Moghims Geschichte "Ich bin ein Kriegskind"
"Mein Name ist Moghim Mohammed. Ich bin ein Kriegskind. In Deutschland denkt man meist bei diesem Begriff an die, die zwischen 1936 und 1945 geboren sind in grauer Erinnerung an der Zweiten Weltkrieg. Doch Kriege und Kinder, die darunter leiden, gibt es überall auch jetzt noch.
Ich wurde 1988 geboren als ganz normales Kind mit Eltern, Geschwistern, einem Haus und einer Heimat. Heute bin ich ein Kriegskind oder genauer: ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, jemand, der ohne Eltern in ein fremdes Land flüchtet, bevor er 18 Jahre alt ist. 2003 flüchtete ich aus Afghanistan nach Deutschland.
Ich war 15 Jahre alt und ich hatte nichts mehr: keine Eltern, kein Haus, keine Heimat. Von meinen drei Geschwistern lebt nur noch meine Schwester, die damals 13 Jahre alt war. Ich weiß nicht, wo sie jetzt ist. Während mir also das Eine fehlte, hatte ich etwas anderes im Übermaß. Angst und Schulden. Angst vor der Blutrache, Angst vor dem ungewissen Schicksal, und 5100 US-Dollar Schulden, geliehen von meinem Onkel, gezahlt an die Fluchthelfer. In zwei Monaten und 28 Tagen brachten mich die Schlepper in ständig wechselnden Transportmitteln, in ständig neuen Flüchtlingsgruppen nach Hamburg. So der Vertrag, dann "Allah sei mit Dir!"
Und Allah war mit mir. Die Polizei griff mich auf, nahm mich mit, gab mir Essen und Trinken. Bereits zwei Stunden später lag ich in einem frischen Bett in einem Kinderheim. Ich der vor 120 Minuten weder Freunde noch eine Anlaufstelle gehabt hatte. Einen ganzen Tag schlief ich in diesem Luxus. Dann hatte ich meinen ersten Schultag. In Pakistan hatte ich vier Jahre eine afghanische Grundschule besucht. Und ich wollte lernen so viel so schnell wie möglich. Ich sprach bereits Dari, Urdu, Paschtu, etwas Russisch und etwas Englisch. Nun konnte ich Deutsch lernen.
"Ich muss dich töten", schrie der Onkel
Mein Vater arbeitete als Regierungsangestellter und sprach alle diese Sprachen fließend, und auch meine Mutter konnte lesen und schreiben. Vor der Machtergreifung der Taliban war Afghanistan ein blühendes Land gewesen. Ich jedoch kannte es nur als Ort der Gewalt und der Todes. Meine beiden kleinen Geschwister wurden von einer Rakete zerfetzt, mein Vater wurde nach der Explosion unseres Hauses nicht mehr gesehen. Meine Mutter, meine Schwester und ich flohen nach Pakistan zu meinem Onkel mütterlicherseits. Dreimal reiste ich als Familienoberhaupt mit meiner Mutter nach Kabul, um von den Brüdern meines Vaters unseren Besitz zurückzufordern. Dreimal wurden wir als Verräter beschimpft, denn mein Vater hatte für die Russen gearbeitet.
Beim dritten Versuch wurde meine Mutter so schwer getreten, dass sie später daran starb. Ich war 15 Jahre alt. Ich nahm einen Stein und schleuderte ihn auf meinen Onkel und seine acht Söhne. Einen traf ich an der Lippe. "Du bist der einzige Sohn des Verräters. Ich muss Dich töten", hallte die drohende Stimme meines Onkels in meinem Ohren. Dschihad in der Familie, Blutrache.
Ich musste fliehen. Ohne Ziel, ohne Zukunft. Und mit schwerem Gepäck: Panikattacken reißen mich aus dem Schlaf auch heute noch. Im Kinderheim ging es mir gut. Man kümmerte sich um mich, ich ging zur Schule und erhielt zusätzlichen Sprachunterricht. Doch an meinem 16. Geburtstag war alles vorbei. Ich musste das Kinderheim verlassen und wurde in einem Asylheim untergebracht.
Nach dem Deutschen Gesetz und auch nach der Uno-Kinderrechtskonvention steht das Wohl des Kindes im Mittelpunkt. Minderjährig ist man bis zu seinem 18. Lebensjahr. Nicht jedoch nach dem Asylgesetz: Demnach ist man mit 16 wie ein erwachsener Asylbewerber zu behandeln. So sind die Unterkünfte. Und man kann auch in der Abschiebehaft im Gefängnis landen.
Jetzt gehöre ich wieder zu einer Familie
Es war eine schreckliche Zeit, ich hatte Angst, war voll Angst. Ich konnte nicht sitzen, nicht stehen, nicht schlafen. Und hatte immer Kopfschmerzen, die vom Nacken heraufzogen und sich wie ein Schraubstock um meinen Schädel legten. Ich hatte Depressionen und bekam von einem Arzt Stimmungsaufheller, die mich umhauten und tagelang schliefen ließen. Die anderen Männer im Asyl, erwachsene Männer, tranken und rauchten bis spät in die Nacht. Ich ging nicht zur Schule.
Der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein und der Verein lifeline halfen und fanden einen Vormund für mich, denn obwohl nach dem Asylgesetz volljährig war ich nach dem BGB nur beschränkt geschäftsfähig. Endlich kümmerte sich jemand um mich, führte Gespräche mit den Ärzten, ließ sich Diagnose und Therapie erklären. Und mein Vormund meldete mich an einer Schule an. Mein Ziel ist es, den Hauptschulabschluss zu schaffen. Mir fehlt natürlich unendlich viel Wissen nach meinen vier Grundschuljahren doch es gibt jemanden, der jeden Tag mit mir Hausaufgaben macht und den Unterrichtsstoff durchspricht.
Und ich gehe jetzt in einen Sportclub, mache Judo, Karate und Jazzdance. Im Sommer wurde mir mein großen Traum erfüllt: Ich konnte zehn Tage lang Theaterspielen lernen. Und ich gehöre wieder zu einer Familie, die sich um mich kümmert und mich als Mensch behandelt, die mich beschützt und mir sagt, was richtig und was falsch ist. Ich habe in Deutschland viele gute Menschen kennen gelernt, z.B. den Taxifahrer, der mich nach einem Fahrradunfall nach Hause brachte, oder der Lehrer, der mir den Klassenausflug bezahlte und viele, viele mehr. Dafür bin ich dankbar. Und ich habe gelernt, dass die Leute von Ausländeramt nicht willkürlich entscheiden, sondern dass ein Gesetz dahinter steht. Ich werde es nie vergessen.
Wenn ich in mein Land zurückgehe, werde ich ein guter Botschafter für Deutschland sein. Ich werde auch erzählen von evangelischen und katholischen Christen, von Jehovas Zeugen und von Buddhisten, die ich kennen gelernt habe. Sinn jeder Religion ist es doch, bessere Menschen hervorzubringen. Das ist auch der Sinn im Islam. Ich werde mich nicht an meinem Onkel rächen. Denn dann hätte er gewonnen. Ich will ein guter Mensch werden, ein kluger Kopf mit einem guten Ruf, denn dann hat er verloren."
Seine Lebensgeschichte hat Moghim Mohammed Rahmati mit Hilfe von Christiane Boysen-Honsel, seinem Vormund und Pflegemutter, aufgezeichnet.