Raumfahrt: Pirouetten in der Parabel - DER SPIEGEL
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Raumfahrt Pirouetten in der Parabel

Bei Sturzflügen in einem Spezial-Airbus erfahren Schüler die Schwerelosigkeit. Sie erleben ihren Körper dabei völlig neu.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Schulalltag hält für Kim Kunz, 19, eine überschaubare Zahl von Überraschungen bereit - kürzlich hat die Abiturientin allerdings eine Art Lotteriegewinn verbucht: Die schmächtige junge Frau war per Losentscheid dazu auserkoren worden, das Stadtgymnasium Köln-Porz bei einem Parabelflug des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zu vertreten.

Also zog die Unerschrockene los, ließ sich ein Mittel gegen Übelkeit verabreichen und bestieg am Flughafen Köln/ Bonn einen Airbus A300, Modell "Zero-G". In den folgenden drei Stunden konnte sich Kim dann einen Eindruck davon verschaffen, warum die zum rasanten Auf- und Abflug genutzten Maschinen gern Kotzbomber genannt werden.

Trotz der widrigen Umstände entstieg die Schülerin dem schweren Gerät mit seligem Lächeln und versicherte: "So einen Flug kann man mit nichts vergleichen."

Jedes Jahr startet das DLR in der Regel drei Parabelflüge von den Flughäfen Köln/Bonn oder Bordeaux in Frankreich. Jeder dieser etwa dreistündigen Höllenritte bietet den Mitreisenden netto knapp elf Minuten Schwerelosigkeit - ein kostbares Gut, nach dem Forscher für diverse Experimente begierig greifen. Entsprechend heißbegehrt sind die streng limitierten Plätze an Bord.

Ein kleines Stück vom Kuchen soll auch künftig für Schüler reserviert werden - vorausgesetzt, sie haben zuvor im 2003 gegründeten School Lab des DLR in Köln ihren Eifer für Naturwissenschaften unter Beweis gestellt: "Das soll ja keine Vergnügungsveranstaltung sein", mahnt School-Lab-Leiter Richard Bräucker.

Andererseits müssen die Wissenschaftler den jungen Leuten etwas Besonderes bieten, wenn sie Nachwuchs gewinnen wollen. Denn der wird händeringend gesucht, wie Bräucker versichert. Also hat das DLR Kooperationsverträge mit einigen besonders engagierten Schulen abgeschlossen. Der Deal ist einfach: Die Schüler können mit der Kölner Forschungseinrichtung richtig was erleben, müssen sich dafür aber auch für ein paar Wochen auf ernsthafte Wissenschaft einlassen.

So hatte sich beispielsweise auch Daniel Lohrmann, 18, von der Christophorusschule Königswinter intensiv mit der Schwerkraftwahrnehmung von Pantoffeltierchen zu befassen, um den entkernten und nach Art einer Gummizelle ausgekleideten Flieger besteigen zu dürfen. "Wenn ich die Gelegenheit hätte, würde ich es sofort wieder machen", vermeldete er nach der überstandenen Schaukelei begeistert.

Der Ausflug im Airbus mag manche Insassen zwar an die Grenze des Brechreizes führen, bietet aber auch eine spektakuläre Kombination ungeahnter Sinneseindrücke. Schon zu Beginn wird's blümerant: Das Flugzeug steigt in steiler Bahn auf beinahe 8000 Meter Höhe. Bei einem Winkel von 47 Grad - knapp vor Strömungsabriss - glaubt man beinahe senkrecht in der Luft zu liegen.

"Man hatte den Eindruck, der Himmel kippt weg", beobachtete Lohrmann fasziniert beim Blick aus dem Cockpit. Zu diesem Zeitpunkt werden die Passagiere mit 1,8 g - also beinahe doppelter Erdanziehungskraft - in die Sitze gepresst. In der zweiten Phase folgt die eigentliche Parabel: Der Pilot schaltet den Schub abrupt ab, das Flugzeug beschreibt am Himmel einen Bogen, im Inneren herrscht beinahe völlige Schwerelosigkeit.

Jetzt liegt es am Feingefühl des Einzelnen, ob er wie Kim Kunz "mit dem Kopf gegen die Decke knallt" oder wie Daniel Lohrmann "Pirouetten in der Luft dreht". Schon das geringste Rudern mit den Armen wird um ein Vielfaches verstärkt. "Man muss eine Bewegung fast nur denken, und schon passiert sie", beschreibt ein Experte diesen Zustand.

Nach etwa 22 Sekunden wird das auf die Erde hinabrasende Flugzeug dann von den Piloten abgefangen. Auf die unbeschwerte Leichtigkeit folgt für die Reisenden augenblicklich wieder die Last von nahezu 2 g. Testflieger Lohrmann nutzte die Gelegenheit zum Selbstversuch: Liegestütze bei erdrückenden Verhältnissen.

Die Prozedur des Steig- und Sinkflugs wiederholt sich insgesamt 30-mal. Genug Zeit für Wissenschaftler, ihre Studien voranzutreiben und für die Abiturienten Kunz und Lohrmann, sich an außergewöhnlichen Körperzuständen zu berauschen. Reichlich Zeit auch für Richard Bräucker vom DLR, eine weitere ernüchternde Erfahrung zu machen: Naturwissenschaftler wollen die beiden Schüler trotz des Spaßes an Pantoffeltierchen und Parabeln nicht werden.