Psychologie in echt: Frei von Freud - DER SPIEGEL
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Psychologie in echt Frei von Freud

Im Psychologiestudium an der Uni Graz lernt Marcel Berthold, 22, viel über Statistiken, Gehirnwindungen und Ethik. Nur über den Godfather of Seelenklempnerei erfährt er nichts - denn Sigmund Freud hatte mit Psychologie nicht viel am Hut.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Ich studiere Psychologie in Österreich, und hier läuft einiges anders. Für mein Studium musste ich keinen hohen Numerus clausus überwinden, das Abi reichte. Als einer der ersten ausländischen Studenten, die ohne größere Einschränkungen in Österreich studieren dürfen, bin ich vor anderthalb Jahren nach Graz gekommen. Hier habe ich mich auch gleich in die Berge verliebt und eine Kletterausbildung angefangen.

Sich im Gestein festzukrallen und Stück für Stück nach oben zu ziehen hat viel mit der Psychologie gemein: Auch hier ist es ein Vorwärtskommen - zäh, aber kontinuierlich. Der Psychologe will herausfinden, warum ein Mensch so tickt, wie er tickt. Er erklärt und sammelt verschiedenste Verhaltensmuster der Menschen, wertet sie aus und vergleicht. Dadurch lassen sich dann auch über Jahre hinweg Entwicklungen einzelner und ganzer Gruppen analysieren.

Unsere Werkzeuge nehmen wir uns aus allen Wissenschaften: neurobiologische Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften, ethische Betrachtungen aus den Geisteswissenschaften oder Emotionslehren aus den Sozialwissenschaften. Uns selber irgendwo einordnen wollen wir nicht, können auch keine Gedanken lesen und brauchen daher aufwendige Tests und viele Vergleiche.

Forschen, nicht Fühlen

Mit all seinen Beobachtungen kann ein Psychologe dann sogar Vorhersagen treffen: Wenn ihr im Flugzeugcockpit hier und hier und hier rote Lampen installiert, wird euch der Pilot schnell kirre.

Das ist dann auch schon ein interessantes Betätigungsfeld für den studierten Psychologen: Wirtschaftspsychologie. Hier arbeitet der Psychologe in Unternehmen und hilft als Seelenmasseur im Großraumbüro. Oder er erklärt, wie eine Maschine entworfen werden muss, damit sie den Bediener nicht mürbe macht. Auch in sozialen Einrichtungen, bei der Lernbetreuung oder sogar bei der Arbeitsvermittlung wird psychologischer Rat nötig.

Dann gibt es natürlich noch den klassischen Weg zum klinischen Psychologen. Ich arbeite bei der Fachschaft als Maturantenberater. Die Matura ist das Alpen-Abi, die Schüler holen sich vor dem Studium ihre Infos direkt bei den älteren Studenten. Wenn ich sie über den Therapeutenberuf aufkläre, sind viele Schüler zuerst überrascht. Das Psychologiestudium bildet nicht zum Therapeuten aus – es ist ein sehr theoretisches Studium. Das wird immer wieder vergessen.

Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

Auch mit Sigmund Freud haben wir nichts am Hut. Er war Arzt, kein Psychologe. Mit seinen Erkenntnissen hat er zwar wesentliche Begriffe geprägt, vom Bewusstsein bis zum Über-Ich, aber aktuell für die Forschung ist er nicht mehr. Wer den Weg des Seelenklempners will, muss an sein Studium noch eine Lehre als Therapeut anschließen.

Bis das so weit ist, gilt es im Studium zu forschen. Zuletzt hatte ich eine interessante Reihe von empirischen Versuchen. Ich musste Freunde und Kommilitonen auf ihre Aggressivität und ihren Hang, sich zu ärgern, untersuchen. Anders als bei klassischen Hausarbeiten muss ich dann erst die Methode der Forschung erklären, schließlich ihre Ergebnisse aufzeigen und diese in einer Diskussion auseinanderpflücken.

Für die Aggressionsarbeit kam heraus, dass es einen Zusammenhang zwischen Ärger und Aggression gibt. Meine Freunde konnte ich aber entwarnen: Hulksche Züge weist keiner von ihnen auf."

Aufgezeichnet von Marc Röhlig

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