Marcs Studienstart: Cool wie ein Chihuahua - DER SPIEGEL
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Marcs Studienstart Cool wie ein Chihuahua

Studieren ist manchmal Hundeleben. Der Plan für die Zukunft will sich einfach nicht einstellen. Student Marc Röhlig, 20, testet in den Semesterferien Lebensentwürfe: Eigenheim in gruseliger Nachbarschaft oder doch lieber Rebellion durch Freiluftpinkeln?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In den Semesterferien, besonders den ersten, werde ich von allen Seiten gefragt: Und? Was bringt's? Wie und warum studierst du mit welchem Ziel? Es schwirren Fragezeichen auf mich nieder. Eine klare Antwort fällt mir allerdings immer ziemlich schwer.

Nadine, Geologiestudentin, scharf auf Steine und Steinchen, zählt zu meinen besten Freundinnen und ist schon einige Semester weiter. Sie sagt: "Wir studieren, um uns selbst zu entdecken. Durch die plötzliche Selbstständigkeit und die gleichzeitigen Freiräume formen wir unsere Persönlichkeit und entdecken Lebensentwürfe." Ich denke: "Selbstständigkeit bedeutet wohl das Auswählen der Seminare. Und das mit den Freiräumen heißt, dass sie Seminare nur von dienstags bis donnerstags besucht."

Doch egal wie, das gefällt mir: Studium gleich Selbstfindung gleich Selbstverwirklichung gleich Selbsterkenntnis. Jeder Tag an der Uni ist damit unser letzter Tag vor dem ersten Tag des echten Lebens. Nadine muss das wissen. Nicht, weil sie schon einige letzte Tage mehr als ich im Hörsaal unterwegs war, sondern weil ihr Freund Jan gerade seine tatsächlich letzten universitären Tage erlebt.

Jan ist auch zukünftiger Geologe und schreibt an seiner Diplomarbeit. Dazu untersucht er Bohrkerne "von oben". Mit oben meint Jan die Nordsee. Nun musste Jan seine ersten Ergebnisse vom gepressten Schlamm präsentieren, mit PowerPoint und Muffensausen. Die Präsentation war ein voller Erfolg, Jan ist bohrkerntechnisch auf dem richtigen Weg zum Uni-Abschluss.

Was Nadines Freund noch nicht realisiert hat: Mit dem Abschluss ist er da, der erste Tag vom echten Leben. Dann gilt es, ein vernünftiger Erwachsener zu werden. Mit Eigenheimzulage und Sitzschoner im Familienauto.

Willkommen in der Truman Show

Keine Sitzschoner, aber eine rote Decke legt mein Vater auf seine Autorücksitze. Er hat den Wandel zum vernünftigen Erwachsenen schon hinter sich. Ich glaube, das hat er sogar noch vor seinem Studienabschluss geschafft. Wenn ich ihn besuche, dann tauche ich in ein Wohnviertel wie aus der Truman Show ein: Rechts neben den Pflastersteinauffahrten gucken Frühblüher aus Baumarktrindenmulch, hinter den Häusern gibt es Gärten mit Terrasse Richtung Sonnenuntergang, Vogelhäuschen Richtung Sonnenaufgang und Geräteschuppen neben Kompostbehältern.

Mit Einbruch der Dämmerung fahren im ganzen Viertel automatisch die Rollläden herunter. Weil das ziemlich spießig ist, flüchtet sich mein Vater mit einigen Tricks: Sein Geheimtipp für die Nachbarschaft ist "immer nett lächeln". Ansonsten probiert er Understatement. Anstatt mit einem Keramikofen aus dem Gartencenter grillt er ganz kreuzbergmäßig auf einem verbeulten Waschzuber. Für Sonntagsausflüge hat er schon mal den Trabi rausgeholt. Ins Fenster stellt er eine Wasserpfeife. Und sein Hund ist kein bellendes, nach Frisbeescheiben springendes Kalb, sondern ein Chihuahua.

Mit diesem Chihuahua gehe ich denn auch gerne Gassi. Gizmo passt nicht nur in jede Tasche, sondern auch farblich zu meinem Mantel. Er hat vier Strohhalmbeinchen, zwei Segelohren und dazu Kulleraugen. Neulich spritzte er fünf Chihuhuapipitropfen an den zweiten Busch von links im Nachbarsgrundstück. Noch bevor Gizmo und ich flüchten konnten, umzingelten uns die Nachbarskinder (Hey? Wo kamen die so schnell her?) und schalteten die Sirene an: "Maaaaamaaaaa, der kleine Wauwau hat wieder an unseren Busch Pipi gemacht."

Die Mama kommt sofort hinter einer Wäschespinne hervorgesprungen. Als ginge es um die Installierung von Raketenabwehrsystemen in ihrem Vorgarten, prügelt sie verbal auf mich ein. Fünf Chihuahuapipitropfen am zweiten Busch von links! Da pinkelt er immer hin! Zweimal Gassi am Tag, jeden Tag die Woche macht schon 70 Tropfen, Sonntage inbegriffen. Im Jahr sind das weit über 400 Tropfen auf den zweiten Busch von links. Da geht der Busch doch ein!

Mit der ganzen Härte meiner Schlagfertigkeit schleudere ich ihr ein unterwürfiges "'Tschuldigung" entgegen. Gizmo hingegen zeigt sich vom Geschehen unbeeindruckt und hebt mit Gönnerblick erneut sein Strohhalmbeinchen.

Wie viele Semester hat sich der Hund eigentlich selbst entdeckt, um so cool zu werden?

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