Kommentar zum Schulsystem Verplempert eure Zeit!
Unterricht: Fürs Leben? Oder doch nur für die Prüfung?
Foto: Patrick Pleul/ dpaTeenager dürfen Unsinn verzapfen. Das ist eines von vielen Privilegien, die das Leben von Kindern und Jugendlichen von dem von Erwachsenen unterscheidet. In der Schule Zeit zu verplempern oder sich zumindest so zu fühlen, ist ein Weiteres. Aber dieses Privileg ist anscheinend in Gefahr, sonst würdest du, Naina, nicht schreiben, was du schreibst.
Die Vorstellung einer glücklichen Kindheit erfährt ja schon seit Jahren eine irritierende Wandlung. Frühkindliche Förderung, Eltern, die ihre Kinder trotz guter Noten in die Nachhilfe schicken - es scheint, als wäre für viele Heranwachsende (und vor allem deren Eltern) die Spanne zwischen Geburt und Volljährigkeit nur noch eine lästige Vorstufe zum Erwachsensein, die möglichst effizient überbrückt werden muss. Und möglichst sinnvoll.
Dabei liegt gerade in der scheinbaren Sinnlosigkeit dessen, was zum Beispiel in der Schule gelehrt wird, ein großer Sinn, den wir uns unbedingt bewahren sollten. Der Deutschunterricht ist das beste Beispiel. Jede Wette, dass mindestens 90 Prozent aller Schüler das dort Gelernte nie brauchen und sofort vergessen werden.
Aber sollte man solche Fächer deswegen absetzen und durch lebensnaheren Stoff ersetzen, zum Beispiel durch das kleine Steuererklärungseinmaleins?
Gedichte bilden den Charakter - Steuererklärungen eher nicht
Auf gar keinen Fall! Weil das Absitzen von Zeit in Fächern, die man nicht mag, einen viel besser auf das Leben vorbereitet als jeder Mietvertrags-Crashkurs. Was man daraus lernen kann? Sich mit unangenehmen Situationen zu arrangieren, die man nicht ändern kann, zum Beispiel. Schule ist der perfekte Ort, um Strategien für das eigene Ressourcenmanagement zu entwickeln. Wie schaffe ich es, mir Materie draufzuschaffen, die mich nicht interessiert? Wie viel Energie muss ich aufwenden, um dort den Anforderungen zu genügen und Raum zu haben für die Dinge, die mich wirklich begeistern? Alles Lektionen, die später Gold wert sind.
Und so gibt es bei fast allem, was in der Schule gelehrt wird, Nebeneffekte, die nicht auf Anhieb erkennbar sind. Aber trotzdem wichtig. Nicht umsonst beklagen viele Experten die rein auf Leistung ausgerichtete Einseitigkeit der Pisa-Philosophie, die den Aspekt der Charakterbildung weitgehend unter den Tisch fallen lässt.
Aber genau das leistet die Schule im besten Fall. Wir lernen viel - auch das, was wir nicht brauchen. Und werden so zu kompletteren und damit mündigeren Menschen. Dann können wir auf Basis eines breiten Bildungs- und Erfahrungsschatzes eigenständig entscheiden, statt durchs Leben zu roboten. Wie man eine Steuererklärung macht, kannst du, Naina, auch als Erwachsene immer noch lernen. Vielleicht sogar besser, weil dir die Schule gezeigt hat, dir auch Dinge anzueignen, die dir keinen Spaß machen. Vielleicht kommst du aber auch zu der Einsicht, dass du deine Steuererklärung lieber jemand anderen machen lässt, weil dir andere Dinge wichtiger sind.