Lehrerhasser-Polemik: Wandertag ins Jammertal - DER SPIEGEL
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Lehrerhasser-Polemik Wandertag ins Jammertal

Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf. Glaubt man dauerbeleidigten Lehrern, muss ihr Höllenjob der schwerste von allen sein. Das sichert ihnen einen bequemen Platz an der Klagemauer. Dabei halten auch andere Berufe durchaus ihre Zumutungen bereit, wie Eltern wissen.
Von Gerlinde Unverzagt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Klassenlehrer räuspert sich hastig und übergibt dem Deutschlehrer das Wort, der die kollegialen Begrüßungssätze schon mit zwei, drei Blicken auf die Uhr gestisch prägnant unterlegt hat. Auftritt: Herr - nennen wir ihn Minusmann - stellt sich den Eltern artig vor und packt sogleich den Stier bei den Hörnern. "Vielleicht haben Sie sich gewundert", raunt er sonor, "dass ich die letzte Deutscharbeit, eine Nacherzählung, erst nach sechs Wochen zurückgegeben habe." Gemurmel. "Nun, wissen Sie", schmirgelt er mit gesenkter Stimme, "ich habe zwei pubertierende Kinder."

Diese Eröffnung nehmen wir gefasst und wissend hin. Wir haben selber so welche zu Hause, darum sitzen wir ja hier. Einen Elternabend der 8. Klasse besucht niemand nur zum Vergnügen. "Sie wissen ja, wie das ist", lauert der Studienrat auf das erste Kopfnicken: "Ich bin Besitzer einer Doppelhaushälfte - natürlich einer sehr bescheidenen!" Man will es ihm, auch wegen der hilflos hochgezogenen Schultern im abgeschabten Cordjackett, gleich glauben. "Nun wollten diese beiden, 14 und 16, unbedingt eigene Zimmer. Deshalb habe ich in den Sommerferien begonnen, das Tiefgeschoss auszubauen." Schon klar. Wer auch nur ein einziges halbwüchsiges Kind im Haus hat, weiß genau, dass nichts die Stimmung zwischen Eltern und Kindern mehr hebt als ein gewisser räumlicher Abstand.

Wir Mieter nicken unwillkürlich. "Doch dieses Tiefgeschoss ist so feucht, das alles dauert viel länger, als ich erwartet habe. Nun sind die ganzen Herbstferien dafür drauf gegangen", ruft er und wirft die Hände in die Luft, "es ist immer noch nicht fertig." O weh und ach je. Da hat ein Lehrer ein mit unsäglichen Anforderungen befrachtetes Privatleben - wie unser aller Privatleben. Es gibt Trennungen und Lebenskrisen, erwerbstätige Mütter, abwesende Väter, schwierige Kinder, Mieterhöhungen und leere Kühlschränke, alltägliche Erschöpfung. Und stets eine große Portion schlechten Gewissens, mal wieder nicht alles geschafft zu haben, nicht alles richtig gemacht zu haben. Wer will schon zu den Eltern gehören, von denen man immer in der Zeitung liest - die ihren Kindern kein Frühstücksbrot schmieren und den Fernseher laufen lassen, wenn der Familienhelfer vom Sozialamt vorbeikommt? Eltern, die ihren Kindern nie die richtigen Papphefter kaufen, zu wenig vorlesen und sowieso falsch ernähren?

Schlimmer Verdacht: Sind Lehrer etwa doch faule Säcke?

Doch auf die Frage, wie die letzte Deutscharbeit ausgefallen ist, zucken unsere Kinder nach sechs Wochen nur unwillig mit den Schultern. "Ey, is schon so lange her, keine Ahnung."

Angestrengt verkneife ich mir die Frage, ob dieser Lehrer mir jetzt sagen möchte, dass er seinen Job nicht auf die Reihe kriegt, weil ihn sein Privatleben zu sehr fordert. Male mir aus, was in meinem Job geschähe, würde ich bestellte Texte nicht pünktlich liefern und mich damit herausreden, dass ich ein fieberndes Kind zu kühlen und trösten hatte. Oder mit meinem Sechzehnjährigen die Modalitäten der Heimkehrzeiten zu regeln. Das Ergebnis wäre: kein Geld, um Miete, Strom und Einkauf zu bezahlen. Ganz simpel eigentlich: keine Leistung, kein Geld. Wissen Lehrer eigentlich, dass es so etwas gibt?

Andere Berufe halten durchaus auch ihre Zumutungen parat. Doch am lautesten barmt der Lehrer. Busfahrer und Krankenschwestern haben Nachtdienst. Ärzte schieben 36-Stunden-Schichten. Supermarktkassiererinnen werden schlecht bezahlt. Handwerker bauen Dinge und gehen bankrott, wenn der Kunde die Rechnung nicht zahlt. Moderatoren und Taxifahrer können von einem Tag auf den anderen gefeuert werden. Architekten sind es meistens schon. Industriearbeiter verzichten lieber auf Gehaltserhöhungen, als ihre Jobs zu verlieren. Künstler verhökern im Nebenberuf Vitamintabletten und Stadtmagazine oder gehen putzen, wenn die Zeiten schlechter werden und keiner ihre Bilder oder Bücher kaufen, ihre Gedichte lesen oder ihre Musik hören will. Und alle, alle würden keinen Moment zögern und ihre Sachen zusammenpacken, sobald in einer anderen Stadt ein guter Job winkt. Bis es soweit ist, buchen sie Weiterbildungsseminare und Zeitmanagementworkshops, um sich beruflich auf dem neuesten Stand zu halten.

Wenn alle Dämme der Contenance brechen

Von all dem hat der Lehrer keine Ahnung, sein geschütztes Sozialbiotop hat er kaum je verlassen. In der Schule ist es warm, das Gehalt kommt automatisch - egal, ob einer ein guter oder schlechter Lehrer ist, die Klassenarbeit nach sechs Tagen oder Wochen zurückgibt. Natürlich habe ich nichts gesagt auf diesem Elternabend, weil meine Tochter mich mit dem Auftrag verabschiedet hat: "Sag nichts, was mir morgen peinlich wäre. Halt einfach die Klappe, wenn Herr Minusmann was sagt wegen der Nacherzählung. Dann krieg' ich's nämlich morgen wieder ab."

Also schweigen wir. Und vorn am Pult spreizt sich der Fachbeamte für den Deutschunterricht mit der Schilderung seines Leidens am Leben. Jetzt gockelt er vor der Tafel auf und ab: "Zwei achte Klassen habe ich! Wissen Sie eigentlich, was das bedeutet?" Ein paar Eltern stehen noch auf der Leitung und verweigern die mimische Kondolenz. Da kommt es triumphierend hinterher: "Klausuren! Ohne Ende! Unterrichtsvorbereitungen! Ha!" Ein bewegender Moment, dieser Einblick in die Kohlengrube des Unterrichtsgeschäfts.

Spricht der Lehrer über sich selbst, tut sein Gegenüber gut daran, sich auf die Stilform der Klage einzurichten. Selbst wenn man bei einer flüchtigen Begegnung nicht ausdrücklich nach dem werten Befinden gefragt hat, entbietet einem der Lehrer die Waschbrettstirn und seufzt voller Gram. "Sie machen sich ja gar keine Vorstellung, was man uns hier zumutet", oder "Mit diesen Schülern ist doch kein Unterricht zu machen", das sind gängige Gesprächseröffnungen. Dann heißt es auf der Hut sein. Schon mitfühlendes Murmeln lässt die Dämme der Contenance bersten. Mit zitternder Unterlippe malen sie ein gemeinhin völlig verkanntes Berufsrisiko aus: Manchmal muss sich der Lehrer neu orientieren! Kann an eine andere Schule versetzt werden! Wird mit schulbürokratischen Erlassen gepiesackt! Oder gar mit der Tortur einer didaktischen Weiterbildung! Soll er dann seine Stundenvorbereitung runderneuern, sagt der mittelalte Pädagoge gern: "Jetzt? Fuffzehn Jahre vor der Rente? Da kann man doch nicht erwarten, dass ich mich noch mal in was Neues einarbeite!"

Und immer wieder das Imageproblem

Andere Lehrer droht die leidige Unterrichtsverpflichtung langsam, aber sicher völlig auszulaugen. Bedauernd schürzen sie die Lippen und kündigen an, diesen Stress jedenfalls bis zum 65. nicht mehr mitzumachen - die Einleitung des Burn-out-Syndroms, das ein Drittel des Kollegiums dahinrafft, während sich ein weiteres Drittel für verkannt, nicht anerkannt und überfordert hält. Dass man sich im letzten Gomera-Urlaub gar nicht mehr getraut habe, Ferienbekanntschaften den eigenen Beruf zu offenbaren, beschreiben wieder andere Menschen mit Klasse ihr alles überschattendes Imageproblem, das ihnen das Leben so schwer mache.

Gern verweisen dauerbeleidigte Lehrer darauf, dass außer ihnen wohl kaum jemand diesen Höllenjob mit den ungezogenen Kindern anderer Leute machen würde. Und auf die überdurchschnittliche körperliche und seelische Belastbarkeit, über die ein Lehrer verfügen muss, um einen Schultag zu überstehen.

Schon schlimm. Aber muss nicht jeder Dachdecker schwindelfrei sein, jede Krankenschwester Blut sehen können, jede Stewardess sich zu einem freundlichen Gesicht durchringen, selbst wenn sie die Passagiere am liebsten beißen würde? Um die Ansprüche eines Berufs zu erfüllen, muss man eine gewisse Eignung für die Materie doch allenthalben mitbringen. Würde man einem Legastheniker, der Journalist werden will, nicht dringend von dieser Berufswahl abraten? Wer wollte einen Vegetarier mit der Einladung zum Schweinebraten beglücken?

Warum ausgerechnet Menschen, die Kinder nicht leiden können, nicht respektieren und weder gewillt noch in der Lage sind, sich auf sie einzulassen, ausgerechnet Lehrer werden - es ist ein Rätsel.


* Lotte Kühn: "Das Lehrerhasserbuch". Knaur Taschenbuch Verlag; 220 Seiten; 6,95 Euro.