Lehrergeständnisse Steckt euch eure Geschenke sonstwohin
Zu viele Geschenke
Foto: plainpicture/ BildhusetIch kann mich noch genau daran erinnern, wie ich mich als Kind auf den Geburtstag freute. Ich war schon Tage vorher wahnsinnig aufgedreht, ich konnte nicht aufhören, darüber zu reden, und die Zeit kroch nur noch dahin. Mit den Jahren verebbte der Zauber. Der letzte interessante Geburtstag war der 18.
Ich bin keiner von denen, die bei jedem Zähler mehr auf dem Buckel heulen oder immer wieder 29 werden. Für mich, wie für die meisten anderen Erwachsenen, ist es einfach nur ein Tag wie jeder andere. Deshalb vergesse ich Geburtstage, inklusive meinem eigenen, auch manchmal.
Nicht aber meine Lehrerkollegen.
Von langer Hand geplant wird da Geld gesammelt, eine Karte geschrieben, werden Blumen organisiert. Bei einem runden Geburtstag war der Strauß sogar mal so groß, dass er kaum mehr in die Biotonne passte. Und ganz wichtig: das Geburtstagsständchen. Dafür muss zwischen Kopien, Korrekturen und Klassenrat in der Pause noch Zeit sein. Lehrer nehmen so etwas sehr ernst.
Altern verpflichtet auch: kein Geburtstag ohne Kuchen, aber bitte Vollkorn mit ganzen Früchten. Twix und Mars werden nicht gerne gesehen.
Ich habe schon mehrmals versucht, meinen Geburtstag zu verheimlichen. Aber es gibt immer irgendeinen Verräter, der mir plötzlich im Lehrerzimmer unverhofft gratuliert. Und jedes Mal plane ich wieder den digitalen Suizid - sicher hat der Kollege auf Facebook geschaut.
Ein Spruch, ein Gedicht oder ein Lied
Bei 80 Kollegen läppern sich die Geburtstagsausgaben: Hast du hier zehn Euro für Irmtraud, da 20 Euro für Gerda, sie wollte schon immer Tango lernen. Lehrer sind bei so etwas penetrant stilsicher. Zu jedem Ereignis das passende Geschenk: Bestickte Bodys für Kind eins, zwei, drei, die Sauciere zur Hochzeit und der Korsika -Wanderführer zur Pensionierung. Wenn sich die Gelegenheit bietet, wird noch ein Spruch vorgetragen, gedichtet oder gar gesungen: "Damit du auch weiter Wurzeln ziehen kannst..." Dazu gibt es dann ein Gartengerät.
Für den Einzug ins Haus dürfen auch die Pflanzen nicht fehlen. Ich bin da schon mal in einem Bus voller Kollegen und Bäumen zu einer Einweihungsfeier gefahren - hatte aber selbst kein Geschenk. Zum Glück konnte ich mich auf dem Weg gerade noch in einen Rhododendron einkaufen.
Selbst Kleinigkeiten wie das Übernehmen einer Vertretung werden per Geschenk vergütet: Mit Blumen auf dem Tisch, mit Merci-Schokolade im Fach. "Danke!", sage ich. Warum hat die Firma Storck noch keine Re-Merci-Schokolade herausgebracht? Unter Lehrern wäre sie der Hit. Sie sollte dann aber auch gleich weniger Kalorien und mehr Gemüse enthalten.
Mittlerweile gibt es praktisch keinen Besuch mehr ohne Geschenk. Von Apfelkraut bis Zwetschgenmus: Ein Glas Marmelade sollte es mindestens sein. Meine Sozialkontakte habe ich deshalb schon auf ein Minimum reduziert. Ich traue mich praktisch gar nicht mehr aus dem Haus, aus Angst, nicht das richtige Mitbringsel dabei zu haben.
Für meinen eigenen Geburtstag habe ich die Kollegen schon vor Jahren angewiesen, nur noch für mein Sparschwein zurückzulegen. Denn zum 40. wünsche ich mir ein ganzes Spanferkel. Fleisch für alle! Und ich sehne den Tag herbei, an dem ich dieses leckere Tier in Empfang nehme, es hoch Richtung Decke des Lehrerzimmers stemme und schreie: "Ich bin ein Mann!"
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