und sich um kleine Geschwister kümmern. Zudem seien sie oft angehalten, sich mit Nebenjobs Geld zu verdienen. Dadurch bleibe automatisch weniger Zeit für die Schule. "Armut führt zu mehr Belastung und schlechteren Chancen."
In Deutschland leben über 2,5 Millionen Kinder in Einkommensarmut, wie der Deutsche Kinderschutzbund schreibt. Dies entspreche etwa 19,4 Prozent aller Menschen unter 18 Jahren. "Das Ausmaß der Kinderarmut ist seit vielen Jahren gravierend hoch." Zwar hatte die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg Anfang dieses Jahres gesunkene Zahlen von Kindern im Hartz-IV-System ermittelt, doch der Kinderschutzbund hatte die Berechnung angezweifelt. Schließlich sei auch die Zahl der Kinder in Deutschland zurückgegangen.
Auch die Studie der Awo zeichne teilweise ein ernüchterndes Bild: "Die Lebenswege beider Gruppen gehen weiter auseinander", sagte Holz. Auch deshalb müsse mehr in Einrichtungen für Kinder und Jugendliche investiert werden, forderte Stadler. Das Betreuungsgeld sei dabei genau der falsche Weg.