Mein erstes Mal Sina, 19, wird ihr eigener Chef
"Am 8. Mai um 8.30 Uhr hatte ich meinen ersten Kunden im eigenen Salon. Ich war froh, dass die Frau nichts Außergewöhnliches wollte, nur Waschen und Schneiden. Zuerst haben meine Hände ein bisschen gezittert. Aber nach einer Stunde war die Frau zufrieden mit ihrem neuen Kurzhaarschnitt.
Seitdem stehe ich jeden Tag in meinem kleinen Salon. Werbung musste ich kaum machen. Lediglich einmal habe ich Flyer an alle Haushalte für mein Eröffnungsfest verteilt. Bestimmt würde ich sofort Angst bekommen, wenn es mal eine Woche ruhiger wird. Aber die Mundpropaganda durch Bekannte und Freunde hat funktioniert. Vor kurzem musste ich eine Frau am Telefon auf die nächste Woche vertrösten.
Ich habe jetzt ganz andere Ängste als vorher. Wenn ich Sport mache, denke ich manchmal: Na hoffentlich brichst du dir jetzt nicht die Hand, dann hast du ein Problem. Bei kleineren und größeren Wehwehchen kann ich nicht zu Hause bleiben. Vor einigen Wochen hatte ich eine schwere Erkältung, mir war richtig elend. Aber ich habe mich mit Tabletten voll gestopft und bin in den Laden gegangen. Wir Schwaben sagen: Geschäft ist Geschäft.
Obwohl meine Heimatstadt Korb, südlich von Stuttgart, nur 10.400 Einwohner hat, habe ich ziemlich viel Konkurrenz. Sieben Friseure gibt es hier und davon ist einer ein Billiganbieter, der für elf Euro schneidet. Mit meinen Preisen orientiere ich mich an der Konkurrenz und bin so mittendrin. Waschen, Schneiden, Föhnen kostet für eine Frau 26 Euro, bei der Konkurrenz bis zu 38 Euro. Mittlerweile habe ich viele Kunden, die vor dem Billigfriseur fliehen. Ich kann viel besser auf die Kunden eingehen, weil ich mehr Zeit habe, das gefällt den Leuten.
Trockenhaube für 700 Euro
Eigentlich hatte ich gar nicht geplant, schon so früh selbstständig zu werden. Nach meinem Realschulabschluss vor vier Jahren habe ich die Ausbildung angefangen. Friseur, das war immer mein Traumberuf und während der Lehre habe ich gemerkt, dass er wirklich gut zu mir passt.
Nach meiner Gesellenprüfung im Juli 2005 hätte ich in meiner Firma weiterarbeiten können, einem mittelständischen Betrieb mit 15 Filialen. Doch, ehrlich gesagt, hatte ich keine besonders guten Aussichten in dem Salon - einmal Azubi, immer Azubi. Über einfache Aufgaben wie Farbe anrühren und Haare waschen kommt man da nicht so schnell hinaus. Deswegen bin ich direkt weiter auf die Meisterschule nach Biberach im Schwarzwald gegangen.
Die Meisterschule war noch härter als ein richtig anstrengender Tag im Salon. Jeden Tag elf Stunden Theorie rund ums Haare stylen, aber auch Wirtschaft, Recht und Kundenberatung. Einmal die Woche hatten wir Praxisunterricht: Wie färbe ich Haare richtig? Welche Schnitt-Praxis liegt im Trend? Jeden Tag neue Fragen und Aufgaben, aber nach viereinhalb Monaten hatte ich den Meisterbrief.
Mein alter Chef hat mir sogar eine Gehaltserhöhung angeboten, um mich zurückzuholen, doch ich wollte mehr: meinen eigenen Salon. Ganz zufällig habe ich in Korb einen kleinen Laden entdeckt, der leer stand. Er sah aus, als sei er meinen Träumen und Wünschen entsprungen. Ich habe sofort mit den ersten Entwürfen für die Einrichtung begonnen.
Smalltalk über Politik
Aber ohne Geld und Finanzplan geht natürlich nichts. Bevor ich den Mietvertrag unterschreiben konnte, musste ich alles durchrechnen. Mit Hilfe meiner Familie schien der Sprung ins kalte Wasser möglich. Mein Onkel ist Fliesenleger, mein Cousin Spiegelmacher und mein Vater Elektriker. Sie alle haben mir bei der Ausstattung des Ladens geholfen. Das teuerste waren die speziellen Möbel und Geräte, die ein Friseur nun mal braucht. Eine Trockenhaube kostet knapp 700 Euro. Da ich zwischenzeitlich drei Monate arbeitslos war, bekomme ich als Existenzgründerin noch 600 Euro im Monat vom Arbeitsamt. Das ist schon mal ein wichtiger Beitrag für die Miete und Versicherung.
Zu jung für die Selbstständigkeit fühle ich mich nicht. Im nächsten Jahr will ich sogar eine Auszubildende anstellen. Dann nützt mir auch die Handwerkskammer etwas, bislang muss ich nur Beiträge bezahlen, aber habe keinen Nutzen.
Seit der Eröffnung vor zwei Monaten bin ich reifer und selbstbewusster geworden. Ich weiß, wie ich die Menschen nehmen muss. Die Kleinkinder muss man mit Späßen und Geschichten bei Laune halten. Mit den älteren Kunden rede ich über alles, was sie bewegt. Sei es nun die Politik oder die neuesten Enthüllungen der Klatschpresse. Selbst wenn ich ein Thema langweilig finde, bleibe ich aufmerksam. Und wenn jemand still sein will, um sich zu entspannen, dann schweige ich eben auch. Freundlichkeit und eine schöne Atmosphäre gehören zu meinem Beruf wie das Waschen und Schneiden."
Aufgezeichnet von Michael Hartung