Leben nach dem Abi Was soll bloß aus mir werden?
Irgendwann holt sie jeden Abiturienten ein, die quälende Frage: Wohin nach dem Abi? Als Lehrling in ein Unternehmen? Oder doch besser an die Universität? Und wenn studieren, dann was? 300 Hochschulen bieten in 5000 Fächern mehr als 10.000 Studiengänge.
" Die Studienmöglichkeiten sind in den letzten Jahren unübersichtlicher und teurer geworden", sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Bis zum nächsten Wintersemester werden sieben Bundesländer Studiengebühren eingeführt haben, neun nicht, sagt Meyer auf der Heyde. Etliche Länder und Unis könnten nachziehen - aber mit der richtigen Ortswahl kann man einige tausend Euro sparen.
Vor Jahren jammerten Lobbyisten von Verbänden über drohende Ärzte- und Lehrerschwemmen und hielten mit ihren Prognosen Abiturienten davon ab, sich in diese Fächer einzuschreiben. Jetzt sind beide Berufe gefragt. Auch Ingenieuren werden heute goldene Berufsaussichten nach dem Studium versprochen. Wer aber weiß, wie es in fünf Jahren aussieht?
Nichts ist wirklich sicher
Garantien gibt es nicht. Für keinen Job. "Es macht keinen Sinn, wegen vermeintlicher Arbeitsmarktsicherheit ein Fach zu studieren, das einem nicht liegt und einen nicht interessiert", sagt Franziska Schreyer vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Den Ausschlag für die Studien- und Berufswahl sollte allein die persönliche Neigung geben.
Aber wie findet man die heraus? Schreyer empfiehlt Unschlüssigen die neutrale Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit und zur ersten Information das Standardwerk "Studien- und Berufswahl" mit einer Auflage von über 700.000 Exemplaren. Ob die 800-Seiten-Schwarte tatsächlich gelesen wird, darüber gibt es keine Erfahrungswerte.
Das Hochschul-Informations-System HIS hat Abiturienten des vorletzten Schuljahrs befragt, wie ihre Studienantscheidungen zustande und ob sie sich die Schüler von den verschiedenen Institutionen gut beraten fühlten. Erschreckend: Nur knapp ein Viertel der Befragten fühlte sich umfassend informiert; der Hälfte bereitet vor allem die nur schwer absehbare Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt Probleme bei der Entscheidung.
Annika, Corina, Franziska und Thomas, alle Schüler vom Peutinger Gymnasium in Ellwangen, einer kleinen Stadt zwischen Stuttgart und Nürnberg, haben schwer gerungen - mit dem Abitur und mit ihrer Studien- und Berufswahl. Vier Geschichten über das Sich-Entscheiden-Müssen.
Abiturientin Corina: "Ich will Uni-Feeling erleben"
Corina Riethmüller: "Berührungsängste kenne ich nicht"
Bei mir hängt das meiste von einem viel zu engen Zeitrahmen ab: Am 7. Juli wird uns das Zeugnis beim Abi-Ball überreicht. Erst dann erfahre ich meinen Schnitt. Der ist aber wichtig für die Aufnahme an der Uni und die hat am 15. Juni Bewerbungsschluss. Da könnten sich die Schulen und Hochschulen schon absprechen, um uns Schülern nicht unnötigem Druck auszusetzen. Sonderpädagogik ist meine Nummer eins, dann folgt ein Germanistikstudium.
Während eines Projekts war ich eine Woche an einer Sonderschule. Die Arbeit mit behinderten Kindern hat mir Spaß gemacht. Berührungsängste kenne ich nicht: Meine Tante ist Sonderschul-Pädagogin und hatte bei Festen regelmäßig Schüler zu Gast. Allerdings will ich nicht in Baden-Württemberg studieren. Hier wird das Fach nur an Pädagogischen Hochschulen angeboten. Nach 13 Jahren in kleinen Klassen und Gruppen will ich richtiges Uni-Feeling erleben in möglichst großen Vorlesungssälen. Wenn ich für Sonderpädagogik eine Zusage bekomme, schreibe ich mich in dem Fach ein.
Wenn nicht, versuche ich es in Germanistik. Und wenn das nicht klappt, dann mache ich ein Freiwilliges Soziales Jahr. Ich habe mitbekommen, dass einige Behindertenschulen noch FSJ-ler suchen. Zudem hebt das meine Chancen auf einen Studienplatz. Ob ich nun ein Jahr früher oder später beginne, ist nicht so sehr entscheidend. Meiner Ansicht nach hat unsere Schule schon sehr viel geboten, damit wir uns gründlich informieren können.
Den Besuch beim Arbeitsamt allerdings hätte ich mir sparen können: Mir wurde eine Liste mit Internetadressen in die Hand gedrückt, auf denen ich mich über Studienmöglichkeiten informieren kann, und vorgeschlagen, eine Gärtnerlehre zu machen.
Abiturient Thomas: Maximalziel Botschafter
Thomas Mildenberger: FSJ im Ausland, dann Sprachen
Sprachen haben mir während meiner gesamten Schulzeit Spaß gemacht, die Naturwissenschaften nie. Deshalb möchte ich auch Sprachen studieren. Mir schwebt der Studiengang Deutsch-Italienische Studien an der Universität Bonn vor. Zusätzlich zu meinen Abi-Fächern Griechisch und Latein habe ich an der Schule italienisch gelernt.
Nach dem Abi werde ich ganz in der Nähe von Rom mein FSJ in einer Tagesstätte für Behinderte ableisten. Um im Ausland das FSJ machen zu können, braucht man einen deutschen Träger., in meinem Fall der Verein Erziehungskunst Rudolf Steiner. In meiner Jahrgangsstufe sind wir zu viert, die auf diese Art ins Ausland gehen: einer nach Palermo, die anderen beiden nach London.
Meinen Auslandsaufenthalt habe ich mir so ausgesucht, dass ich für mein anschließendes Studium davon profitiere. Mir ist schon seit einer Studienfahrt in der 11. Klasse bewusst, was ich beruflich machen will. Wir waren in Berlin und zu einer Führung im Auswärtigen Amt eingeladen. Als Botschafter zu arbeiten, wäre mein Traum und mein Maximalziel. Meine Deutsch-Italienischen Studien betrachte ich als Eintrittskarte für den Job. Ich hoffe, meine Interessen, Sprachen und Politik, dort verwirklichen zu können.
Um mich über die Arbeitsmöglichkeiten im Auswärtigen Amt informieren zu können, bin ich auf eine Abi-Messe nach Karlsruhe gefahren. Dort konnte ich ausführlich mit einer Beraterin sprechen. Das hat mir sehr viel gebracht, viel mehr als Info-Veranstaltungen an Universitäten. An den Unis ging es fast immer nur um Theorie und kaum um die Praxis.
Abiturientin Annika: Ab in die weite Welt
Annika Reeb: "Erstmal nach Australien"
Ich rechne mit einem Abi-Schnitt zwischen 2,3 und 2,4. Damit dürfte ich die Hürde zu meinem gewählten Studienfach wohl schaffen. Mein Favorit ist derzeit der Studiengang Baugestaltung Holz an der Fachhochschule in Salzburg. Auf einer Studienmesse in München bin ich auf das Fach aufmerksam geworden. Ein Architektur-Studium hat mich schon vorher interessiert, aber die schlechten Aussichten, eine Stelle zu bekommen, haben mich davon abgehalten.
Der Studiengang in Salzburg ist eine Kombination aus Design und Architektur mit Schwerpunkt Holz, die Berater der Fachhochschule halten die Berufsaussichten der Absolventen für gut. Das hat sich gut angehört, deshalb habe ich mich gründlich über das Studium informiert.
Meine Alternative ist eine Ausbildung zur Fluglotsin. Dann sind Englischkenntnisse wichtig. Die trainiere ich demnächst intensiv. Denn nach dem mündlichen Abi gehe ich erst mal für ein halbes Jahr als Au-pair in eine Familie nach Australien.
Die Zeit down-under nutze ich auch, eine entgültige Entscheidung zu treffen. Ich bin mir sicher, dass entweder das eine oder das andere klappen wird. Beides liegt mir wohl auch. Es ist aber schon sehr schwierig, sich für einen Beruf entscheiden zu müssen, von dem man nicht weiß, was einen tatsächlich erwartet. Die Eindrücke, die einem andere vermitteln, sind nun mal sehr subjektiv.
Abiturientin Franziska: Schlecht beraten
Franziska Oker: "Das Arbeitsamt kann man sich sparen"
Wie alle anderen habe ich mein Abitur in den Fächern Mathe und Deutsch geschrieben, zudem Englisch, Geschichte und Biologie gewählt. Während meiner gesamten Schulzeit versuchte ich, die naturwissenschaftlichen Fächer außer Bio so gut wie möglich zu meiden. Ich konnte mit Mathe, Physik und Chemie einfach nichts anfangen. Im Herbst beginne ich mit einem Studium der Kommunikations- und Kulturwissenschaften. Bei einem erwarteten Schnitt von 1,6 werde ich aller Voraussicht nach auch einen Studienplatz bekommen.
Ausschlaggebend für meine Wahl war die Kombination aus Kultur und Wirtschaft. Ein Student aus Friedrichshafen hat über den Studiengang an unserer Schule referiert. So bin ich auf das Fach und die Hochschule aufmerksam geworden. Er sagte auch, dass viele Unternehmen in den Studiengang eingebunden seien, Praktikumsplätze anbieten würden und die Jobaussichten recht gut seien, weil das Studium vielfältige Einsatzmöglichkeiten bietet. Vom Kulturmanagement über Public Relations bis hin zum Marketing.
Ich will mein Leben nicht in einer Großstadt verbringen, sondern in einer ländlichen Gegend wie hier. Auch deshalb diese Wahl: Wir haben einige Firmen in der Region, wo ich später mein Glück versuchen werde.
Die Beratung beim Arbeitsamt kann man sich sparen. Hilfreich fand ich Vorträge von Professoren, Studenten und Eltern von Mitschülern, die ihre Berufe vorgestellt haben. Das würde ich in jedem Fall fortführen, könnte ich darüber entscheiden. Und ich würde neue Themen aufnehmen, die sich vor allem um wirtschaftliche Aspekte drehen: Wie kann ich mein Studium finanzieren, was kommt an Studiengebühren auf mich zu? Das sind elementar wichtige Fragen, die konsequent gemieden wurden.