Mechatronikerin Nera Voll verdrahtet
Eigentlich wollte Nera Horvat Bürokauffrau werden. Nach zwei Praktika während der Sommerferien wusste die Schülerin aber: Das ist nichts für sie - zu wenig Bewegung, zu wenig Abwechslung. Also wechselte Nera in die Produktion, arbeitete drei Wochen lang im Schaltwerk bei Siemens. Mittlerweile lernt die 19-Jährige Mechatronikerin und macht gerade ihre Zwischenprüfung.
Geht Nera durch die Gänge in der Montagehalle, in der Siemens Hochspannungsschalter fertigen lässt, fällt sie auf. Von den Arbeitstischen und Steuerungskästen blicken ihre Kollegen hoch. Junge, alte, mit kurzen und mit langen Haaren aber eben alles Männer. Außer Nera arbeitet hier nur eine andere Frau in der Schicht. In ihrer Berufsschulklasse sind die Mädchen zu dritt: 3 von 28.
Als angehende Mechatronikerin lernt Nera, elektronische Verschaltungen nach Plänen aufzubauen, zu verdrahten und anschließend ihre Funktion zu prüfen. Die Anlagen mehrere Meter hohe, T-förmige Konstruktionen mit einem angeschlossenen Steuerungskasten dienen dazu, die Energieproduktion eines Kraftwerks zu regulieren. So können Störungen in den Stromnetzen vermieden werden.
"Ich dachte, die nehmen mich nicht ernst"
Vor ihrem ersten Tag im Betrieb hatte sie Angst, gibt Nera zu: "Ich dachte, die nehmen mich bestimmt nicht ernst." Die junge Frau mit den hochgesteckten dunklen Haaren befürchtete, nur Kleinigkeiten machen zu dürfen und die eigentliche Arbeit ihren männlichen Kollegen überlassen zu müssen. Aber die Sorge zerschlug sich schnell: Sie verstehe sich mit allen gut, sagt Nera, könne Fragen stellen und Hilfe erwarten.
"Dobar dan" rufen ihr einige Mitarbeiter in roten Latzhosen zu, wenn Nera um kurz nach sechs Uhr ihre Schicht antritt. Das ist Kroatisch und heißt "Guten Morgen". Nera spricht die Sprache fließend, ihre Mutter ist Serbin, ihr Vater Kroate. Im Betrieb arbeiten einige, die aus dem ehemaligen Jugoslawien kommen, und ein paar Russen.
Außer der Sprache hat Nera noch etwas anderes von ihren Eltern mitbekommen: die Nähe zu Siemens. Ihre Mutter und ihr Vater arbeiten im Konzern, sie im Büro, er im Bereich Mittelspannung. Nera selbst kam im Berliner Stadtteil Siemensstadt zur Welt, unweit der Konzernwerke. Sicher nicht zufällig ist Nera das einzige Mädchen aus ihrem Freundeskreis, das sich für einen technischen Beruf entschieden hat. Eine lernt Friseurin, andere machen Fachabitur oder Praktika.
Ihre Freundinnen wollten Nera anfangs nicht glauben, als sie von ihrer Bewerbung bei Siemens erzählte: "Oh Gott, was willst du denn da?" "Die meisten Mädchen trauen sich einfach nicht, einen Männerberuf zu lernen", sagt Nera.
Dabei sei es gar nicht so wichtig, gute Noten in Fächern wie Mathematik oder Physik zu haben. In der Berufsschule und im Betrieb lerne man das, was man wirklich braucht für die Arbeit, ist Neras Erfahrung. Zwar hätten einige in ihrer Klasse schon Vorkenntnisse gehabt, "aber nach ein paar Wochen waren wir alle auf dem gleichen Stand".
Und jetzt? Die Hälfte der Ausbildung ist bereits um, am Donnerstag hat Nera den praktischen Teil ihrer Zwischenprüfung. Ein bisschen aufgeregt ist sie schon. Aber es ist ja Girls' Day am gleichen Tag vielleicht ein gutes Omen.
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