Mein erstes Mal: Marius, 19, zeigt seinen Kurzfilm in Cannes - DER SPIEGEL
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Mein erstes Mal Marius, 19, zeigt seinen Kurzfilm in Cannes

Marius Windt drehte einen Kurzfilm über eine flüchtige Verliebtheit, sandte ihn zu einem Wettbewerb und gewann. Nun wurde sein Streifen "Jetzt" beim großen Festival in Cannes gezeigt - und dort konnte der Hamburger Schüler ihn zum ersten Mal selbst sehen.
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"Die Idee zu meinem Kurzfilm 'Jetzt' hatte ich vor einem halben Jahr. Ich schlenderte gerade zur S-Bahn und hing meinen Gedanken nach, als ich aufsah und mich zwei wunderschöne Augen anblickten. Ich war hin und weg. Doch nichts passierte - nach einer Sekunde waren wir aneinander vorbei gelaufen, ich saß in der S21, und das fremde Mädchen eilte die Treppe herab.

In einem Hollywoodfilm wären wir uns sicherlich wieder begegnet, hätten uns angesprochen, wären zusammengestoßen, oder irgendetwas. Doch ich glaubte nicht an Hollywood - 'Marius, das hier ist die Realität', sagte ich mir. Auf der anderen Seite wäre es auch möglich, dass sie das gleiche dachte. Ich sprang also an der nächsten Station aus der Bahn und fuhr zurück. Das dauerte eine kleine Ewigkeit. Als ich am Berliner Tor ankam, war meine Traumfrau weg. Natürlich.

Das war zwar eine Enttäuschung. Doch auch ein gutes Thema für einen Film. Mit 13 Jahren hatte ich meine erste Kamera bekommen, seitdem drehe ich Kurzfilme und Musikvideos. Mit 15 begann ich, über zweieinhalb Jahre hinweg einen Fantasy-Film zu drehen, inklusive aller Anfängerfehler. Das war eine Mordsarbeit, aber ich habe daraus viel gelernt.

Promi-Wirbel an der Croisette

Dieses Mal wollte ich professioneller an mein Filmprojekt rangehen. 13 Leute trommelte ich zusammen - Schauspieler und Kameraleute, Leute für die Maske, für Kostüme und Musik. Ich suchte mir im Internet viele gute Ratschläge, einen 'Dolly' - den Kamerawagen - mit Schienen und rekrutierte im Netz auch Ludwig Linnekogel, einen Kameramann.

Ludwig schlug vor, unseren Film nicht nur digital, sondern auch im Super-8-Format aufzunehmen, um ihn beim Londoner 'Straight 8'-Wettbewerb einzuschicken. Ich meldete mich an, bekam von dort eine Filmrolle für 3 Minuten 20 Sekunden Film und schickte sie vollgefilmt, aber nicht entwickelt, zurück. Ich hatte also selbst noch gar nicht gesehen, was wir da gefilmt hatten.

Nach ein paar Wochen dann die Nachricht: Von 154 Einsendungen ist unser Streifen 'Jetzt' einer von acht Filmen, der während der Filmfestspiele in Cannes auf einer begleitenden Messe gezeigt werden soll. Der Hammer. Ich malte mir schon aus, wie ich Quentin Tarantino treffen und ihn fragen würde, ob er wirklich einen Fuß-Fetisch hat.

Für 28 Stunden und 3200 Kilometer quetschten wir uns in ein Auto und düsten nach Cannes: Die beiden Darsteller Kerstin Geißler und Frederik Hegenbarth, Komponist Stefan Grüll, Ludwig und ich. In Cannes wimmelte es nur von schicken Menschen und scharfen Stretch-Limousinen. Über unseren Köpfen brummten Hubschrauber, die Promis vom Flughafen Nizza zu ihren Premieren kutschierten. Für die Filmvorstellungen im Wettbewerb um die Goldene Palme waren wir natürlich nicht akkreditiert. Aber immerhin sahen wir Lars von Trier und Willem Dafoe im Blitzlichtgewitter auf dem roten Teppich bei der Premiere von 'Der Antichrist'. Stolz liefen wir mit unseren gelben Tagespässen über das Festivalgelände.

Mit Dosenbier am Strand

Am Vorabend der Premiere pilgerten wir mit Dosenbier zum Strand. Auf einer Leinwand mit Liegestühlen davor wurde ein altes Livekonzert von David Bowie gezeigt. Wir setzten uns neben die Absperrung und genossen nach dem erhitzten Gewimmel in der Stadt den Blick auf die Bucht, auf den Steg ins Meer und die vielen kleinen Lichter von Cannes. 'We should be on by now' sang Bowie dazu.

In der Nacht vor der Premiere schlief ich unruhig. Ich war sehr gespannt darauf, meinen Film im Super-8-Format zu sehen. Würde er sehr anders wirken als die von uns geschnittene und vertonte digitale Version? Immer wieder träumte ich von der Premiere, jedes Mal lief etwas schief - Einstellungen, Beleuchtung, oder die Musik passte nicht.

Tatsächlich lief die Premiere aber viel besser. 200 Zuschauer drängten sich in dem Pavillon auf dem Festivalgelände, um die acht Gewinner-Kurzfilme zu sehen. Wir stürzten uns sofort auf die Freigetränke. Nach einer kurzen Ansprache ging's endlich los: Nach tagelanger Anspannung sollte mein eigener Film gezeigt werden, der einzige deutsche Film unter Einsendungen aus England und den USA.

'Jetzt' lief als fünfter Beitrag. Ein erhebendes Gefühl, seinen Namen über die Leinwand laufen zu sehen. Die Super-8-Version wirkte älter und hatte diesen schmutzigen Film-Look, außerdem sind uns ein paar Anschlussfehler passiert. Trotzdem gefiel sie mir besser, auch wenn der digitale Film sauberer ist.

Schillernde Welt der Filmemacher

Den Rest des Abends wurde schwer gefeiert. Ich sprach mit Leuten aus Frankreich und den USA, mit Produzenten und Cuttern, hatte Kameras um mich herum und viel Rosé im Kopf. Ich sammelte haufenweise Visitenkarten von anderen Filmemachern, wurde von einem Londoner Dokumentarfilmer interviewt und einem Reporter von Radio Bremen. Eigene Visitenkarten mitzubringen, daran hatte ich Greenhorn natürlich nicht gedacht.

Was für ein Film: Letzte Woche ging ich noch zur Schule, nun war ich plötzlich Teil dieser schillernden Film-Community. In Hamburg konnte ich nur mit wenigen Menschen über meine Lieblingsbeschäftigung sprechen. In Cannes traf ich auf einmal Menschen, die heute in Kapstadt und morgen in Los Angeles arbeiten, für die ein Zwölf-Stunden-Drehtag keine Seltenheit ist. Sie erzählten mir Geschichten über das Business, die ich mir nicht hätte träumen lassen.

Um fünf Uhr morgens kroch ich in mein Zelt mit dem festen Vorsatz, bald meine neuen Freunde in London zu besuchen. Und dort ein Praktikum zu machen. Und Filmemacher zu werden."

Aufgezeichnet von Carola Padtberg