Mein erstes Mal: Jasmin, 17, wird zur Zicke - DER SPIEGEL
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Mein erstes Mal Jasmin, 17, wird zur Zicke

Jasmin Rapprich schaffte es, in zehn Wochen alle Freunde zu vergraulen und ihre Noten zu ruinieren. Dabei klang ihre Idee ganz harmlos: Sie wollte in der Schule eine Gala organisieren. Dann aber lernte sie sich von einer ganz neuen Seite kennen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Eigentlich trifft mich gar keine Schuld. Schließlich lagen meine Nerven blank. Nichts, aber wirklich nichts klappte. Denn einen Tag vor der Aufführung bekam ich die Playbacks für unsere Songs. Ein Freund sollte den Gesang aus den Stücken herausschneiden, doch die Playbacks waren nicht einmal ansatzweise zu gebrauchen. Er hatte nicht nur die Stimmen herausgefiltert, sondern auch alles andere bis auf den Bass. Wir waren erledigt. Was sollte ich machen? So schnell wie möglich alle Plakate abhängen und so tun als ob wir nie vorgehabt hätten irgendwas aufzuführen? Ich fing an zu heulen.

Die Idee an sich war gar nicht schlecht gewesen. Ich wollte in der Schule eine Charity-Gala organisieren, für die Opfer des Tsunami. Es sollte ein Abend mit Sketchen, Liedern und vielleicht ein paar Tanzeinlagen werden. Eigentlich war das keine große Herausforderung für mich, wir hatten ja vor einigen Wochen das Musical 'Hair' in der Schule aufgeführt und waren noch im Training.

Ich liebe Musicals und kann sie alle auswendig: 'Hair', 'Sister Act', 'Jesus Christ Superstar' und viele mehr. Ich hatte bei allem mitgemacht, was nur irgend möglich war an den Schulen in meiner Umgebung. Zwei Freundinnen konnte ich überreden, diese Sache mit mir anzupacken.

Zuerst brauchten wir Plakate, um sie in der Schule aufzuhängen. Also malten wir Zettel mit dicken roten Buchstaben: 'Suchen fleißige Sängerinnen und Sänger'. Die Reaktionen waren nicht schlecht. Nach und nach trudelten die ersten Freiwilligen von den Klassen 6 bis 13 zu unserer ersten Probe ein. Ideen hatte ich auch schon genug, sie mussten nur noch umgesetzt werden.

Doch irgendwie war ich etwas übereifrig. Jeden Tag rief ich mit neuen Ideen bei meinen Freundinnen an. Dass Julia und Rebekka kaum reagierten, merkte ich gar nicht. Zuerst sprang Julia ab. Ich fand das nicht schlimm, waren ja noch zehn Wochen Zeit. Ich drehte also noch ein bisschen mehr auf, sprach in den Pausen nur noch über "Unsere Gala" und kommandierte meine Mitschüler zu Hilfskräften ab.

Bald hatte keiner mehr Bock

Ich kann manchmal eine Zicke sein. Das war, denke ich, der Grund, warum auch Organisatorin Nummer zwei das Handtuch warf. Auch meine Gruppe hoch motivierter Schüler wurde allmählich kleiner und kleiner. Sie kamen mit fadenscheinigen Ausreden wie Zahnarzt, Hausaufgaben oder Referaten. Ich wurde energisch: "Du hast ein Hockeyspiel? Ist das mein Problem? Du kommst zur Probe!"

Ich organisierte Mikrofone, Verstärker und Beleuchtung und entwarf die Einladung. In unserer Kostümkammer entdeckte ich gruselige Verkleidungen und drückte meinen Freundinnen lila Kleider mit weißen Spitzenkragen auf. Die meisten entschieden sich, lieber das Kostüm zu tragen als mit mir zu diskutieren.

Bald war von dem guten Gedanken nichts mehr zu spüren, und keiner hatte mehr Bock. Vier Wochen vor der Gala hassten mich meine Freunde, kaum jemand kam zu den Proben. Auch privat war ich gut dabei, alles zu vermasseln: Für die Schule blieb natürlich überhaupt keine Zeit. Vokabelarbeiten entpuppten sich als Desaster, lernen war ein Fremdwort für mich. Bald wog ich fünf Kilo weniger, meine Augenringe reichten fast bis zum Mundwinkel.

Ich nötigte die anderen, Tag und Nacht zu proben, und wurde zunehmend ungeduldiger. Als drei Tage vor der Premiere "I will follow him" aus "Sister Act" immer noch nicht klappte, strich ich es kurzerhand aus dem Spielplan.

Und schließlich die Sache mit den unbrauchbaren Playbacks. Ich rief meine Klavierlehrerin an, die mich an eine ihre Studentinnen weiterleitete. Drei Stunden später stand eine Klavier-Studentin vor der Aula-Tür, die einfach alles perfekt vom Blatt spielen konnte. Das musste sie auch. Eine Generalprobe konnten wir ihr nämlich nicht anbieten.

Ich war unausstehlich in den zehn Wochen. Ich habe mich unbeliebt gemacht wie nie zuvor. Und ich habe meinen Notendurchschnitt versaut. Das muss man in so kurzen Zeit erst mal schaffen. Ob sich das gelohnt hat? Finanziell gesehen schon: Immerhin haben wir 1300 Euro spenden können.

Trotzdem habe ich mir geschworen, nie wieder freiwillig irgendwas zu organisieren. Wenn ich das doch auch durchgezogen hätte. Nachdem mir meine Freunde ein paar Tage später verziehen hatten, wählten sie mich aus Rache zur Schülersprecherin. Und weil es bei diesem Job ohne Organisieren nicht geht, bleibt mir wohl nur noch eines: zickig sein."

Jasmin Rapprich, 17, besucht die Rudolf-Steiner-Schule in Hamburg-Nienstedten.

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