Pisa-Eifer Alles anders, und zwar schnell
Berlin - Am eiligsten hatte es Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel. Bereits vor dem Durchsickern der Pisa-Länderranglisten kündigte er an, in seinem Land das Zentralabitur einzuführen. Seit dem vergangenen Wochenende hagelt es nun Vorschläge, wie Deutschland in Sachen Bildung wieder ganz nach vorn gelangen könnte.
Zuerst waren da natürlich die Sieger des zum Wettbewerb auserkorenen Tests: Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen empfahlen unisono ihr Bildungssystem zum Nachmachen. Qualitätsstandards "auf internationalem Niveau" können anderen nicht schaden, befand die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier. Sie forderte die SPD-regierten Länder auf, endlich zentrale Abschlussprüfungen an allen Schulen einzuführen.
Das will auch Annette Schavan, baden-württembergische Kultusministerin und Bildungsexpertin im Wahlkampfteam der Union. Zentrale Prüfungen würden die Abschlüsse vergleichbarer machen, sagte sie am Montag. Schavan verteidigte Zugangsbeschränkungen zu höheren Schulen als humaneren Weg. Je stärker sich der Elternwille durchsetze, desto mehr Schulversager und Sitzenbleiber gebe es. Schavan kündigte auch eine verstärkte Sprachförderung im letzten Kindergartenjahr an.
Erziehungsverträge und Grundschuloffensive
Ganz aus dem Häuschen war der sächsische Wissenschaftsminister Matthias Rößler. Der CDU-Politiker, bis vor kurzem noch für Kultus zuständig, pries besonders das Leistungsprinzip an. "Wir haben von Anfang an auf Leistung gesetzt und in den Grundschulen dafür gesorgt, dass die entsprechenden Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen beherrscht werden", sagte Rößler. Die Schüler seien von Anfang an auf bestimmte Standards vorbereitet. Zudem stehe in Sachsen nicht nur Bildung im Vordergrund, sondern auch Erziehung. Ein Beweis dafür seien auch die wieder eingeführten Kopfnoten auf den Zeugnissen.
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Und obwohl noch niemand eine genaue Ursachenanalyse betrieben hat, versuchen die in die Defensive geratenen Länder, umgehend Boden gut zu machen. So kündigte das Saarland eine "Grundschuloffensive" an. Die Länder Berlin, Brandenburg und Hessen nahmen die Vorschläge für zentrale Prüfungen auf. Brandenburg will zusätzlich "Erziehungsverträge" zwischen Eltern und Schule abschließen.
Hessen kündigte an, künftig zum "Bildungsland" werden zu wollen. In Nordrhein-Westfalen soll eine "Leseinitiative" starten und der "klassische Gymnasiallehrer" wieder eingeführt werden. Schleswig-Holstein schließlich will seine Schüler einmal jährlich bei einem "Schul-TÜV" durchchecken.
Bei so viel Aktionismus können auch Bundespolitiker nicht fehlen. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn sprach am Dienstag davon, künftig bundesweite Bildungsstandards einführen zu wollen. Um die zu kontrollieren, regte Bulmahn auch gleich regelmäßige nationale Leistungsvergleiche an. Diese sollen von einem noch zu berufenden "Rat der Bildungsweisen" begleitet werden.
"Mehr Kohle für Bildung und weniger für Kohle"
Der Bundestag werde die Einführung der Tests in Kürze mit seiner rot-grünen Mehrheit beschließen, sagte Bulmahn. Kommendes Frühjahr soll zudem ein Programm zur Verbesserung des Unterrichts in Kraft treten. Ebenfalls Anfang 2003 sollen die ersten Bundesmittel zum Ausbau von Ganztagsschulen an die Länder fließen. "Wir brauchen eine nationale Antwort auf Pisa", sagte Bulmahn. Falsch wäre eine "Bildungspolitik nach Schrebergartenmentalität". Die SPD-Politikerin forderte außerdem, künftig mehr Abiturienten auszubilden. Zudem wolle sie Ganztagsschulen verstärkt fördern.
Die Grünen wollen die Qualität der Bildung nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite verbessern. "Das ist der entscheidende Unterschied zur Bildungspolitik von Edmund Stoiber", gab Außenminister Joschka Fischer noch etwas nebulös bekannt.
Die FDP erklärte Bildung zum "wichtigsten Rohstoff" in Deutschland. Kanzlerkandidat Guido Westerwelle forderte, mehr Geld für die Bildung und nicht für Steinkohlesubventionen auszugeben. "Weniger Kohle für Kohle, mehr Kohle für die Bildung", formulierte Westerwelle allgemein verständlich. Außerdem sei auch er für nationale Leistungsvergleiche.