Mein erstes Mal Jan, 19, läuft einen Marathon
Geschafft: Jan lief zum ersten Mal einen Marathon - eine schmerzhafte Erfahrung
Foto: SPIEGEL ONLINE"Voller Spannung und ein wenig aufgeregt erwartete ich den Anpfiff. Noch nie zuvor bin ich einen Marathon gelaufen. Die Stimmung auf dem Bremer Marktplatz war geladen, die Menschenmenge beeindruckend. Aber viel Zeit zum Nachdenken blieb mir nicht. Kurz nach neun ertönte das Signal und ich lief los. Sobald ich in Bewegung war, fühlte sich alles routiniert und vertraut an. Laufen, das ist etwas, was ich kann.
Für Sport begeistere ich mich schon immer. Früher spielte ich Fußball und Tennis. Vor einigen Monaten habe ich Kitesurfen für mich entdeckt. Und seit drei Jahren laufe ich mit Leidenschaft. Ich denke, ohne Laufen könnte ich gar nicht leben. Meine Laufschuhe nehme ich überall mit hin.
Wirklich schlechtes Wetter zum Laufen gibt es für mich nicht und faule Ausreden ebenso wenig. Bei Regen laufe ich besonders gerne und im Winter bei Eis und Glätte binde ich mir ein Stirnband vor den Mund, damit die kalte Luft nicht in meinen Körper gelangt und ihn schädigt. Wenn ich ein paar Tage nicht laufen gehen kann, macht sich eine innere Unruhe in mir breit und ich merke, dass mein Bewegungsdrang mir keine Ruhe lässt. Ich bin dann unausgeglichener.
Je weniger er denkt, desto schneller wird er
Am liebsten laufe ich allein. Dann kann ich am besten abschalten und mich entspannen. Laufen ist wie ein Ventil zum Dampf ablassen. Danach habe ich einen klaren Kopf und die meisten Probleme scheinen nur noch halb so wild. Beim Laufen höre ich immer Musik. Ich bevorzuge schnelle Beats und energiegeladene Musik.
Nach den ersten Kilometern spüre ich, wie sich Geist und Körper trennen. Ich fühle mich leichter. Das klingt vielleicht esoterisch, ist aber wirklich so. Meinen Körper nehme ich dann kaum noch war und lasse meinen Blick durch die Landschaft schweifen. Wenn ich gar nichts mehr denke, bin ich am schnellsten.
Diesen Sommer, als ich schon für den trainierte, verbrachte ich einige Wochen mit meiner Familie auf der schwedischen Insel Aland. Die Strecken dort waren bislang die schönsten, auf denen ich gelaufen bin. Außerdem hatte ich genug Zeit, für den Marathon zu trainieren. Man sollte zur Vorbereitung pro Woche mindestens 70 Kilometer laufen und einmal pro Woche eine Strecke über 30 Kilometer zurücklegen.
Meistens habe ich dieses Pensum aber nicht geschafft. Ich trainiere zwar mindestens jeden zweiten Tag, doch dann laufe ich zwischen zehn und 20 Kilometern. Läufe bis zu zehn Kilometern machen mir unendlich viel Spaß, dann versuche ich mein Bestes zu geben und mir die Seele aus dem Leib zu laufen. Strecken, die darüber hinausgehen, fallen mir schwerer.
Bei Kilometer 20 fingen die Schmerzen an
Einen Marathon wollte ich dennoch unbedingt laufen. Irgendwann habe ich mit einem Freund gewettet. Der meinte, ich würde niemals an einem Marathon teilnehmen. Da war mein sportlicher Ehrgeiz noch mehr geweckt. In den vergangenen zwei Jahren bin ich bei einigen Kurzstreckenläufen angetreten, aber weiter als eine Halbmarathonstrecke von knappen 22 Kilometer bin ich nicht gelaufen.
Beim Start auf dem historischen Rathausplatz Bremens, umgeben von Hunderten Läufern, habe ich gespürt wie mein Adrenalinspiegel anstieg. Die ersten Kilometer begleitete mich das dumpfe Geräusch Tausender trampelnder Füße, ich konnte die Vibration des Bodens fühlen. Ab dem zehnten Kilometer verlief sich die Masse langsam.
Wenn mich ein anderer Läufer überholte, packte mich der Ehrgeiz aufs Neue und ich versuchte noch ein bisschen schneller zu laufen. Die Strecke durch Bremen war sehr abwechslungsreich. Manche Wege führten die Weser entlang, dann ging es durch Parks, verschiedene Stadtteile und zurück in die Innenstadt. Nachdem ich die 20 Kilometergrenze überschritten hatte, flaute die Euphorie etwas ab und die ersten Schmerzen machten sich bemerkbar. In meinem linken Knie zog es. Ich konzentrierte mich auf die Musik, die Umgebung und lief einfach weiter.
Oma keucht vorbei
Dass der Marathon ein Kampf gegen den eigenen Körper ist, war mir schon vorher bewusst. Aufgeben wollte ich also auf gar keinen Fall. Als eine kleine Tafel darauf hinwies, dass ich nun Kilometer 34 hinter mich gebracht hatte, verließ mich nach und nach die Lust. Mein Schritt verlangsamte sich und ich fragte mich, wem ich hier eigentlich was beweise. Mittlerweile schmerzte auch mein rechter Fuß. Aber ich lief weiter.
Eine alte Dame überholte mich keuchend. Da dachte ich mir: das kann doch nicht wahr sein, und gab noch mal Gas. Als nur noch wenige Kilometer bis zum Ziel fehlten, sammelte ich all meine Kräfte und lief im Sprinttempo auf die Zielgerade zu. Ich hörte und sah die Menschenmenge am Rand applaudieren und pfeifen, sah das Ziel vor mir und rannte so schnell ich konnte. Dann hörte ich, wie der Moderator meinen Namen in das Mikrophon sagte.
Ich lächelte, jubelte, ich hatte es geschafft. Drei Stunden und 48 Minuten, 42 Kilometer. Erschöpft und vollkommen glücklich schob ich mich mit den anderen Läufern durch die Menschenmasse zu den Umkleiden. Mein Kopf war völlig leer.
In meiner Altersgruppe, in der 362 Männer angetreten sind, habe ich den 30. Platz belegt. Das macht mich schon ein wenig Stolz. Vor dem Marathon war ich mir relativ sicher, dass der Lauf in Bremen eine einmalige Sache sein würde. Doch wer weiß, vielleicht laufe ich beim nächsten Mal den Berlin Marathon mit. Zuerst brauche ich jetzt aber ein paar Tage Pause."