Marcs Studienstart Jäger der versifften Quadratmeter
Zuerst habe ich noch gelacht. Dann geflucht - und irgendwann heimlich geweint.
Nach dem Abschied aus meinem Heimatort Röppisch suche ich jetzt eine Wohnung in Freiburg. Für Studentenwohnheime bin ich zu spät dran, denn das erste Semester hat gerade begonnen. Ich kaufe mir deshalb einen Stadtplan, vereinbare viele Maklertermine, drucke die Googlesuchliste "Wohnung+Freiburg+Günstig" aus und bereite mich seelisch auf einen harten Kampf vor. Doch es kommt dicker, als es sich meine Phantasie ausmalen kann.
Meine Odyssee startet im Nieselregen. Die ersten vier Wände des Tages verstecken sich in einem mettwurstfarbenen Wohnblockmonster. Der Klingelblock im Hauseingang zeigt 50 Namensschilder, eine Reise durch die Sprachräume dieser Welt von Jakupov über Dittmann bis Nkrumah. Das klingt nach Studentenstadt. Doch die schläft noch, ebenso der Makler: Nachdem mich der Nieselregen beharrlich nass getröpfelt hat, klingelt mein Handy eine Absage.
Beim nächsten Termin erscheint wieder kein Makler. Dafür kommt Paul, ebenfalls Erstsemester und verzweifelt auf der Suche nach einer Bude, wie er mir erzählt. Seit drei Wochen steht Paul vergeblich in Hausfluren und Türrahmen, konkurriert mit 80 anderen Bewerbern in WG-Marathon-Castings oder stößt sich den Kopf in Kellergewölben. Paul ist Wohnungssuchexperte, nur ohne Erfolg. Dass er mir nur Mist erzählt, ist klar. Als Nebenbuhler versucht er mich natürlich einzuschüchtern.
Väter wie Obelixe im Krieg gegen Mitbewerber
Dass Paul nicht nur vom Pferd erzählt, wird klar, als die Makler zeigen, was sie zu bieten haben: Einmal sind Küche und Bad irgendwo im Haus verloren, ein anderes Mal besteht das ganze Zimmer aus Dachschräge. Ich lerne Gemeinschaftsduschküchen kennen, bei denen man aufpassen muss, nicht aus der Dusche in die Herdplatten zu stolpern. Ich klettere in winzige Zwergenräume. Und bekomme Zimmer gezeigt, die selbst in Tokio für Empörung sorgen würden. Der Freiburger Immobilienmarkt ist eine Hölle aus Beton und Backstein.
Der Teufel kommt in diesem Szenario in Gestalt übermotivierter Familienväter daher. Als ich endlich die passablen Teile des Mietmarktes erblicke (groß und hell, bezahlbar und renoviert, mit Schwarzwaldausblick und Pizzaservice um die Ecke), bin ich nicht allein. Die Makler öffnen die Türen in 25-Quadratmeter-Paradiese, und eine Welle von potenziellen Mietern ergießt sich in den Raum. Alle sammeln sich sofort in der Raummitte - wie eine Ameisenkolonne um Aprikosenstückchen. Meist junge und hübsche und blonde BWL-Studentinnen. Oder Jura-Studentinnen. Immer sind sie in Begleitung ihrer Wachhund-Väter, die sich den Makler zur Brust nehmen, als wären sie Obelix und müssten ein gallisches Dorf retten.
Als ich dann ein zartes "Das Zimmer gefällt mir" formuliere, trötet prompt ein Obelix: "Meine Meike findet es auch schön." Auf mein "Meine Eltern schicken Ihnen die gewünschte Bürgschaft" poltert es: "Ich unterschreibe gleich hier die Bürgschaft für meine Jennifer." Elternbürgschaften sind die VIP-Tickets der Wohnungsjäger. Ich kann vielen "Meinejennifers" und "Meinemeikes" dabei zusehen, wie sie von ihren Vätern wie Hinkelsteine in neue Wohnungen gehievt werden. Nur ich bleibe immer zimmerfrei.
Meine Rettung ist dann Frau Beigl. Die Maklerin ergoogele ich im Todeskampf. Eigentlich war alles schon weg, was sie mir anbieten kann. Nur eine Wohnung - klassischer Makler-Trick - ist doch noch frei. Ein "pflegebedürftiger älterer Herr" habe in ihr gewohnt, nun sei das Zimmer ziemlich kaputt und zum Vorzeigen eigentlich nicht geeignet "Ich muss sie warnen", beschwört mich Frau Beigl noch.
Der Raum ist von Staubfäden durchwoben. Die Pfützen im Teppich haben aufgehört, feucht zu sein. Die Wände wollen leuchten, verstecken sich aber hinter verrauchtem Blassgelb. Dort, wo mal eine Küche war, zeichnen Fett- und Essensreste die Schrankkonturen auf den Kacheln nach. Und vor dem Bad hängt ein Zettel mit der Aufschrift: "Lieber Herr Möhrle. Bitte immer dran denken: Am Mi. und Fr. ist um zwölf Uhr Duschzeit."
Die Wohnung riecht streng, nach Rentner, Kohlrabi und einer ätherischen Ölmischung. Sie ist einfach traumhaft.