Lernen: Feindliche Übernahme - DER SPIEGEL
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Lernen Feindliche Übernahme

Kann die Schule von der Hirnforschung profitieren? In einem neuen Forschungszentrum entwickeln Neurowissenschaftler Rezepte für erfolgreicheren Unterricht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Hälfte der Schüler aus der 3c bekommt ihre Lehrerin heute nur auf der Leinwand zu sehen. Der Rest der Klasse sitzt im Zimmer nebenan und lauscht der leibhaftigen Josefine Till, Grundschulpädagogin an der Jörg-Syrlin-Schule in Ulm. In beiden Räumen hat sich je eine weitere halbe Klasse unter Tills Zöglinge gemischt: Drittklässler von der Ulmer Maria-Sibylla-Merian-Grundschule.

Die Lehrerin liest die Geschichte vom Hasen vor, der sich vor einem Erdbeben fürchtet. Der Text stammt aus der Grundschul-Leseuntersuchung Iglu, die Kinder müssen danach Fragen beantworten, etwa: "Wen wollte der Hase warnen?"

Die Psychologin Julia Weber untersucht, wie wichtig der Kontakt zur Lehrerin für die Lernleistung der Achtjährigen ist. Tun sich die Kinder, die ihre Lehrerin lediglich als Live-Übertragung aus dem Nachbarzimmer zu sehen bekommen, mit den Multiple-Choice-Fragen schwerer als jene, denen sie direkt vorliest? Und kriegen Tills eigene Schüler mehr mit als die Merian-Grundschüler, denen die Pädagogin fremd ist?

Webers Vorlesetest gehört zu einer der ersten Studien am "Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen" (ZNL) an der Universität Ulm. Der Psychiatrie-Professor Manfred Spitzer hat dort Psychologen, Mediziner, Lehrer und Studenten versammelt, um, wie er sagt, "die Hirnforschung in die Schulen zu bringen".

Vor zwei Jahren veröffentlichte Spitzer ein Buch über "Gehirnforschung und die Schule des Lebens", seither fehlt er auf kaum einem Podium zur Bildungsdebatte, zu seinen Vorträgen über das Gehirn strömen Eltern und Lehrer in Massen. Fortan möchte der populäre Forscher über sein Lieblingsthema "nicht mehr nur Festvorträge halten". Aus dem Wissen über die neurologische Basis des Lernens will er Rezepte für besseren Unterricht entwickeln.

Das gefällt auch Baden-Württembergs Kultusministerin Annette Schavan (CDU). Ihr Land fördert das ZNL mit insgesamt 2,3 Millionen Euro, das bayerische Kultusministerium und die Stadt Ulm sind ebenfalls beteiligt. Damit liegen sie im Trend: Bei der OECD, die schon die Pisa-Studie ersann, läuft seit 1999 ein internationales Projekt, Thema: "Wie funktioniert das Gehirn? Auf dem Weg zu einer neuen Lernwissenschaft".

Ende April hat Spitzer mit seinen Wissenschaftlern eine ehemalige Kaserne bezogen, es riecht nach frischer Farbe, in der Bibliothek steht bislang nur ein einsames Psychologie-Lehrbuch. Spitzer sitzt am Konferenztisch und entwirft seinen Traum von einer "Evidenz-basierten Pädagogik" - nach dem Vorbild der Humanmedizin.

"Die Pädagogik ist heute auf dem Stand der Medizin vor 200 Jahren", urteilt Spitzer, "damals gab es auch schon gute Ärzte - aber warum ihre Therapien wirken, wusste man nicht, bis die Medizin auf eine naturwissenschaftliche Basis gestellt wurde." Ähnlich gehe es heutzutage an Deutschlands Schulen zu. Zwar machten die Lehrer vieles intuitiv richtig, doch erst die Hirnforschung könne erklären, warum manche Unterrichtsstunde die Schüler begeistert, während von einer anderen rein gar nichts hängen bleibt.

Spitzers Rezepte für beglückendere Lehranstalten klingen so eingängig wie simpel: Lernerfolg hängt von der Person des Lehrers ab, lehrt der selbst ernannte Neuropädagoge etwa, daher könne eben nicht jeder Lehrer werden. Wer sich nur genug für sein Fach begeistere, brauche auch keine Tricks zur Vermittlung des Stoffs, doziert Spitzer weiter: "Wenn einer Mathematik nicht mag, sollte er das Fach auf keinen Fall unterrichten."

Weit mehr als für Fachdidaktik interessiert sich Spitzer dafür, wie sich die Kinder beim Lernen fühlen. "Das Gehirn lernt immer, es kann gar nicht anders", erklärt er. Nur durch die negative Atmosphäre in den Schulen werde es mitunter daran gehindert.

So hat Spitzer nachgewiesen, dass Wörter, die in einem positiven emotionalen Kontext gelernt werden, in einem anderen Bereich des Gehirns gespeichert werden als solche, die mit unangenehmen Gefühlen einhergehen. Was also mit Angst und Leistungsdruck gelernt wurde, folgert der Forscher, ist auch dann mit diesen Gefühlen behaftet, wenn es später wieder abgerufen werden soll - was den kreativen Umgang mit dem Material verhindert.

Eine weitere ZNL-Studie soll zunächst ergründen, was das kindliche Gemüt überhaupt bewegt: die Mathestunde am Morgen oder das PC-Spiel am Nachmittag, das Diktat oder die Vorabendserie?

Um das herauszufinden, kleben in einer Ulmer Grund- und Hauptschule zwei Medizin-Studentinnen dem 15-jährigen Max Elektroden auf die Brust und einen Bewegungssensor an den Oberschenkel. Bevor der Achtklässler in die erste Stunde entlassen wird, schnallt er sich ein Aufzeichnungsgerät fürs Langzeit-EKG und einen Taschencomputer um die Hüfte.

Im Viertelstundentakt muss der Schüler über eine Tastatur eintippen, was er gerade macht, und ob er die jeweilige Situation als angenehm erlebt. Vor allem aber meldet sich die Maschine, wenn Max' Herzfrequenz nach oben schnellt, ohne dass der Bewegungssensor körperliche Aktivität verrät - ein Zeichen für emotionale Beanspruchung.

Rund hundert Schüler stehen in den nächsten Monaten einen Tag lang unter Dauerüberwachung. Die Studie soll auch über den Medienkonsum der Kinder Aufschluss geben: "Wir können testen, wie sich Fernsehen und Computerspielen auf die Emotionen auswirken", erklärt Katrin Hille, Leiterin des Bereichs Anwendungsforschung im ZNL. Später könne dann untersucht werden, ob sich das Daddeln am PC in den Schulnoten niederschlägt.

Rund 20 Projekte haben sich Spitzer und sein Team für die nächste Zeit vorgenommen - sie testen Therapie-Methoden für Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) ebenso wie die Förderung der Konzentration durch Bewegung; sie wollen ergründen, wie sich Gelerntes am besten verfestigt und ob viel Musik im Vorschulalter LRS lindert.

Unumstritten ist der umtriebige Ulmer indes nicht. Weil er sich in nahezu allen Bereichen der Pädagogik breit macht, fürchtet manch ein Lernforscher bereits eine feindliche Übernahme seines Wissensfelds. Entsprechend allergisch reagiert die Zunft auf die Lehre des Quereinsteigers.

"Wir wissen aus der Pädagogik schon sehr genau, wie Lernen funktioniert", lästert Renate Valtin, Professorin für Grundschulpädagogik an der Berliner Humboldt-Universität, die das Thema Lernmotivation seit den siebziger Jahren erforscht - Spitzers Thesen zur Bedeutung von Emotionen seien "ziemlich alte Hüte".

"Herr Spitzer fängt in Bereichen bei null an, in denen schon seit Jahrzehnten geforscht wird", kritisiert auch der Würzburger LRS-Forscher Wolfgang Schneider. Und für die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung fehlt Spitzers Forschung der Bezug zur Lernrealität: "Für die konkrete Verbesserung von Unterricht nützt uns die Argumentation auf neurophysiologischer Ebene gar nichts", so Stern.

Reformer Spitzer sieht darin eine bornierte Abwehrhaltung. Lange genug hätten Pädagogen ganze Schülergenerationen mit nutzlosen Methoden wie der Mengenlehre gepiesackt: "Wenn die Forscher schon alles wissen", spottet er, "dann frage ich mich, warum die Schulen nicht seit Jahren tun, was die Pädagogik fordert."

JULIA KOCH

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