Klischee olé: Meckerossi, Besserwessi - DER SPIEGEL
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Klischee olé Meckerossi, Besserwessi

Arrogant und karrieregeil die einen, geizig und maulfaul die anderen. Junge Westdeutsche verraten, wie sie über Ostdeutsche denken – und umgekehrt. Das Jugendmagazin "Spiesser" hat Experten mit den Vorurteilen konfrontiert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lange war der Osten in den Augen vieler Westdeutscher vor allem das: Ein hässlicher Ort, ein Landstrich voller Plattenbauten, hinter dessen grauen Fassaden spießige Menschen wohnen, die eine seltsame Sprache sprechen und scheußliche Klamotten tragen. Umgekehrt betrachteten viele Ostdeutsche den Westen als Hort des Kapitalismus, bewohnt von arroganten Karrieristen, die Andersdenkende gnadenlos mobben.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute findet ein reger Austausch zwischen Ost und West statt. Abiturienten aus Hessen studieren in Dresden. Azubis aus Leipzig finden Jobs in Köln. Sind junge Ossis und Wessis also völlig frei von Vorurteilen? Von wegen! Einige Klischees haben sich gehalten – auch 18 Jahre nach der Wende. Vier Geschichten über Vorurteile im Osten und im Westen – und darüber, wie es wirklich ist.

Ossis sind Erbsenzähler

Ossis sind Erbsenzähler

Das sagt der Wessi:

"Klar gibt es Unterschiede zwischen Ossis und Wessis – aber das sind doch nur Kleinigkeiten. Als ich in Dresden lebte, habe ich gemerkt, dass die Menschen dort sparsamer sind. Ein Beispiel: Ostdeutsche schmieren nicht dick Butter auf ihr Brötchen und belegen es dann mit mehreren Scheiben Wurst und Käse gleichzeitig. Ich denke, das hängt mit der Erziehung zusammen. Wir sind nun mal in zwei verschiedenen Systemen aufgewachsen. Im Westen regierte schon immer der Überfluss. Im Osten hingegen gab es nur so viel, wie die Menschen benötigten – oft auch etwas weniger." Tobias, 26, wohnt in Furtwangen im Schwarzwald, früher lebte er in Dresden

Das sagt der Experte:

"In der DDR existierte in der Tat eine Mangelwirtschaft. Es gab nun mal nicht alles im Überfluss, folglich gingen die Menschen sparsam mit Lebensmitteln und sonstigen Produkten um. Doch die Tugend der Sparsamkeit verschwindet immer mehr, auch Ostdeutsche werden zunehmend verschwenderisch. Allerdings wird in den neuen Bundesländern derzeit mehr Geld angelegt, um bessere Rücklagen zu haben. Zu DDR-Zeiten hatten die meisten nicht genügend Geld, um für das Alter zu sparen. Das müssen sie jetzt nachholen." Udo Ludwig arbeitet am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle

Wessis sind Faulenzer

Wessis sind Faulenzer

Das sagt der Ossi:

"Angekommen bin ich ohne Vorurteile, mittlerweile habe ich welche. Die Westdeutschen sind faul. Mir fehlt einfach die Einsatzbereitschaft, die ich aus Ostdeutschland kenne. Schulausflüge organisieren hier fast nur Lehrer, die Jugendlichen haben darauf keine Lust. Auch der Unterricht ist längst nicht so gut wie in Ostdeutschland. In Baden-Württemberg haben es die Schüler viel zu leicht: In machen Fächern schreiben wir keine oder viel zu wenige Tests. Ein bisschen Mitarbeit, ein bisschen Zuhören – schon bekommt man gute Noten. Zurückkehren möchte ich trotzdem nicht. Ich habe hier einfach die besseren Zukunftschancen." Patricia, 16, zog vor einem Jahr von Sachsen nach Calw

Das sagt der Experte:

"Wir haben in den PISA-Tests nie Ost-West-Unterschiede in Bildungsfragen feststellen können. Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg hatten zum Beispiel ähnlich gute Ergebnisse. Unterschiedlich ist aber die Arbeitseinstellung in Ost und West. Schon in der DDR wurde gesellschaftliches Engagement gefördert und gestärkt, deshalb sind ostdeutsche Jugendliche meist auch heute noch engagierter und verantwortungsbewusster." Peter Lautzas ist Vorsitzender des Verbands der Geschichtslehrer in Deutschland

Ossis wollen nur Ostprodukte

Ossis wollen nur Ostprodukte

Das sagt der Experte:

"Es gab in der DDR schon immer Westprodukte. Durch Pakete von der Verwandtschaft aus dem Westen kamen sie in Umlauf. Das war ein riesiger zweiter Markt, auf dem man gut Geld verdienen konnte. Jede dritte Tasse Kaffee war Kaffee aus dem Westen. Als dann 1990 die D-Mark eingeführt wurde, wurde der Markt von Westprodukten überschwemmt." Jochen Staadt forscht über den SED-Staat an der FU Berlin

Wessis sind karrieregeil

Wessis sind karrieregeil

Das sagt der Ossi:

"Ich wollte wissen, wie ich mich im Westen zurechtfinde. Deshalb bin ich in der zehnten Klasse von einem Ostberliner Gymnasium auf ein anderes in den Westen der Stadt gewechselt. Die Leute dort denken anders und sie verhalten sich anders. Ossis sind politischer, sie beschäftigen sich mehr mit den ernsten und tiefgründigen Dingen des Lebens. Westberliner hinterfragen da nicht so viel.

Ein Beispiel: Nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 haben die Schüler in Ost- und West-Berlin ganz unterschiedlich reagiert. Die Ossis sprachen auf dem Pausenhof über ihre Befürchtungen, es könne ein Krieg folgen. Die Wessis hingegen hissten erst einmal die amerikanische Flagge im Foyer der Schule, um ihre Loyalität zu den USA zu demonstrieren. Aber das ist sicher auch historisch bedingt.

Irgendwann fing ich selbst an, träge zu werden und gleichgültig gegenüber der Politik – nach anderthalb Jahren wechselte ich dann zurück auf ein Gymnasium im Osten der Stadt. Das alles klingt sicher vorwurfsvoll, aber so habe ich die Unterschiede eben erlebt. Und auf beruflicher Ebene etwa komme ich mit Wessis besser klar: Sie sind einfach professioneller und achten mehr auf ihr Image – das gefällt mir. Im Osten kann einem das negativ ausgelegt werden: Manche hier übersetzen professionell mit karrieregeil." Jacob, 21, besuchte Gymnasien im Westen und im Osten Berlins

Das sagt der Experte:

"Wir haben mal einen Eignungstest gemacht, bei dem Westdeutsche und Ostdeutsche angetreten sind. Die Wessis haben gewonnen, denn sie haben im Team gearbeitet: Sie haben zusammen gesessen, gemeinsam die Probleme analysiert und anschließend Aufgaben delegiert. Bei den Ostdeutschen hat jeder für sich gearbeitet. In modernen Betrieben braucht man aber Leute, die im Team arbeiten können, das ist professionell." Uwe Hillmer forscht über den SED-Staat an der FU Berlin

Protokolle: Anne Hähnig und Nora Jakob