Marcs Studienstart: Von wegen Lotterstudenten - alles Märchen! - DER SPIEGEL
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Marcs Studienstart Von wegen Lotterstudenten - alles Märchen!

Seine ganze Familie reißt ständig fiese Studenten-Gammel-Witze. Doch Erstsemester Marc Röhlig, 20, kommt gar nicht zum Faulenzen. Studieren ist nämlich ganz schön zeitraubend. Anstrengend auch. Und irgendwie mit Opas Komposthaufen vergleichbar.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Meine Großeltern haben ein kleines Haus in einem kleinen Dorf mitten in Sachsen, ihr dürft euch das wie ein sozialisiertes Sibirien vorstellen. Immer wenn ich zu Besuch bin, lerne ich für mein späteres Leben: wie Holz korrekt gehackt wird, wie Erde richtig umgeschaufelt oder Kompost ideal gestapelt wird. Komposthaufenbauen ist nämlich eine Wissenschaft wie das Geschichtsstudium auch.

Zuerst die schon vorhandene erdige Schicht umgraben und auflockern. Am besten das gesamte Moderwerk beiseite schaufeln. Beim Neustapeln muss zuerst eine Fläche alten Komposts als Basis angelegt werden. Hier verstecken sich jede Menge Destruenten (etwa Regenwürmer), die richtig geil darauf sind, in neue Stockwerke hochzuwürmeln. Zum Beispiel in die noch unzersetzten Laubblätter. Das Wichtigste, damit der Matschhaufen gelingt und gut durchökologisiert wird: trichterförmig stapeln! Jede neue Schicht muss ein wenig überlappen. So kann bei Regen das Wasser außen ablaufen. Sonst würde alles nach innen sickern, der Kompost zerfließt, und die Destruentenwürmer saufen alle ab. Das hat mir mein Opa beigebracht.

Nun habe ich neulich mit meinem Großvater gechattet – ja, er ist online. Und da schreibt er doch: "Du hast tatsächlich auch manchmal Vorlesungen?" Genauso mein Vater, der spricht mir auf den Anrufbeantworter: "Ich wollte nicht so früh anrufen, weil du schläfst ja bestimmt länger, aber jetzt bist du wohl tatsächlich schon in der Uni." Meine Mutti hingegen ruft früh an und sagt dann Sätze wie: "Wie, du bist schon wach? Was, du lernst? Hast du etwa tatsächlich was zu tun?"

Dreimal der gleiche verwunderte Ausruf: "Tatsächlich?" So geht das ständig, wenn die Nicht-mehr-Studenten-Generation vom Studieren spricht. Also, um das mal klarzustellen: Die Sache mit den Lotterstudenten - alles ein Märchen! Wir haben Anwesenheitspflicht bei unseren Vorlesungen! Wir haben Übungsstunden, Hausaufgaben, Fremdsprachenkurse! Die letzte Bahn fährt in Freiburg sowieso um halb eins!

Wiederkäuen statt Erforschen

Andere mögen ihre Semester sammeln. Aber der Bachelor, der sein Studium nicht passgenau vor der Polkappenschmelze beendet - der fliegt.

Ja, natürlich, auch Studenten haben ihre Gammeltage. Montags und freitags warten ganze zwei Stunden Arabisch auf mich. Und ich habe Kommilitonen, die da kräftig feiern gehen und deren einzige Sorge der Postbote ist, dessentwegen sie sich früh aus dem Bett schälen müssen. Auch die anderen drei Tage kleckern sich mit vier bis acht Stunden zusammen. Aber, und da muss ich notgedrungen pragmatisch denken: Freizeit ist jetzt Trainingszeit. Als Student sitzt du am Tag ein paar Stunden im Hörsaal, ein paar Stunden in der Kneipe, aber auf jeden Fall ewig über deinen Büchern. Und Mann! - was geht da für Zeit drauf.

Das Geschichtsstudium hat den Nachteil, ausschließlich Vergangenes zu analysieren. Das ist für mich zwar spannend, aber ziemlich eintönig in der Erforschung. Napoleon lässt sich nicht im Erlenmeyerkolben erhitzen, der Nationalsozialismus hat keine Gravitationskraft, und die Rechnung 2+4 gleich Einheit geht so nur in Geschichte auf. Mein Experiment also heißt Lesen. Und das dauert.

Ich hatte mich tatsächlich gefreut, im Studium wieder mehr Zeit für Müßiggang zu haben, und mich mit vielen schönen Büchern eingedeckt. Aber anstelle von Hunter Thompson, Bastian Sick und Goethe heißt meine Lektüre "Freiheit und Unfreiheit im Mittelalter – Formen und Wege sozialer Mobilität". Oder "Caesar: De Moribus Gallorum et Germanorum".

Letzteres hat zwei Übersetzungen. Erstens: "Caesar: Über die Sitten der Gallier und Germanen". Zweitens: "Ich habe nun doch noch einen Platz in einem Lateinkurs bekommen. So ein Mist."

Letzten Abend nun klingelte das Telefon, meine Tante aus Berlin störte mich beim Lockenreißen über der Lateinbibel. Statt Gammelstudentenwitze durch den Hörer zu schicken, war sie schon einen Schritt weiter und stimmte mich auf mein späteres Leben ein. "Kannst dich ruhig mal anstrengen", sagte meine Tante, "schließlich musst du mal meine Rente erarbeiten."

Werd ich machen. Wenn nicht als Historiker, dann vielleicht als Komposthaufendienstleister.

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