Mini-Erasmus So weit 600 Euro tragen
Anna-Luise Steinke, 20, aus Dresden, war mit den Samen unterwegs, den Indianern Skandinaviens
"Am Anfang ging alles schief: Ich war in Schweden angekommen und wusste nicht so richtig, wohin mit mir. Edith-Anna, die ich bei einem Schlittenhunderennen in Berlin kennen gelernt hatte, wollte mich für eine Zeit bei sich aufnehmen. Sie war schon in den Bergen, von dort wollten wir demnächst mit den Rentieren weiterziehen. Edith-Anna ist eine Samin, also so etwas wie eine skandinavische Indianerin.
Gleich nach dem Abitur machte ich mich auf den Weg zu ihrer Familie in die Berge. Zwei Tage dauerte meine Wanderung durch die Wildnis, ich bin fast niemandem begegnet. Ich war so froh, als ich endlich bei Edith-Anna ankam - und dann sagte sie, dass sie sich gerade auf den Weg zurück in ihre Heimatstadt Kiruna machen wollte. Die ganzen Strapazen umsonst!
So verbrachte ich meine ersten Wochen nicht mit den Nomaden im Wald, sondern in einer ganz normalen schwedischen Stadt. Aber genau so ist das Leben der Sami heute: Sie pendeln hin und her zwischen Zivilisation und Wildnis.
Der Finne spricht nicht viel
In Kiruna habe ich viele Museen besucht, ich war im samischen Parlament, beim samischen Radio und habe gelernt, wie man samisches Brot backt.
Wir machten einen Ausflug zur Rentierherde von Edith-Annas Familie, ich war bei der berühmten Kälbermarkierung dabei. Da verbringen die Sami eine ganze Nacht auf einem Hochplateau, treiben ihre Rentiere in einer riesigen Herde zusammen und markieren bei Mitternachtssonne die Ohren der Kälbchen. Ein unglaubliches Erlebnis!
Jetzt ging es richtig los: Wir besuchten Sami in Norwegen und Finnland. Ich wohnte zwei Wochen in Nuorgam, dem nördlichsten Dorf der EU, ich lebte im Campingwagen einer finnischen Familie. Diese Leute sprachen unheimlich wenig. Nur die Tochter machte hin und wieder den Mund auf: Sie hat mir das Dorf und die Natur gezeigt und mich den Menschen vorgestellt.
Daheim angerufen habe ich während meiner fünfwöchigen Reise durch den Norden nur zweimal. Davon waren meine Eltern zwar nicht so begeistert, aber wenn ich unterwegs bin, bin ich eben unterwegs und auch mit meinen Gedanken nicht mehr zu Hause.
Sie hätten sicher auch Alpträume bekommen bei der Vorstellung, dass ich manch Nacht auf einem Bahnhof, im Autokofferraum oder mitten im Wald verbracht habe. Duschen? Eher schwierig. Aber in Skandinavien findet man überall einen Fluss oder Bergsee, in den man reinspringen kann.
Ich habe viel über die Sami gelernt - zum Beispiel, dass sie die Bezeichnung 'Lappen' als Beleidigung empfinden. Ich wäre ich gern noch viel länger als nur ein paar Wochen geblieben und hatte das Gefühl, bloß an der Oberfläche zu kratzen. Ein ganzes Jahr mit den Sami zu verbringen, das ist mein Traum. Oder besser: mein Ziel."
Aufgezeichnet von Eva Schulz
Malin Bigos, 19, aus Singen, lernt in französischen Chocolaterien alles über Naschwerk
"Ich liebe Schokolade über alles! Und wo kann ich besser etwas über ihre Geschichte und Herstellung erfahren als in Frankreich? Ich wollte das gern selbst ausprobieren, also rief ich bei Chocolaterien in Frankreich an und fragte, ob ich für eine Weile in den Sommerferien dort arbeiten könnte. Ein kleiner Familienbetrieb in La Cote-St. André sagte ja, erstmal für eine Woche. Als ich meinen Freunden davon erzählte, machten sie Witze: 'Du kommst bestimmt zurückgerollt!'
In La Cote-St. André half ich im Verkauf aus, verpackte Schokolade und putzte Vitrinen - feste Arbeitszeiten oder eine Bezahlung gab es nicht.
Meine zweite Station war ein Betrieb in der Nähe von Calais, etwa 40 Menschen arbeiten dort. Ich bekam gleich eine Zusage. Die Inhaber-Familie reagierte aber ganz komisch, als ich nach Unterkünften im Ort fragte: 'Nein, ein Hotel gibt es hier nicht. Auch keine Jugendherberge. Und einen Campingplatz auch nicht.' Ich wollte mich nicht aufdrängen und fragte, ob ich vielleicht bei ihnen im Garten campen könnte. 'Ja, zur Not.'
Als ich ankam, verstand ich, was das sollte: Für die Leute war es eigentlich selbstverständlich, dass ich bei ihnen zu Hause ein Zimmer bekam.
Im Betrieb arbeitete ich jeden Tag von neun bis fünf in der Pralinenherstellung und durfte alles einmal ausprobieren: Marzipan kneten, Sachen mit Schokolade bestreichen, Zutaten abwiegen. Mir ist jetzt klar, wie viel Handarbeit das ist.
"Morgen musst du dich aber besser anziehen"
Die letzten zwei Wochen war ich in Paris und half in der Filiale einer hippen Schokoladenkette im Verkauf. Ein echter Gegensatz zu den beiden Familienbetrieben: Nichts ging mehr ganz in Ruhe oder 'Pi mal Daumen'. Alles musste blitzblank und ich immer schick angezogen sein. An meinem ersten Tag war ich richtig aufgetakelt - dachte ich. Die Angestellten sahen das anders: 'Morgen musst du dich aber etwas besser anziehen.'
Wirklich gut ging es mir dabei nicht. Ich war deprimiert und wollte nur noch nach Hause. Meine Abreise verzögerte sich - eigentlich wollte ich noch eine Schokoladenfabrik besuchen, erst wurde ich vertröstet, dann sagten sie den Termin ab. Ich schrieb seitenweise dummes Zeug ins Tagebuch, danach ging es mir besser. Normalerweise bin ich viel zu faul zum Tagebuchschreiben, aber in Frankreich ist es jeden Abend aus mir 'rausgesprudelt. Ich hatte ja niemanden, dem ich alles erzählen konnte - und sonst hätte ich es vielleicht vergessen.
Ich denke jetzt immer an Frankreich zurück, wenn ich ein Stück Schokolade esse. Ich habe übrigens kein Gramm in Frankreich zugenommen! Klar habe ich während der Arbeit auch mal genascht, aber die Franzosen ernähren sich ansonsten sehr gesund. Ich selbst versuche jetzt, ein wenig 'französischer' zu leben: Nicht mehr alles negativ sehen, ruhiger sein, die kleinen Dinge schätzen lernen. Zum Beispiel eine richtig leckere Praline."
Aufgezeichnet von Eva Schulz
Benedikt Kern, 19, aus Kerpen-Buir, reist durch Nordirland, wo vor wenigen Jahren noch ein Krieg tobte
"Als ich in Belfast ankam, regnete es, es war kalt. Anderthalb Tage hatte ich im Bus gesessen und Belgien, England und die Republik Irland durchs Busfenster gesehen. Das Wetter sollte sich auch die nächsten Wochen nicht mehr ändern. So verregnete Sommerferien hatte ich noch nie.
Die Busfahrt war teuer, mir blieb von den 600 Euro ein Budget von acht Pfund pro Tag. Hostels waren da nicht mehr drin - ich hatte ein Zelt dabei. Es ergab sich aber oft eine andere Übernachtungsgelegenheit, zum Beispiel in einer lebhaften Zivi-WG.
Häuser mit Einschusslöchern
In ganz Belfast ist der Bürgerkrieg, der bis vor fünf Jahren noch in Nordirland tobte, deutlich zu sehen. Viele Häuser haben kaputte Fenster oder Einschusslöcher. Es gibt eine Mauer ('Peace Wall'), die den katholischen vom protestantischen Teil der Stadt trennt. Die beiden Gruppen leben tatsächlich komplett getrennt und betreten die andere Seite nur, wenn sie unbedingt müssen.
Irland wurde vor 400 Jahren von den Briten besetzt. Viele Protestanten siedelten sich in der Folgezeit dort an. Erst 1949 wurde ein großer Teil der Insel wieder unabhängig, allein sechs Grafschaften im Norden blieben bei Großbritannien. Seitdem kämpfen Katholiken in Nordirland dafür, auch von Großbritannien unabhängig zu werden. Die Protestanten kämpfen dagegen.
Es entwickelte sich ein stets angespannter Konflikt, der in den siebziger und achtziger Jahren eskalierte. Damals gab es in Irland viele Anschläge. 1998 schlossen die Regierungen Großbritanniens, Irlands und Nordirlands das Karfreitagsabkommen. Sie müssen sich miteinander arrangieren, das Land erholt sich allmählich. Doch die Bevölkerung vor allem in Nordirland ist noch immer verschreckt und begegnet der Gegenseite mit Vorurteilen.
Mein Thema sollte jedoch nicht bloß dieser Konflikt sein. Ich wollte wissen, wie Jugendliche sich in den Versöhnungsprozess einbringen können - und zwar aus Sicht der Kirche. Deshalb habe ich mit vielen katholischen und protestantischen Geistlichen gesprochen, darunter auch richtige Hardliner. Außerdem habe ich mich bei anderen Organisationen umgeschaut, die zur Verständigung beitragen wollen.
Jugendliche wollen die Mauer niederreissen
Am Anfang war ich unsicher und dachte darüber nach, wieder zurück zu fahren. Ich zählte die Tage. Am Ende wünschte ich mir, ich könnte viel länger bleiben. An einem einzigen Tag ist manchmal so viel passiert, dass ich abends schon nicht mehr wusste, was ich morgens gemacht hatte. Gut, dass ich zum Tagebuchschreiben verpflichtet war.
Einen Tag werde ich wohl nie vergessen: den 'Orangemen's Day', einen Feiertag der nordirischen Protestanten. Sie liefen durch die Stadt mit einer riesigen Parade, die eigentlich eine Demonstration für ein britisches Irland war. An diesem Tag wurde sogar die sonst offene 'Peace Wall' geschlossen, damit es nicht zu Ausschreitungen kam.
Viele Jugendliche in Belfast stört die Mauer in der Mitte der Stadt. Sie glauben, dass man mit ihr nie zu einer Einheit werden kann. Die Älteren fühlen sich durch die Mauer aber sicherer und sehen sie als einen Teil ihrer Geschichte. Ich glaube, sie wird noch mindestens die nächsten 20 Jahre stehen bleiben - leider."
Aufgezeichnet von Eva Schulz
Caroline Hoffmann, 19, aus Heidelberg sucht in Rumänien nach der deutschen Minderheit von Siebenbürgen
"Für viele Deutsche ist Osteuropa einfach nur ein großer weißer Fleck auf der Landkarte: Das, was da so vor Rußland liegt, 'der Osten' eben. Ich finde den Osten viel spannender als das restliche Europa.
Als mein Onkel mir von Siebenbürgen in Rumänien erzählte, wo es seit Jahrhunderten eine deutsche Minderheit gibt, wurde ich neugierig: Deutsche, so weit weg, in Rumänien?
Ich recherchierte ein bisschen und fand heraus, dass nach der Grenzöffnung 1989 ein Großteil der Sachsen, wie man die Deutschen dort nennt, alles stehen und liegen ließ, um nach Deutschland oder Österreich auszuwandern. So blieben von ursprünglich 120.000 Siebenbürger Sachsen nur 20.000 übrig, v vor allem ältere. Ich dachte: Da muss ich hin, die will ich kennen lernen. Nach dem Abi ging es los.
Morgens kam die Einsamkeit
Meine erste Station war Hermannstadt in der Mitte von Rumänien. Dort interviewte ich deutsche Senioren in einem Altenheim. Anfangs war die Rolle der Fragenden, der Zuhörerin schwierig, das war ganz neu für mich. Glück hatte ich mit der Sprache: Alle Siebenbürger Sachsen sprechen Deutsch wie du und ich.
Die älteren Sachsen sind sehr verbittert: 'Wir sterben aus', den Satz habe ich oft von ihnen gehört. Die Jüngeren sind viel optimistischer, sie sagen: 'Wir halten uns hier schon noch.' In Rumänien gibt es zurzeit einen regelrechten Deutschboom. Alle wollen ihre Kinder auf deutsche Schulen schicken, weil sie sich davon bessere Jobchancen erhoffen. Man hat eine hohe Meinung von den Deutschen: 'Die Sachsen werden es schon richten', sagt man so.
Ich besuchte auch ein Fest der Siebenbürger Sachsen, zu dem viele der Ausgewanderten aus Deutschland und Österreich kamen. Vor allem die Rückkehrer hatten sich richtig in Schale geworfen und trugen die traditionellen Sachsen-Trachten. Die meisten rumänischen Sachsen sahen ganz normal aus.
Auf diesem Fest lernte ich Hilda Zavatski und ihren Mann kennen. Wir verstanden uns richtig gut, das Ehepaar lud mich ein, ein paar Tage bei ihnen in der Stadt Mediasch nördlich von Hermannstadt zu wohnen. Frau Zavatski und ich unternahmen eine Menge miteinander, wir redeten viel. Sie leidet sehr darunter leidet, dass ihre Kinder ausgewandert sind und nun so weit weg wohnen.
Ich fuhr von Stadt zu Stadt, habe viel von Rumänien gesehen und jede Menge nette Leute getroffen. Trotzdem holte mich auch die Einsamkeit manchmal ein: Vor allem morgens, direkt nach dem Aufstehen, hat mich das Gefühl mitunter übermannt. Ich bekam es schnell wieder in den Griff - abbrechen gilt nicht, dachte ich.
Meine Reise hat mich verändert. Oft habe ich mich vor Interviews gefragt: 'Bist du überhaupt wichtig genug, all diese Menschen für dich in Anspruch zu nehmen?' Nach ein, zwei Wochen Reise habe ich gemerkt: 'Ja, das bist du!'"
Aufgezeichnet von Eva Schulz
Henrike Gätjens, 18, aus Hamburg, will wissen, was Venedig gegen das Hochwasser tut
"Fünf Jahre lang hatte ich in der Schule Italienisch gelernt. Für mich stand fest: Gleich nach dem Abi geht meine Reise nach Italien. Ich interessiere mich außerdem sehr für den Klimawandel, also kam ich schnell auf Venedig. Die Stadt ist ständig vom Hochwasser bedroht.
Per Mitfahrzentrale kam ich supergünstig nach Venedig: Für nur 20 Euro fuhr ich mit einer älteren Frau fast die ganze Strecke. Großes Glück hatte ich auch mit meiner Unterkunft: Über den 'Hospitality Club', der im Internet Übernachtungen bei Einheimischen vermittelt, lernte ich Tomasso kennen. Bei ihm konnte ich meine kompletten fünf Wochen in Venedig bleiben. In seiner großen Wohnung waren Leute aus der ganzen Welt zu Besuch, manchmal ein volles Dutzend! 'Zu Hause' sprach ich also immer nur Englisch.
Ich führte für mein Thema viele Interviews und die Menschen wurden mit der Zeit deutlich offener, weil sich mein Italienisch verbesserte und ich keine englischen Begriffe mehr brauchte.
Ich versuchte genau herauszufinden, wie sehr die Stadt unter dem Hochwasser leidet, wie sehr sie gefährdet ist und wie die Menschen damit umgehen.
Ein Fahrrad? Wozu?
Alle Straßen in Venedig bestehen aus Wasser. Es gibt kein einziges Auto, und als ich Tomasso fragte, ob ich ein Fahrrad brauche, machte er mir schnell klar, dass ich das vergessen kann - im historischen Stadtkern Venedigs bewegt man sich zu Fuß. Ich bin unheimlich viel gelaufen.
Ich wollte genauer wissen, was die Venezianer gegen die Überschwemmungen tun: Die Aktivistin Francesca Peron erzählte mir von 'Mose', einem großen Projekt gegen das Hochwasser: Aufklappbare Deiche sollen die Stadt abriegeln, wenn die Flut kommt.
Diese fest installierten Deiche werden aber vermutlich das ökologische Gleichgewicht der Lagune, die Venedig umgibt, völlig durcheinander bringen. Die Kommune weiß das und wehrt sich gegen den Bau. Der Streit um die Deiche ist mittlerweile zur Staatsangelegenheit geworden. Der Bau ist aber bereits beschlossene Sache, die ersten Pflöcke sind schon im Wasser. Und 'Mose' wird immer teurer.
Bei den Gesprächen mit Francesca ist mir erst klar geworden, dass mich vor allem die politische Seite des Hochwasser-Konflikts interessiert. Ich war die ständig unterwegs, pendelte hin und her zwischen den staatlichen und kommunalen Institutionen, habe versucht, sie mit den Gegenargumenten zu konfrontieren.
Es wird noch einige Zeit dauern, bis die italienischen Politiker sich geeinigt haben, wie es mit Venedig weitergehen soll. Viele Venezianer bezweifeln, dass 'Mose' jemals fertig werden wird. Ich glaube, es gäbe bessere Alternativen, Venedig zu retten, zum Beispiel könnte man die Befestigung der Stadt einfach erhöhen.
Mit Venedig kenne mich jetzt jedenfalls ganz gut aus. Und fließend Italienisch kann ich auch."
Aufgezeichnet von Eva Schulz