Krisenregion Nahost Der Prophet und der Satan
Seine zahlreichen Anhänger verehren ihn auch heute noch wie einen Heiligen. Wie nur wenige andere der großen Religionsgelehrten, die in 14 Jahrhunderten die Geschichte des Islams prägten, gilt der charismatische Prediger aus dem iranischen Städtchen Chomein Muslimen in aller Welt geradezu als Inkarnation von Rechtschaffenheit und Gläubigkeit.
Doch ausgerechnet Ajatollah Ruhollah Chomeini, einer der im Westen wohl bekanntesten Bannerträger des Islams seit Mohammed, dem Gesandten Gottes, wird neuerdings ein Bekenntnis zugeschrieben, das eher von einem Ungläubigen und Apologeten der Skrupellosigkeit wie Niccolo Machiavelli stammen könnte:
"Unser Streit geht nicht um Gott. Schlagt euch das aus dem Kopf", gestand der Führer der Islamischen Revolution in Iran engsten Vertauten 1981 in einem Moment von geradezu übermenschlicher Aufrichtigkeit, "es geht auch nicht um den Islam. Das ist Unsinn. Jeder von uns will die Macht, die ganze Macht ."
Der muslimische Religionsführer a ls kühl kalkulierender Machtmensch, die "Hingabe an Gott", so der Wortsinn von "Islam", zum bloßen Herrschaftsinstrument verkommen: Sollte der Ajatollah, für die muslimische Glaubensgemeinschaft der Schiiten gleichsam eine Art Papst, genauso zynisch-verderbt gewesen sein wie die Politiker des verteufelten Westens? Vor allem tief gläubige Muslime bestreiten, wie könnte es anders sein, die Authentizität des Zitats.
So viel aber ist sicher: Das Verhältnis der muslimischen Geistlichkeit zur weltlichen Macht entscheidet über die Zukunft des Islams und - wichtiger noch - die seiner Gläubigen. Kritische Vordenker verweisen darauf, dass der klassische Islam sehr wohl gesellschaftlichen Pluralismus und demokratische Mitbestimmung gefördert hat; sie halten selbst eine Trennung von Religion und Staat für möglich.
Doch sosehr die Lehre des Propheten auch das Paradies verherrlicht: Im Gegensatz zum Christentum trachtet der Islam durchaus nach irdischer Macht - damit begründen Fundamen talisten ihren Kampf für einen Gottesstaat. Dass sie sich dabei höchst anschaulich auf den Propheten berufen können, ist die eigentliche Bürde der Religion. Sie macht den Koran, die heilige Schrift der Muslime mit den Offenbarungen Allahs, zu einer brennenden Lunte.
Das Pulverfass, das sie entzünden könnte, heißt Nahost. In den Staaten vom Hohen Atlas bis zum Schwarzen Meer prallen die Glaubensrichtungen mit einer aggressiven Wucht aufeinander wie sonst nirgendwo auf der Welt: Hier sind die heiligen Stätten der drei monotheistischen Weltreligionen nur einen Steinwurf voneinander entfernt - in Jerusalem im wahrsten Sinn des Wortes.
Religiöses Fieber ist nur eines der Probleme: Über Jahrzehnte hat der - vom westlichen Imperialismus und willkürlicher Grenzziehung angefachte - Nationalismus die Menschen zur Gewalt getrieben; dazu kam die Unfähigkeit der Regierenden, ihre Bürger demokratisch zu regieren und ihnen faire Chancen einzuräumen. Und ein Fremdkörper in ihrer Mitte: Israel.
Die Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern sei der "gefährlichste Konflikt in unserer unmittelbaren Nachbarschaft", warnt der deutsche Außenminister und engagierte Friedensvermittler Joschka Fischer im SPIEGEL-special-Gespräch.
Aber nun sind die Dinge im Fluss, dramatische Umwälzungen haben sich ereignet: Die USA haben Bagdad mit Waffengewalt erobert, aus dem ölreichen Irak ein westliches Protektorat gemacht, in der jordanischen Stadt Akaba konnte US-Präsident George W. Bush Israelis und Palästinenser auf einen Friedensplan einschwören. Hoffnungsszenario - oder Ausgangspunkt neuen Horrors?
Was Washingtons Politiker oft vergessen: Der Islam ist eine Weltreligion, die das Leben jedes Einzelnen prägt - und ihn gegen jeden ungläubigen "Besatzer" einnimmt. Schon in der islamischen Urzelle von Medina, im heutigen Saudi-Arabien, war der Glaubensbegründer Mohammed nicht nur geistlicher, sondern auch weltlicher Führer. "Religiö se Wahrheit und politische Macht sind im Islam untrennbar miteinander verbunden", befindet denn auch der Islamkundler Bernard Lewis.
Gerade dem Machtanspruch des Kaufmanns aus Mekka verdankt der Islam seine rasende Verbreitung. Durch Mohammeds diplomatisches Geschick, wozu auch die Eheschließung mit 13 Frauen aus diversen Stämmen gehörte, wie dessen Kriegskunst erobert der Glaube an Allah (auf Deutsch: Gott) die Arabische Halbinsel.
Keine Weltreligion verbreitet sich so schnell, mit Wachstumsraten, von denen der Papst nur träumen kann. In 46 Ländern, von Afrika bis Südostasien, verneigt sich die Mehrheit der Bevölkerung fünfmal am Tag gen Mekka, in gut einem Dutzend ist der Islam Staatsreligion - darunter das abgeschottete, einen militanten, rückwärts gewandten Islam predigende Saudi-Arabien, aber eben auch das vergleichsweise weltoffene, vom Tourismus lebende Ägypten. Manche dieser Staaten, wie die am Golf, zählen zu den reichsten der Welt, andere wie Somal ia und Bangladesch zu den ärmsten.
Auch wenn die Geschichte des Islams - wie die des Christentums oder Judentums - von Gewalt geprägt ist: Die überwältigende Mehrheit der Muslime lebt mit ihren Nachbarn in Frieden, befolgt die strengen Regeln des Glaubens mal mehr, mal weniger. An einer Konfrontation, gar am Zusammenprall der Kulturen, hat die Mehrheit bei Gott kein Interesse.
Wenn der Islam im Westen dennoch als bedrohlich empfunden wird, so nicht allein, weil Europa und Amerika nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein neues Feindbild brauchten, wie viele Muslime behaupten. Geprägt haben das Schreckensbild vom aggressiven Islam, das viele gemäßigte Gläubige so empört, Fanatiker aus deren eigenen Reihen, die im Namen Allahs mit aller Gewalt für ein Gottesreich auf Erden kämpfen. Inklusive der Scharia, der islamischen Rechts- und Lebensvorschriften, die - streng ausgelegt - so vorsintflutliche Strafen wie das Handabhacken und das Steinigen verlangt.
Geradezu hy sterisch verehrtes Vorbild vieler Eiferer ist der iranische Revolutionsführer Chomeini, dessen Anhänger 1979 den Schah vom Pfauenthron fegten und die langjährige Schutzmacht USA zum "großen Satan" erklärten. Noch immer unvergessen sind die Szenen, in denen iranische Studenten im Banne des Ajatollah die amerikanische Botschaft in Teheran besetzten, Diplomaten mit verbundenen Augen der Weltöffentlichkeit vorführten und sie 444 Tage gefangen hielten.
Inzwischen zählte für die einzig verbliebene Weltmacht nicht nur Iran zur "Achse des Bösen", wie es US-Präsident Bush im vergangenen Jahr in der ihm eigenen Direktheit formulierte; westliche Politiker und Publizisten beschworen - übrigens oft spiegelbildlich und nicht weniger pauschal als nahöstliche Scharfmacher - auch die Bedrohung durch den Glauben selbst, Schlagwort: islamischer Fundamentalismus.
So warnte etwa der Harvard-Professor Samuel Huntington vor schier unüberbrückbaren Konflikten an den "blutigen Grenzen" von Moham meds heutigem Reich. Dämonischer Islam, teuflischer Westen - der Prophet und der Satan hatten sich gefunden.
Während sich islamische Extremisten in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit bomben, verhallen die Rufe nach Reformen selbst unter den eher gemäßigten Sunniten, der Hauptkonfession des Islam, weit gehend ungehört. Ohne eine Erneuerung des Glaubens aber, befürchtet der Hamburger Orientalist Gernot Rotter, "bleibt der Frieden im Nahen Osten Utopie".
Paradox, aber wahr: Ausgerechnet im so nahen Osten, den vom Abendland nur das Mittelmeer trennt, geraten Vordenker, zumal mit europäischer oder amerikanischer Ausbildung, gefährlich schnell in die Schusslinie. Allein der Verdacht, sie könnten dem Westen als Steigbügelhalter zur Herrschaft über den Islam dienen, diskreditiert sie bei der Mehrheit der Muslime.Einerseits bewundert die schweigende Masse, die weder islamistisch geprägt ist noch im Westen gelebt hat, Europa und Amerika für deren Woh lstand, technologischen Fortschritt und individuelle Entfaltungsmöglichkeiten; zugleich aber hegt sie aus jüngster historischer Erfahrung ein tiefes Misstrauen gegen die abendländische Kultur, gespeist aus der Angst, ihre eigenen Werte unter dem Einfluss des Westens zu verlieren.
Dem muslimischen Selbstbewusstsein hatten die Westmächte bereits während des Ersten Weltkriegs zwei schwere Schläge versetzt: 1916 vereinbarten Briten und Franzosen, das zerschlagene osmanische Imperium, dessen Kern heute Türkei heißt, nicht - wie in Aussicht gestellt - den für sie kämpfenden Arabern zu überlassen, sondern unter sich aufzuteilen: den Irak und Palästina für England, Syrien und den Libanon für Frankreich.
1917 wiederum erklärte Großbritanniens Außenminister Lord Arthur Balfour, die "Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" fördern zu wollen - obwohl die Bevölkerung der Region seinerzeit zu mehr als 90 Prozent aus Muslimen und Christen bes tand, die weitgehend friedlich zusammenlebten. 30 Jahre später konnten die Araber nicht verhindern, dass die Uno-Vollversammlung Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat teilte.
Seither gilt das mitten ins arabische Herzland implantierte "zionistische Gebilde" Israel den islamischen Fundamentalisten als Symbol jenes übermächtigen Westens, von dem sie sich verraten und gedemütigt fühlen. Mit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 gilt der jüdische Staat sogar vielen Muslimen, die keiner radikalen Fraktion angehören, als täglicher Beweis des eigenen Versagens - und beflügelt den "Dschihad", den "heiligen Krieg" der Fundamentalisten gegen Israel und dessen Schutzmacht USA.
Dabei bedeutete Dschihad ursprünglich auch das ganz persönliche Bemühen um den Glauben; für Krieg im üblichen Sinne pflegte die arabische Sprache andere Bezeichnungen. Solche semantischen Feinheiten scheren die selbst ernannten Märtyrer aus dem Elendsstreifen Gaza oder den Flüchtlingslagern im Wes tjordanland jedoch wenig.
Alle Friedenshoffnungen haben immer wieder getrogen. Auch die Anfang Juni auf dem Nahost-Gipfel in Jordanien zwischen Israels Regierungschef Ariel Scharon und dem neuen Palästinenser-Premier Mahmud Abbas verabschiedete "Deklaration von Akaba" war allenfalls ein Zeichen guten Willens gegenüber dem Schirmherrn George W. Bush. Den US-Präsidenten wollte keine der beiden Parteien verärgern. Gleichwohl fielen direkt nach Akaba wieder Schüsse, explodierten wieder Sprengsätze von Selbstmordattentätern.
Kaum jemand im Nahen Osten - und wohl auch nicht im Weißen Haus - glaubt daran, dass tatsächlich bis zum Jahr 2005 ein "unabhängiger, demokratischer und lebensfähiger palästinensischer Staat" entsteht, wie ihn die so genannte Roadmap, die Wegkarte zum Frieden, verspricht. Zu schmerzhaften Kompromissen, ohne die der Streit von zwei Völkern um ein Land nicht beigelegt werden kann, sind wohl weder Israelis noch Palästinenser bereit. Und dass Präsident Bush i m US-Vorwahljahr das Durchhaltevermögen beweist, beide Parteien permanent unter Friedensdruck zu setzen, erscheint zweifelhaft: Es ist leichter, eine Vision zu haben, als einen Plan umzusetzen.
Das Dilemma des Konflikts kostete den Scharon-Vorgänger Ehud Barak das Amt, als er im Juli 2000 unter Schirmherrschaft des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton in Camp David dem Autonomie-Präsidenten Jassir Arafat sein Friedensangebot machte: Das bislang weitestgehende israelische Friedensangebot reicht nicht an das Minimum der palästinensischen Forderungen heran. Der vermeintlich so nahe Frieden ging unter in einer neuen, noch größeren Welle der Gewalt.
Ausgerechnet Washington aber, der neuen Ordnungsmacht in Nahost, verdanken muslimische Fanatiker den stärksten Aufwind seit der iranischen Revolution. Sosehr sie den Teufel Saddam Hussein auch zur Hölle schicken wollten, sosehr empfinden viele Araber den US-Sieg über Saddam als weitere historische Demütigung. Die Geb ildeten unter ihnen fühlen sich gar an 1798 erinnert, als Napoleon mit überlegenen Waffen in ihre Welt einbrach, den stolzen Ägyptern die Stärke des Abendlandes vorführte. Und nur wenige sehen in der Neuordnung des Irak auch einen (Kollateral-)Nutzen. Sie hoffen, dass die autokratischen Herrscher der Region es nun mit ein wenig mehr Pluralismus und Pressefreiheit versuchen.
Zwischen Euphrat und Tigris stößt die einzig verbliebene Weltmacht auf unerwarteten Widerstand. Anders als die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg sehen die Iraker in den GIs selten ihre Befreier. Gefährlicher noch: Mit jeder weiteren Woche im Land werden die Amerikaner und ihre englischen Verbündeten in den Augen der Bevölkerung mehr und mehr zu verhassten Besatzern.
In einer Mischung aus Unwissenheit und Arroganz scheinen die USA nichts unversucht zu lassen, um das (Vor-)Urteil von der Heuchelei des Westens zu bestätigen. Natürlich, räumte im Mai der Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz ein, seien die Berichte über das angeblich bedrohliche Arsenal an Massenvernichtungswaffen des Irak aus politischen Motiven instrumentalisiert worden. Man habe diesen Kriegsgrund in den Vordergrund gestellt, so der Ober-Falke in der Regierung von Präsident Bush, weil "jeder ihm zustimmen konnte". Im Übrigen sitze der Irak, anders als beispielsweise Nordkorea, auf einem "Fass von Öl": Es ging Washington also primär um eine Neuordnung des Nahen Ostens aus politischen, wirtschaftlichen, militärischen Gesichtspunkten.
Auch von der viel beschworenen Demokratisierung des Irak, der gemäß Washingtons "positiver Dominotheorie" der gesamte Nahe Osten folgen soll, rückt die Regierung Bush ab, droht sie doch zur Falle zu werden. Die Mehrheit der Bevölkerung stellen ausgerechnet die von Washington misstrauisch beäugten Schiiten. Zu einem ihrer wichtigsten Führer schwingt sich mit Mohammed Bakir al-Hakim auch noch ein Ajatollah auf, der bis zu seiner triumphalen Heimkehr sein Exil im Gottesstaat Iran gefunden hatte. Einen islamisch geprägten Staat, auch wenn er durch Wahlen zu Stande kommt, will Washington aber nicht akzeptieren.
Alle Vorwürfe der Einmischung in den Irak weist Teheran, wo der revolutionäre Funke eigentlich längst erloschen ist und eine zutiefst unpopuläre Geistlichkeit ums Überleben kämpft, empört zurück. "Wir sollen der Sündenbock sein", kontert Irans Außenminister Kamal Charrasi, weil Washington sich im Irak verkalkuliert habe. Doch die Mullah-Regierung, die durch ihr umstrittenes Nuklearprogramm, das nach US-Ansicht auch dem heimlichen Bau der Atombombe dienen soll, sowie angebliche Qaida-Kontakte in die Schusslinie Washingtons geraten ist, will ungeachtet allen Drucks "den USA widerstehen".
Trotzig ermuntert Iran nicht nur die schiitischen Brüder im Nachbarland Irak, sich gegen die amerikanischen "Besatzer" zu wehren. Teheran ruft auch die Palästinenser zum Widerstand gegen die israelische Okkupation auf. Weiterhin gelte, so Außenminister Ch arrasi, das von Revolutionsführer Ajatollah Chomeini verkündete Gottesgebot: "Wenn dein Land besetzt wird, musst du es befreien."
In Allahs - und Jahwes und Gottes - heiligem Land, so steht zu befürchten, wird noch viel Blut fließen. Es geht auch um Gott. Aber wie Chomeini schon sagte: Es geht noch mehr um die Macht.