Marcs Studienstart: Ich habe gedopt! - DER SPIEGEL
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Marcs Studienstart Ich habe gedopt!

Geschichtsstudent Marc Röhlig studiert in Freiburg. Freiburgs Uni erlebte reichlich Doping-Lügen. Gelogen hat auch Marc, einst bei der Englischprüfung. Und wo? Am Zabel-Gymnasium. Da schließt sich der Kreis. Hier kommt sein Geständnis: "Ja, auch ich habe Dreck am Stecken."
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Zeit war reif für Geständnisse. Das Gewissen meldete sich bei Mitarbeitern in den gelben Häuserblocks des Freiburger Universitätsklinikum. Dort hatten Andreas Schmid und Lothar Heinrich als Teamärzte die Telekom-Radsportler betreut. Ihre späte Beichte: Sie hatten den Rennfahreren "Dopingsubstanzen, insbesondere Epo, zugänglich gemacht" und "am Doping mitgewirkt".

Ende Mai mussten Schmid und Heinrich ihre Köpfe heben, um sie demütig senken zu können. Nachdem sie die Dopingsause zugaben, handelte das Rektorat meiner Universität schnell. Die Hochschule trennte sich von den beiden Medizinmännern, setzt die Betreuung von Spitzensportlern aus und prüft die komplette Auflösung der Abteilung Sportmedizin. Deren Arbeit der letzten 20 Jahre rollt eine Kommission nun noch einmal auf.

Die Universität muss die Wahrheit finden und mit ihr fertig werden – ein Gedanke, an den auch ich mich gewöhnen muss. Denn die Zeit ist reif für Geständnisse. Es nagt, das Gewissen. Es beißt sich in meinen Schreibtischstuhl und lauert hinter mir: Auch ich habe im großen Stil betrogen, gelogen und mir eine gute Note erschlichen.

Es geht hier nicht um Kaffee vor der Acht-Uhr-Vorlesung. Es geht um meine Schulzeit, um meine neunziger Jahre. In der siebten Klasse war ich mitschuldig, Frau Klinke, die Schulbehörde, ja den gesamten Freistaat Thüringen übers Ohr zu hauen.

Und das kam so.

Wir, also die Klasse 8/2 des Zabel-Gymnasiums, lernte bei Frau Klinke Englisch. Das war eine runde Sache, wesentlich leichter und irgendwie hipper als Russisch, noch gut zehn Jahre zuvor das Pflichtprogramm in Thüringen. Es ging um Simple Past, die einfache Vergangenheit: He cycled up the hill. Und es ging um den großen Abschlusstest. Einige Notenspiegel in der Klasse mussten von der Fünf aufwärts gebügelt werden, andere wollten noch eine Eins mehr in ihrer Übersicht.

Höchste Zeit für Reue

Simple Past ist nicht schwer – es ist, wie der Name schon sagt, relativ simpel. Allerdings überkam uns die Verlockung wie eine handgereichte Epo-Spritze. Im Angesicht der Lösungsblätter schaltet der Verstand auf Automatik. Unsere Verlockung segelte in der letzten Stunde vorm großen Test versehentlich aus der Tasche von Frau Klinke und landete unter dem Lehrerpult: Da lag der Test, sie merkte es nicht. Und so wie Gollum in der Tolkien-Verfilmung nach dem Schaaatzz im Seegrund grabschte, griff ein Mitschüler zum Aufgabenblatt. Die Kunde machte die Runde, alle waren dabei: die Faulen und die Streber, die Nerds und die Coolen, die Randgruppen und die Wortführer.

Klar, wir hätten auch einfach mal lernen können. Doch der Berg fährt sich leichter mit Hilfe von außen. Nach Schulschluss gingen die Klassenbesten die Lösungen durch, die Nicht-so-Besten rannten dann zum Schulkopierer und zogen eine Lösung für jeden. Nachmittags prüfte ich das Lösungsblatt und lernte – mit einem Blick ins Englischbuch, aber mit fünf Blicken auf den kopierten Bogen.

Die erste Gewissensinstanz war meine Mutter. Was machst du da? Lernen, habe morgen Prüfung. Ah ja? Jaah – sind Übungen hier, äh, auf dem Blatt. Ich radelte weiter. Ich komme vom Zabel-Gymnasium, auch wenn es hier um eine Gründerfamilie und nicht um den Radsportler geht. Auch der Rest der Klasse hatte gedopt: Am Folgetag schrieben wir uns die Bergetappe hinauf, schalteten die Gänge durch und setzten Einsen und Zweien aufs Blatt.

Nach einer Woche kam Frau Klinke freudestrahlend mit den Ergebnissen in den Klassenraum gerauscht: Super Notendurchschnitt! Gelbes Trikot! Einsen und Zweien! Endspurt zur Champs Elysees! Unsere Englischlehrerin hatte sich so gefreut – mancher aus der 8/2 wollte schon Freudentränen auf ihren Wangen entdecken –, dass es einfach eine Schande gewesen wäre, sie aufzuklären.

Das alles war so schön, wir hielten dicht. Warum auch beichten? Lehrer froh, Schüler froh, passt. Wenn da nicht ein Gewissen wäre. So ein Gewissen ist es auch, dass das Uni-Leben schwer werden lässt. Klar, in vollen Hörsälen muss Schummeln einfach sein – aus Flaschenetiketten Spickzettel zu machen, ist keine Kunst mehr.

Aber der Stich des Gewissens schmerzt härter, als der schnelle Erfolg süß schmecken kann. Das lässt den Lateintest so unendlich schwer werden. Das zieht die Recherche für die Hausarbeit trotz Google und Ghostwriter in die Länge. Und das ist es auch, was schließlich die Freiburger Uniklinik erkennen ließ: Lügen haben Epo-Beine!

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