Moderne Lehrmedien Schultüte mit Pfiff
"Wie heißen Sie?" "Pfeiffer, Herr Professor." "Hmm, Pfeiffer... mit einem F oder mit zwei?" "Mit drei, Herr Professor." "Mit drei?!?" "Ja, eins vor dem ei und zwei danach."
Als Heinz Rühmann, angeheizt durch eine Feuerzangenbowle, im gehobenen Alter noch einmal auf die Schulbank zurückkehrte, musste er nicht nur erfahren, dass die Lehrer noch immer die Alten sind, sondern auch ihre Mittel: Dicke, abgewetzte Bücher für die Schüler, Kreide und Ärmelschoner für die Lehrer. Fertig ist der Unterricht. Wenn die Schule die Schule der Nation ist, dann hat sich, gemessen an dem Tempo der Welt, seitdem erschreckend wenig getan in den deutschen Klassenzimmern. Der Overheadprojektor gilt schon als technische Finesse. Die meisten Lehrer sind froh, wenn ihnen ihre Schüler das Video einlegen und die Fernbedienung erklären.
Abgesehen von einigen symbolischen Aktionen der Bildungspolitiker wie "Schulen ans Netz" lebt Deutschland noch immer in einer Steinzeit der Lehrmittel. Das birgt Probleme für Schüler, Eltern und Lehrer, sie lernen nur noch für die Schule, nicht für das Leben, das längst ganz anders aussieht, beziehungsweise sich anderer Mittel bedient: Computer, Handy, Internet und Fernsehen bestimmen den Alltag und die Rezeptionsgewohnheiten. Das kann man beklagen, aber nicht ignorieren.
Jene Lehrer und Schüler, die gerne anders lernen wollen, stoßen an die immer gleichen Grenzen: Mangelhafte Ausstattung der Schulen, zu wenig Weiterbildung und Medienkompetenz für die Lehrer und ganz einfach auch: keine zeitgemäßen Lehrmedien. Klassische Schulbuchverlage besitzen zwar teilweise das nötig Know How, aber die Entwicklung moderner Medien für die Schule rechnet sich für sie einfach nicht. Also pressen sie ihr (Un-)Wissen weiter zwischen Buchdeckel. Der Absatzmarkt ist ja garantiert.
GZSZ und der Wertewandel
So bleibt nur die Hilfe zur Selbsthilfe. Die Jugendinitiative STEP 21 hat sich aufgemacht, herauszufinden, wie man heute lernen könnte. Herausgekommen ist ein Medienkoffer, eine Wundertüte an Möglichkeiten, nicht am Reißbrett entstanden, sondern durch Praxistests und enge Zusammenarbeit von Pädagogen, Medienwissenschaftlern und Jugendlichen. Anders als kommerziell orientierte Verlage hatte STEP 21 durch die Unterstützung der Mercator-Stiftung die finanzielle Basis, um in Ruhe ein modernes Medienpaket zu entwickeln.
-
3 Min
-
2 Min
-
3 Min
-
1 Min
-
3 Min
Jo Groebel, Generaldirektor des europäischen Medieninstitutes, hat das Projekt begleitet: "Um Bildung zukunftstauglich zu gestalten, müssen neue Formen des Lernens entwickelt werden. Medienkompetenz bedeutet Zukunftskompetenz, das heißt ein sinnvoller und auch selbstbewusster Umgang mit Medien stellt für Jugendliche die Grundlage für die Teilnahme am gesellschaftlichen und politischen Leben dar." Deshalb ist die Medienbox von STEP 21 nicht nur in der Schule einsetzbar, sondern auch in der Jugend- und Projektarbeit außerhalb von Klassenzimmern. Die Box greift Zukunftsthemen auf der Grundlage alltäglicher Erfahrungen von Jugendlichen auf: Wünsche und Fragen, Positionen und Wertvorstellungen werden über jugendnahe und aktuelle Medienbeispiele angesprochen. Von "Gute Zeiten Schlechte Zeiten" bis zur eigenen Radiosendung ist alles drin. Die Themen sind so angelegt, dass das Spannungsverhältnis zwischen jugendlichen Wünschen und gesellschaftlichen Erwartungen deutlich wird.
"Jugendliche qualifizieren sich selbst"
In der Schultüte der neuen Art finden sich neben ganz klassischen Arbeitsblättern auch Radio-Software, Musik- und Comicsoftware auf mehreren CD-Roms, Comic-Hefte, eine Audio-CD, Filme und Soaps in eigens für den Unterricht aufbereiteten Sequenzen auf DVD, ein Talkshow-Tool. Im Internet sind aktuelle Ergänzungen angelegt. Und wer es nicht lassen kann, findet auch Vorlagen für den Overheadprojektor - als PDF-Datei. "Jugendliche qualifizieren sich so selbst", ist Groebel überzeugt. Die Medienbox komme nicht mit dem pädagogischen Zeigefinger, sondern wirke als eine Art Katalysator für mehr Eigeninitiative - bei Lehrern und Schülern.
Die Resonanz in ersten Testläufen war gut. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Georg Braun, lobt die Medien-Wundertüte: "Die verschiedenen Bausteine sind sehr gut geeignet, Jugendlichen soziale und persönliche Kompetenz zu vermitteln." Kompetenzen, die oft vernachlässigt werden und laut Braun dringend gebraucht werden, um beispielsweise später eine Lehre erfolgreich zu bestehen.
STEP 21, das unter anderen von Bertelsmann und Siemens gefördert wird und mit SPIEGEL ONLINE als Medienpartner arbeitet, gibt die Box zum Selbstkostenpreis ab. In die Möglichkeiten der Medien kann man sich an einem Feuerzangenbowleabend einarbeiten, die Box ist gleichermaßen an Haupt- und Realschulen oder Gymnasien einsetzbar, bietet Stoff für Berufsschulen und Jugendarbeit. Eine Kiste mit Pfiff. Das schreibt sich auch mit drei F - und macht fast Lust, wie Pfeiffer noch einmal zur Schule zu gehen.