Meister der Arschbomben: Lasst es spritzen - DER SPIEGEL
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Krabatz!: Himmlisch schöne Arschbomben

Foto: Simon Dibbern

Meister der Arschbomben Lasst es spritzen

Kopfüber ins Wasser kann jeder - mit dem Hintern voraus vom Zehn-Meter-Turm will gelernt sein. In einem Würzburger Freibad wollte ein japanischer Popstar die deutsche Elite der Arschbombenspringer herausfordern. Der junge Mann aus Fernost hatte nicht den Hauch einer Chance.
Von Christian Hambrecht
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war einmal ein Sommer - flimmernd, heiß und träge und der schönste Ort war das Freibad. Das Jugendschwimmerabzeichen in silber prangte stolz auf der Badehose angehender Teenager, die hormongesteuert zum protzigen Auftritt neigten.

Wenn das Freibad der ideale Ort für dieses Lebensgefühl ist, dann ist die elegant gesprungene Bombe vom Zehn-Meter-Turm, die mit Wumms im blauen Wasser endet, die ideale Ausdrucksform des pubertären Frühlings. Es knallt, klatscht, spritzt, Wasserfontänen schießen in die Luft und über den Beckenrand, Mädchen kreischen - die volle Dröhnung Aufmerksamkeit.

So fing das alles auch bei Felix Hirt, 18, an. Heute ist der Schüler aus Bayreuth der beste Arschbomber der Welt und im In- und Ausland bekannt - zumindest sagt das Oliver Schill, 41, der die Arschbombe seit 2003 im fränkischen Bayreuth zur Marke aufbaut. Inzwischen finde beinahe jährlich eine "Weltmeisterschaft" statt, sagt der ehemalige Turmspringer und Arschbombenfan Schill.

Arschbomben: spektakulär, elegant und anspruchsvoll

Das Teilnehmerfeld ist bei der sogenannten WM aber sehr europäisch und meist kommen die Konkurrenten der deutschen Springer aus den Nachbarländern Tschechien, Dänemark, Schweiz und Österreich. Vor zwei Jahren waren auch mal Australier dabei. Regelmäßig splashen in Deutschland etwa 150 Leute in Wettkämpfen, die Konkurrenz ist überschaubar.

Dank Vermarktung, Choreographien und Punktesystem hat das kunstvolle Ins-Wasser-platschen unter dem offiziellen Wettkampftitel Splashdiving mit dem Brachialspaß von früher nicht mehr viel zu tun. Vor acht Jahren als Wettkampfsport eingeführt, macht die von einer Jury bewertete Arschbombe seitdem Furore - denn sie ist spektakulär, elegant und anspruchsvoller als sie aussieht.

An einem Sonntag Mitte Mai startet im Dallenberg-Freibad in Würzburg die Saison. Es ist warm und gelegentlich kommt die Sonne durch. Deutschlands Splashdiver-Elite wird herausgefordert - wenn auch diesmal nur zu einem Spaßwettkampf. Yuya Tegoshi, Popstar und die japanische Antwort auf Justin Bieber, ist mit Daisuke Miyagawa, Comedian und so etwas wie Japans Stefan Raab, angereist, um sich mit den weltbesten Bombern zu messen.

Felix ist zu gut, beschließen alle, er darf erst einmal nicht mitspringen. Die anderen deutschen Splashdiver bilden eine bunte Truppe von 15 bis 28 Jahre, darunter auch die Zwillinge Alex und Max Keller, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen und gleich gemusterte Hemden tragen. Natürlich springen die beiden synchron. Alex hat sich sogar schon mal verletzt, ein Trommelfellriss bei einem unachtsamen Sprung. "Man muss eben stets auf den Punkt konzentriert sein, immer so springen, als würde man es das allererste Mal machen", sagt er.

Mit Körperspannung gegen den Wackelpudding-Effekt

"Man muss eine sehr gute Körperspannung haben, damit man nicht wie ein Wackelpudding in der Luft liegt", erklärt Felix die wichtigste Regel seines Sports. Die Springer sagen inzwischen selbst lieber "Splashdiving" als Arschbombenspringen; das klingt nicht nur professioneller, sondern ist auch präziser - denn es geht keinesfalls nur um Sprünge, bei denen man mit dem Hinterteil voran aufs Wasser trifft.

Während sich Kunstturmspringer vornehmlich durch elegante Salti und Schrauben und andere akrobatische Einlagen auszeichnen, machen die Splashdiver das zwar auch, setzen aber am Ende noch einen drauf.

Beim Aufprall, in der Szene "Splash-Down" genannt, geht es um alles und um das glatte Gegenteil des geschmeidigen Eintauchens beim Kunstturmspringen. "Dein Absprung kann superschön sein, deine Flugphase supertoll - aber wenn du den Splashdown verkackst, dann gibt es von der Jury eine Nullwertung", sagt Felix. Für die saubere Ausführung des Einschlags ist entscheidend, dass man mit möglichst viel Hautoberfläche eintaucht, dabei einen schönen satten Knall erzeugt und ein Maximum an Wasser verdrängt.

Felix ist ein drahtig-schlaksiger Typ, mittelgroß; einer, der nicht weiter auffällt - bis er oben auf dem Turm in zehn Metern Höhe steht, Anlauf nimmt und springt. Was dann kommt, ist oft unglaublich. Nach dem offiziellen Teil, dem Spaßwettstreit mit den zwei Japanern, springt auch Felix und packt einen virtuosen Sprung aus: Der doppelte Sideflip, also zwei gehockte Seitwärtssalti, mit anschließender Schraube und Kartoffel, einer Arschbombe nur eben mit dem Kopf voraus. Felix' Splashdiverkollegen reiben sich verwundert die Augen.

Schon immer spielte Felix gerne mit der Schwerkraft. Als kleiner Junge sprang er überall herum, auf dem Bett, dem Sofa; und wenn er mal einen falschen Absprung machte, drehte er sich in der Luft stets so geschickt, dass er wohlbehalten zwischen den umstehenden Topfpflanzen landete. Seine Mutter hielt ihn für hyperaktiv, doch Ärzte fanden nichts, sagt Felix. "Folglich war klar: Es musste Sportsucht sein."

Er begann Trampolin zu springen und trainierte fleißig. Bald entdeckte er den Sprungturm im Bayreuther Freibad als perfekten Ort für akrobatische Nassübungen. Dort begegneten sich Felix und Christian Guth. Guth war damals bekannt in der neu enstandenen Splashdiver-Szene: Man rief ihn "Elvis", wegen seines tänzerischen Hüftschwungs kurz vor dem Absprung. Felix war von der Spring- und Spritzkunst des acht Jahre älteren beeindruckt: "Es klatscht sehr schön", sagt er. Elvis brachte Felix das Turmspringen bei und 2008 entthronte der gerade 16-jährige Schüler seinen Mentor als bester Arschbombenspringer.

Miyagawa schreit, schnattert - aber die Jury bleibt hart

Und wie gelingen ihm stets neue Sprungfiguren, die vorher kaum für möglich gehalten wurden? "Meist kommen mir neue Figuren im Traum", sagt Felix. Bei der letzten WM legte er so einen Doppel-Rückwärtssalto mit drei Schrauben hin. Und wenn ein Sprung daneben geht, hat das manchmal sogar positive Effekte. "Man macht ungewollt eine Drehung mehr - und schon hat man eine neue Variante erfunden."

Neben der Verletzungsgefahr birgt das Arschbomben noch andere Tücken. Björn März, wie Felix ein Kunstturner, der bei Nassübungen für seinen Sport im Freibad entdeckt wurde, hievt sich gerade aus dem Becken. Sein Sprung ging daneben. "Ich habe das Wasser nicht gesehen. Gibt es keine Wellen, spiegelt es, du verschätzt dich in der Höhe und tauchst früher ein als gedacht."

Mit diesem Problem hatte anscheinend auch der japanische Komiker Miyagawa zu kämpfen. Aus seinem Splashdown wurde nichts, er schrie verzweifelt, schnattere wild, doch die Jury blieb hart: 0 Punkte. Nach dem Ende des für die Japaner ernüchternden Springens stürzt sich Felix noch einmal selbst vom Turm.

Als er aus dem Becken steigt, sehen seine schwarzen Haare wie die Stacheln eines Igels aus. Auch dieses Jahr soll es eine WM in Bayreuth geben, dann will er einen Dreifach-Rückwärts-Salto mit einer Schraube zeigen. Ist ihm im Traum eingefallen. Und soweit er weiß, gab es den auch noch nicht.