Mit Ballett zum Abitur Schule der Hupfdohlen
Ein toller Frühlingstag: Nicolas Gläsmann hält seine Nase in den Sonnenstrahl, der durch das Fenster in den Saal fällt. Bei dem Wetter könnte man nach der Schule glatt noch Fußball spielen gehen. Vorerst müssen seine Beine allerdings filigranere Bewegungen ausführen: Gleich beginnt für den elfjährigen Jungen die letzte Schulstunde am heutigen Tag - Ballettunterricht.
Nicolas geht auf das Gymnasium in Essen-Werden. Hier können die Schüler ein normales Abi erwerben, aber nebenbei noch Bühnentanz erlernen. Dafür müssen sie nur Ballett als zusätzliches Schulfach wählen und 30 Euro pro Halbjahr in die Tanzkasse einzahlen. Wer gerade erst von der Grundschule kommt wie Nicolas, braucht keine Vorkenntnisse. Es kann aber nicht schaden, wenn ein Kind musisches Interesse mitbringt. Die Kombination aus Tanzausbildung und normalem Gymnasium ist einzigartig in Deutschland.
Ballett-Schule: Tanzend zum Abitur
32 Schüler gehen mit Nicolas in eine Klasse, davon lernen 18 "Tanzkinder" Ballett bei Lehrer Heinz Loigge, 40, und zwar nicht nur die Mädchen. Man müsse sich als Junge da nicht komisch vorkommen, meint Nicolas, Tanzen sei für viele Dinge zu gebrauchen: "Sogar für Fußball, da ist man viel geschickter, weil man in den Ballettstunden seinen Körper ganz toll dehnt."
Beine wie ein Frosch
Richtig zur Probe vortanzen müssen Knirpse wie Nicolas nicht, bevor sie aufgenommen werden. Lehrer Loigge und seine Kollegen achten nach eigenem Bekunden aber darauf, dass die Kinder "einen Körper haben, der sich gut eignet fürs Ballett". Mit Füßen, die sich im Halbkreis biegen, wenn man sie durchstreckt, oder Beinen, die sich seitlich von der Hüfte abwinkeln lassen, wie bei einem Frosch, wenn er auf einem Stein hockt.
Der kleine Nicolas hatte den richtigen Körperbau: Der Schüler aus Wuppertal besucht die fünfte Klasse des Gymnasiums. Dreimal pro Woche hat er Tanzunterricht. Mal mit den Mädchen, mal bleiben die Jungs unter sich. So wie heute, als sich die Gruppe im ausgelagerten Ballettsaal im Alten Bahnhof von Essen-Werden trifft: Ein rotes Backsteinhaus mit hohen, weißen Fenstern, Holzstangen und großen Spiegeln an den Wänden.
Nicolas und seine sechs Mitschüler tragen weiße Ballettanzüge und schwarze Hosen, die ganz eng sitzen, damit sich die Körperbewegungen besser beobachten lassen. An den Holzstangen halten sie sich während des Unterrichts fest, häufig stehen sie bei den Übungen auf nur einem Bein und könnten leicht das Gleichgewicht verlieren.
"Der Fuß geht zurück in seine Garage"
Nachdem Pianistin Birgit Johana Fricke die ersten Töne auf einem Klavier in der Ecke angeschlagen hat, geht der Tanzlehrer von Schüler zu Schüler, drückt hier eine zu hoch gehaltene Hand hinunter, stupst dort ein hängendes Kinn nach oben. "Der Fuß geht gerade nach vorne aus seiner Garage heraus und gerade nach hinten in seine Garage zurück", hält er die Schüler zu präzisen Bewegungen an. "Die Hände lang, als würde jemand am Mittelfinger ziehen, Bauch rein, Po fest und mit der Fußspitze einen Halbkreis auf den Boden malen."
Nicolas und die anderen Jungen folgen konzentriert den Befehlen ihres Lehrers. Manch einer hat die Zunge in den Mundwinkel geklemmt oder beißt sich angestrengt auf die Lippen. Aber Nicolas weiß: Die Mühe lohnt sich! Wenn er sich gut macht, kann er Ballett später sogar als Leistungskurs belegen, mit einer praktischen Abiturprüfung und Klausuren, etwa zum Thema Tanzgeschichte.
Bis es soweit ist, steht noch viel Beinarbeit an. "Mit dem Körper kann man viel besser die Gefühle ausdrücken als mit Worten", sagt Nicolas. Noch besser als im klassischen Ballett geht das beim "Improvisieren", das einmal pro Woche auf dem Stundenplan steht. Da erfinden die Kinder mit ihrem Körper Geschichten oder versuchen etwa, die Farbe Blau mit Händen und Füßen zu beschreiben.
Wer springt, bekommt ein Eis
Auf der Bühne haben Nicolas und die anderen auch schon gestanden: Im vergangenen Jahr an Weihnachten gaben sie den "Nussknacker" im Aalto-Theater in Essen. "Das war so toll", Nicolas' braune Augen glänzen heute noch, wenn er von dem Auftritt erzählt. Aber jetzt muss er sich wieder auf die Ballettstunde konzentrieren. Außerdem ist die Belohnung, die ihnen ihr Tanzlehrer gerade in Aussicht stellt, auch kein schlechter Anreiz.
Heinz Loigge ist in die Luft gesprungen, hat sich vor der Landung mehrmals um die eigene Achse gedreht. Jetzt legt er den Kopf schief und spornt seine Schüler zum Nachmachen an: "Wer sich beim Springen zweimal dreht, kriegt ein Eis!"