Medien-Studium in echt "Schaltet mal den WDR ein"
"Die Wahl der Kurse ist an der Kunsthochschule für Medien in Köln (KHM) sehr frei. Man muss zwar bestimmte Bereiche abdecken und einige Pflichtseminare besuchen, aber insgesamt sind es wenige Scheine, und für die gibt es keine Noten. Anfangs hat mich das irritiert, ich kam mir vor wie auf einer Waldorfschule. Jeder macht, was er will, alles ist total locker. Es passiert nicht einmal dann etwas, wenn man ein Projekt am Ende eines Seminars zu spät abliefert.
Im Grundstudium gibt es zwei vorgeschriebene praktische, Kurs bezogene Pflichtscheine: Computer und Video. Der Computerkursus war zwar interessant, hat mir aber letztlich nichts gebracht. Das lag daran, dass die Vorkenntnisse der Teilnehmer sehr unterschiedlich waren. Wenn man, so wie ich, komplett ahnungslos war, hat man direkt den Anschluss verpasst.
Der Videokursus vermittelt ein generelles Verständnis für das Medium. Da wurden wir mit Themen wie Kamera oder Drehmaterialien vertraut gemacht und haben Schnittprogramme kennengelernt. Das war interessant, aber die Menge an Informationen hat mich etwas überfordert.
Außer den vorgeschriebenen Kursen kann man weitere praktische Grund- und Fachseminare frei wählen. Sie dienen zur Orientierung fürs Hauptstudium, wo man sich auf eine der drei angebotenen Studienrichtungen festlegt. Bei mir ist das der Bereich Film/Fernsehen, deswegen habe ich dort die meisten Seminare belegt. Man lernt etwas über die Arbeit als Regisseur und an der Kamera, übt Live-Regie oder macht Schauspiel-Selbsterfahrungskurse.
Aus Filmrollen entstehen Bilder
Sehr beeindruckt hat mich der 16mm-Kursus, ich kam zum ersten Mal mit klassischem Filmmaterial in Berührung. Das ist ganz anders als Video, irgendwie ursprünglicher. Ich habe viel gelernt über die Funktion von Kameras oder die Entwicklung des Materials. Um das besser zu verstehen, haben wir auch ein Kopierwerk besucht, in dem die Entwicklung stattfindet. Die machen aus Filmrollen die eigentlichen Bilder - das fand ich spannend. Außerdem durften wir selbst ein paar Sekunden auf 16mm drehen.
Toll fand ich auch den Fotografiekursus. Da bin ich wirklich raus und wusste, ich habe alles verstanden, was die uns erzählt haben. Ich kann jetzt Licht für verschiedene Stimmungen setzen oder in der jeweiligen Situation die beste Kamera wählen. Außerdem kenne ich mich aus mit analoger Fotografie und kann Bilder selbst in der Dunkelkammer entwickeln.
Der praktische Ansatz der Schule gefällt mir sehr. Ich finde, dabei lernt man am meisten. In einem Seminar über Dokumentarfilm haben wir geübt, genau zu beobachten. Diese Fähigkeit besitzen wir alle, wir trainieren sie nur nie. Zum Dokumentieren ist sie enorm wichtig. Wir sind anfangs nur mit einem Foto losgezogen, haben beobachtet und dokumentiert. Das später auch filmisch umzusetzen, ist ja erst der letzte Schritt. Erst muss man wieder lernen, mit Ruhe zuzuschauen.
Wichtig ist Selbstdisziplin
Ein anderes Highlight war das Seminar von Hans Wilhelm Geißendörfer, dem Erfinder der "Lindenstraße". Er war Gastdozent an unserer Schule, in seinem Kursus sollten wir das Konzept für eine Serie entwickeln. Am Ende haben wir sogar eine Folge für die Lindenstraße gedreht. Unter völlig realistischen Fernsehbedingungen mit den echten Schauspielern zu drehen - das war toll. Außerdem wurde die Folge im Winter wirklich ausgestrahlt. Es war eine schöne Erfahrung, der Familie sagen zu können: Schaltet mal den WDR ein, da kommt etwas, daran habe ich mitgearbeitet.
Nach dem Studium möchte ich wohl ein paar Jahre als freie Regisseurin arbeiten. Auf Dauer kann ich mir aber auch die Arbeit in einer TV-Redaktion vorstellen. In Deutschland ist es immer noch verdammt schwierig, sich im Filmgeschäft einen Namen zu machen und Projekte finanziert zu bekommen. So sehr mich der Job fasziniert, jahrelang immer nur kämpfen - das will ich trotz aller Leidenschaft nicht.
Wenn ich so über meine Zukunft nachdenke, beschleicht mich der Gedanke, dass es wichtig und richtig ist, wie frei wir uns im Studium bewegen können. Der persönliche Erfolg hängt immer auch davon ab, wie gut man sich selbst motivieren kann. Man braucht Selbstdisziplin und Eigenverantwortung, um voranzukommen - das gilt für die Projekte an der KHM genauso wie für alle Berufe, in denen wir anschließend landen können."
Aufgezeichnet von Mara Braun