Marcs Studienstart: Jagt sie fort, teert und federt sie! - DER SPIEGEL
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Marcs Studienstart Jagt sie fort, teert und federt sie!

Wer Mittelalter-Vorlesungen hört, findet sich schnell in der Gegenwart wieder. Geschichtsstudent Marc Röhlig fraternisiert mit dem Verfassungsschutz und verpetzt sie alle: die Muslime, die Dicken, die Lateiner und die Ossis - einmal nass den Campus durchwischen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Verfassungsschutz braucht meine Hilfe. Ich petz' jetzt mal so richtig los. Es muss sein, denn so geht es nicht weiter. Sie leben unter uns – einer schlimmer als der andere. Diese Universität muss ein besserer Ort werden. Schmeißt sie alle raus, schleppt sie weg, sperrt sie ein, weist sie aus!

Wen? Das wird sich finden. Die Innenminister der Länder hatten vor einigen Wochen die Idee, verstärkt die Hochschulen der Republik in ihr Argusauge zu fassen: Es gilt, die Schläfer in den Hörsälen zu verhaften, bevor sie wach werden. Gemeint sind nicht jene Studenten, die in der letzten Bankreihe ihren Kater ausschlummern. Die Innenminister machen Jagd auf potentielle Terroristen. Viele davon studieren unerkannt an deutschen Hochschulen, viele davon sollen enttarnt werden.

Was zuerst die Idee des bayerischen Innenministers Beckstein war, greift nun auch in Baden-Württemberg. Da darf sich keiner drücken: "Meine Uni hält die Idee vom Spitzel-Studenten zwar für Nonsens, ich erkenne aber meine Pflicht, auf dem Campus mal nass durchzuwischen."

So soll die Enttarnung funktionieren: "verdächtig erscheinende Wahrnehmungen, die Rückschlüsse auf eine islamisch-fundamentalistische Haltung zulassen" (so formulierte es Günther "Beckstein-Beckstein-alles-muss-versteckt-sein") werden sofort gemeldet. Was das für Wahrnehmungen sind? Nun, die Herkunft, die Religion, ein Bruch im Lebenswandel, Gewaltbereitschaft oder "Beschäftigung mit einschlägiger Literatur" liefern dir eindeutige Hinweise. Weil der Verfassungsschutz nicht in jedem Hörsaal sitzen kann, mögen doch bitte die Studenten beim Spitzeln helfen.

Frisch losgepetzt - mein Arabischlehrer

Ich bin so frei und kreide mal an: meinen Arabischlehrer. Er hatte es gewagt, ein Koranhörbuch im Unterricht abzuspielen, angeblich um uns die "Vielseitigkeit des arabischen Wortes" näher zu bringen.

Ha! Ich hab's verstanden: Allahu akbar – Allah ist groß. Das ist kein Sprachunterricht. Was dort aus den Boxen dringt, ist Blasphemie in Dolby Surround! Mein Arabischlehrer outet sich über seine Religion. Ein Muslim, und er lehrt an der Universität. Am Ende führt das noch zu Völkerverständigung. Ausweisen!

Der dicke Kommilitone

Ich kreide weiter an: meinen Kommilitonen. Dieser Kerl, wie sportlich begann er das vergangene Wintersemester? Ging regelmäßig zum Fußball, joggte am Fluss entlang und besuchte sogar den Gymnastikkurs, um sich am Rande zu strecken und zu dehnen, während derweil knackige Studentinnen nebenan Purzelbäume schlugen.

Und nun? Der gleiche Junge ist plötzlich stolz darauf, "mit Schmackes von unten" an seinen Bauch schlagen zu können. Er joggt nicht mehr am Fluss, nein, er packt sich mit Sixpack und Grill an die Ufer. Das ist ein radikaler Bruch im Lebenswandel. Nimm ab, oh Hörsaalnachbar, oder wir jagen dich zu den Toren der Stadt hinaus!

Der blutrünstige Banknachbar

Und wieder kreide ich an: meinen Banknachbarn. Ja, es gibt noch Banknachbarn an der Universität, aber ich wünschte, es wäre nicht so. Wöchentlich bin ich den Aggressionen eines wirklich schrecklichen Kommilitonen ausgesetzt. Da sitzt er also mit mir in diesem Seminar "Die Kreuzzüge". Und als wäre dies nicht schon eine Gewalttat, spricht er auch noch ganz locker darüber: "Ich denke, Geschichte wird am interessantesten, wenn auch Blut fließt." Und schon vor Seminarbeginn, also in den Semesterferien, hat dieser Ungeheuerliche ein Buch über die Kreuzzüge gelesen.

Braucht es noch mehr Erklärungen? Der Kerl ist Gewaltbereitschaft pur. Peinigen wir ihn bis aufs Blut!

Der Lateinprof

Nunmehr kreide ich an: Meinen Lateinprof. Hier braucht es nicht viele Worte. Die Beweislast ist erdrückend, die Schuldfrage keine Frage.

Dieser Mann ist jung und sportlich und sollte seine Zeit mit den schönen Dingen des Lebens verbringen. Er aber schwärmt von humanistischer Bildung, lässt die tote Sprache hochleben. Was sind das nur für Menschen, die sowas tun? Freiwillig steckt er seine Nase in den Stowasser und in Ciceros Reden.

Einschlägige Literatur? Mehr Einschlag hat keine. In den Kerker bis ans Ende der Zeit, aber subito!

Der Ossi

Schließlich kreide ich an: den Ossi. Das Indiz ist eindeutig: seine Herkunft. Und als hätte er nicht gelernt, sie zu vertuschen und sich in Demut in die Vorlesung zu schleichen, kokettiert er auch noch damit. Ossi, du bist der Himmelsrichtung des Teufels! Sätze wie "Es war nicht alles schlecht" oder "Nicht jeder war bei der Stasi" wollen wir in keiner Vorlesung mehr hören. Spitzt die Mistgabeln, jagt ihn zurück nach drüben!

Bei letzterem Hörsaalmonster müsst ihr mich verhaften, ich bekenne mich schuldig. Wenn ich Bewährung bekomme, verrate ich euch die Namen der anderen vier.