Mein erstes Mal: Arne, 20, wird ein Berliner - DER SPIEGEL
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Mein erstes Mal Arne, 20, wird ein Berliner

Eine WG-taugliche Wohnung in Berlin finden? Das kann doch nicht so schwer sein. Arne Semsrott besichtigt mit Hannah und Andrea in der Hauptstadt Bruchbuden und überteuerte Löcher, bis er sich an seine letzte Hoffnung klammern muss: den schmierigen Makler Sven.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hannah weint fast, Andrea schaut stumm auf den Boden, und mir kommen auch die Tränen. Wohnung Nummer acht haben wir uns gerade angeschaut, wieder keine Chance. Die anderen Bewerber bei der Massenbesichtigung sehen so aus, als ob sie ein geregeltes Einkommen haben - damit sind sie uns eindeutig überlegen.

Nach Berlin umzuziehen habe ich mir immer einfach vorgestellt. Zumindest nach den Berichten von Freunden und Bekannten: "Hier findest du innerhalb von Stunden eine Bude", sagte ein Berliner zu mir; ein Kumpel versprach "viele leere Wohnungen". Damit hatte er zwar nicht Unrecht. Dass es aber in Berlin meist gute Gründe gibt, warum eine Wohnung keinen Mieter findet, verschwieg er.

Wir besichtigen überteuerte Löcher und finden statt des versprochenen Laminat-Bodens fröhlich grüßende Bauarbeiter. Wir sehen winzige Drei-Zimmer-Wohnungen, in denen sich nicht einmal Kate Moss frei bewegen könnte. Die Verzweiflung steigt bei Hannah, Andrea und mir. Zwei Monate suchen wir schon nach einer Bleibe. Ist es wirklich so schwer, eine Dreier-WG in Berlin zu gründen?

Die letzte Hoffnung ist der schreckliche Sven

Sven ist unsere letzte Hauptstadt-Hoffnung. Er arbeitet als Makler bei einer Firma, die provisionsfrei Wohnungen in Berlin sucht. Sven näselt und streicht sich nach jedem Satz die glänzenden Haare aus dem Gesicht. Sven hat einen heißen Tipp: "Am Sonntag kann ich mit euch eine Dachgeschosswohnung in Wedding anschauen, die passt perfekt zu euch."

Am Sonntag kommt Sven nicht, zumindest nicht zum vereinbarten Zeitpunkt. Frustriert erkläre ich, mir Haare und Bart nicht mehr zu schneiden, bis wir eine Wohnung gefunden haben. Nach Berlin-Blockade, 40 Jahren Mauer und Aggro Berlin müssen die Berliner nun mich als Haarknäuel ertragen, das verspreche ich. Dann kommt Sven.

Er zeigt uns die Dachgeschosswohnung. Sie passt perfekt zu uns: vier Zimmer, Wannenbad, große Fenster, Dachterrasse. Die große Antenne auf dem Haus nebenan verspricht außer der Strahlung auch besten Handyempfang.

Vor allem gibt es günstigen Döner. Auf der anderen Straßenseite bietet "Eren" Dumping-Döner für zwei Euro. Unter drei Euro gibt es in Hamburg keinen. Das also ist Berlin!

Wir sind begeistert und bieten Sven eine Unterschrift unter den Mietvertrag an. "Das geht erst ab Mitte nächster Woche", näselt er und streicht sich die glänzenden Haare aus dem Gesicht. "Dann klären wir alle Formalitäten."

Die erlösenden Worte: Mietvertrag unterzeichnen

Jetzt heißt es: warten. Vorsichtshalber vereinbaren wir ein Krisengespräch. Sollte es mit der Dachgeschosswohnung nichts werden, wäre jeder von uns wieder auf sich allein gestellt. Der entscheidende Anruf erreicht uns am Ende der Woche, als wir die Hoffnung auf die vier Zimmer über den Dächern Berlins bereits aufgegeben haben und Trost in großen Mengen "Berliner Pilsener" suchen.

"Haben Sie morgen früh Zeit?", fragt eine unschuldige Stimme. "Wieso denn?" "Damit Sie den Mietvertrag unterzeichnen können", sagt die Angestellte der Makler-Firma. "Wiederholen Sie das bitte", japse ich und schalte den Lautsprecher an. Das Wort "Mietvertrag" dröhnt nochmals durchs Handy, der Rest des Satzes geht in unserem Jubel unter.

Auf die Vertragsunterzeichnung folgt in den nächsten Tagen das letzte Pendeln von Berlin nach Hamburg und zurück – diesmal mit Umzugswagen inklusive Schränken, Bett und Schreibtisch aus meinem ehemaligen Kinderzimmer. Meine Mutter freut sich, mich endlich loszuwerden: die Chance, das Haus umzugestalten und klapprige Möbel aus der Wohnung zu mir nach Berlin zu verfrachten.

Eine Pfütze unter der Spüle, ein See an der Decke

Für einen Moment - der Möbelwagen harrt übervoll beladen der Reise gen Osten - steht der freudige Moment meiner Abfahrt allerdings wieder auf der Kippe: Das Handy klingelt erneut, "volle Kraft zurück!", ruft die Angestellte der Makler-Firma. "Es müssen noch Reparaturen in der Wohnung durchgeführt werden." Das allerdings interessiert mich herzlich wenig, ich mache mich trotzdem auf den Weg in die Hauptstadt.

Es folgt der Kraftakt, all meine Möbel ohne Aufzug in den fünften Stock zu wuchten. Das Testen des Kickers führt zur ersten Begegnung mit den Nachbarn, die sich über den Lärm beschweren. Als ich mein Spiegelbild in einer Metalltasse sehe, mache ich mich auf die Suche nach meinem Rasierapparat. Den habe ich in Hamburg vergessen. So kann ich mein Versprechen, meine Bewuchs bei Erfolg im Wohnungskampf zu kürzen, nicht einlösen.

Dass die Reparaturen vor unserem Einzug nicht abgeschlossen waren, macht sich schnell bemerkbar. Unterhalb der Spüle bilden sich kleine Pfützen, das Badezimmer ist ein Süßwasserbiotop, an Hannahs Zimmerdecke wächst ein Wasserfleck unaufhaltsam zu einem See. Das Wohnzimmerfenster ist kaputt, Briefkasten und Kellerbox sind noch nicht zugeteilt.

So leicht lässt sich das nicht beheben. Anruf beim Vermieter: "Ich hätte gerne eine Kellerbox für mein Fahrrad!" Antwort: "Dafür ist die Hausverwaltung zuständig." Ich rufe die Hausverwaltung an: "Da müssense mit dem Vermieter reden, die können Ihnen eene Kellerbox geben." Der Vermieter beim nächsten Anruf: "Ich geb Ihnen mal die Nummer vom Hauswart." Ich rufe den Hauswart an: "Ne, eine Kellerbox kriegen Sie nur, wenn Sie auch einen Kellerschlüssel haben. Den kriegen Sie nur vom Vermieter." Aber dort ist inzwischen Feierabend.

Guten Morgen, der Makler ist wieder da!

Als ich am nächsten Morgen aufwache, blicke ich aus meinem Bett in zwei verdutzte Augenpaare. Einige Sekunden lang starre ich verdutzt zurück, dann setze ich zu einem Gruß an.

Aus dem Hintergrund höre ich Sven näseln: "Oh, die Wohnung ist schon bewohnt." Vermutlich streicht er sich jetzt seine glänzenden Haare aus dem Gesicht. Die Augenpaare ziehen wieder ab. Offenbar hat sich noch nicht herumgesprochen, dass die Wohnung jetzt vermietet ist.

Trotz aller Widrigkeiten gewöhnen wir uns allmählich an unser Heim. Am Ende des Tages trifft sich die neue WG zum ersten gemeinsamen Abendbrot auf der Terrasse, die vorläufig auch als Kühlschrank herhalten muss.

Die defekte Wasserpumpe lärmt in der Küche, das kaputte Wohnzimmerfenster weht im Wind, mein Fahrrad friert alleingelassen im Innenhof. Aber die Wohnung gehört uns. Uns allein. Endlich.

Hannah weint fast. Andrea schaut stumm auf den Boden. Und mir kommen auch die Tränen.

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