Kindergärten "Wir malen jetzt eine Blume"
Nicht nur mit den Schulen, auch mit den Kindergärten hier zu Lande steht es nicht zum Besten: Die frühkindliche Bildung habe in Deutschland einen zu geringen Stellenwert und bleibe weit hinter internationalen Standards zurück, befand die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer Studie. Viele Bildungsexperten stimmen den Befunden der in Fachkreisen "Baby-Pisa" genannten Untersuchung zu.
Eltern sollten bei der Kindergartenwahl deshalb genau hinschauen und bewusst auswählen, so die Empfehlung.
Die OECD empfiehlt sowohl mehr Geld für Kindergärten und Kindertagesstätten als auch eine Ausbildung der Erzieherinnen auf Hochschulniveau. Die Kindergärten in Deutschland seien nicht pauschal schlecht, sagt Wassilios Fthenakis, Leiter des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München und einer der an der OECD-Studie beteiligten Wissenschaftler. "Es gibt aber sehr große Unterschiede zwischen einzelnen Einrichtungen."
Freie Wahl des Kindergartenplatzes
Eltern sollten sich die Zeit nehmen, verschiedene Einrichtungen anzusehen und zu vergleichen, empfiehlt auch Annette Stein, Leiterin des Projektes "Kinder früher fördern", das die Bertelsmann Stiftung in Gütersloh ins Leben gerufen hat. "Man sollte sein Kind nicht einfach in die Kita schicken, die vor der Haustür liegt." Schließlich könnten Eltern über den Kindergarten anders als im Fall der Schule völlig frei entscheiden, betont Stein. "Diese Möglichkeit wird viel zu wenig genutzt."
Ein Gespräch mit der Kita-Leitung und mit den Erzieherinnen könne sinnvoll sein, sagt auch der Erziehungswissenschaftler Christian Bethke vom Berliner Institut für Frühpädagogik. "Dabei sollte man sich erkundigen, nach welchen pädagogischen Vorstellungen in der Einrichtung gearbeitet wird." Hilfreich sei, andere Eltern nach ihren Erfahrungen zu fragen: "Gute Kitas haben auch eine gute Mundpropaganda."
Die Ergebnisse der OECD-Studie hält der Erziehungswissenschaftler für glaubwürdig - und für "nicht überraschend": "Im Blick auf frühkindliche Bildungsangebote sind wir ein Entwicklungsland." Bildung im Kindergarten sei allerdings etwas anderes in der Schule, erläutert der Experte. "Es geht nicht um Wissensvermittlung, sondern darum, dass Kinder selbsttätiges Lernen üben."
Normiertes Programm oder viele Freiräume
Eltern sollten sich deshalb bei der Auswahl des Kindergartens auch nicht in erster Linie an Angeboten wie Englisch-Unterricht oder großzügig ausgestatteten Computern orientieren. "Ob man einmal in der Woche Englisch oder Chinesisch lernt, hat mit Bildung nichts zu tun." Entscheidend sei dagegen zum Beispiel, ob die Kinder täglich ein für alle normiertes Programm abspulen - nach dem Motto "Wir malen jetzt eine Blume" - oder ob es genügend Freiräume für selbst gewählte Aktivitäten gibt.
Zu den wichtigen Fragen zählt auch, ob es auch außergewöhnliche Angebote wie Museumsbesuche oder Naturkunde-Werkstätten gibt, aber auch, ob die Kinder lernen, Streit zu schlichten und mit anderen zusammen zu spielen.
Für falsch hält Annette Stein die Zurückhaltung vieler Eltern, ihr Kind überhaupt einer Kita anzuvertrauen. Auch bei Kleinkindern sei das grundsätzlich nicht bedenklich: "Gerade die ersten drei Lebensjahre sind für die Entwicklung und die Bildungschancen von Kindern unglaublich wichtig."
Studien zeigten, dass Kinder in diesem frühen Alter von einer kompetenten Betreuung profitieren. "Aber in Deutschland gibt es ein ausgesprochen traditionelles Familien- und Frauenbild", sagt Stein. "Danach sollen Kinder möglichst bei der Mutter bleiben. Wer das nicht macht, hat oft das Gefühl, schlechte Eltern zu sein."
Für die frühkindliche Bildung sei andererseits aber nicht nur der Kindergarten zuständig, betont Fthenakis: "Eltern können und sollen auch selbst etwas dazu tun." Untersuchungen zeigten, dass die Kita nur zu einem Fünftel zu dem beiträgt, was ein Kind für seine Entwicklung benötigt.
Andreas Heimann, gms