Sachsen auf Achse: Das wandernde Klassenzimmer - DER SPIEGEL
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Sachsen auf Achse Das wandernde Klassenzimmer

An den "Schkolas" im Dreiländereck bei Zittau lernen schon Erstklässler die tschechische Sprache. Zum Unterricht pendeln die Schüler seit Jahren ins Nachbarland - ein Beispiel für die gelebte Osterweiterung.
Von Oliver Voß
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vom sächsischen Hartau läuft man in fünf Minuten zur tschechischen Grenze. Zehn Minuten dauert der Weg von Jonsdorf, und Ebersbach ist gar nur zwei Minuten von Tschechien entfernt. Einmal in der Woche bietet sich an den Grenzübergängen bei Zittau das gleiche Schauspiel: Eine lärmende Schülergruppe überquert die deutsch-tschechische Grenze. Die Schüler sind auf dem Weg zur "Begegnungsschule", Teil eines interkulturellen Lernkonzeptes, das seit zehn Jahren im Dreiländereck von Deutschland, Tschechien und Polen praktiziert wird.

Drei so genannte "Schkolas" betreibt der Freie Schulträgerverein e.V. in der Oberlausitz. In slawischen Sprachen heißt "Schkola" Schule, die Kinder lernen das schon ab der ersten Klasse. Tschechisch ist an den "Schkolas" obligatorische Fremdsprache. "Kernpunkt unseres Ansatzes sind die Begegnungstage", sagt Projektleiter Mike Wohne. Die funktionieren so: Jede "Schkola" hat eine Partnerschule in Tschechien, dorthin pendeln die Schüler einmal pro Woche, in der folgenden Woche kommt dafür Besuch aus Tschechien. "Die Kinder bearbeiten in gemischtsprachlichen Gruppen Themen aus dem Lehrplan", erklärt Mike Wohne.

Ein "Njet" von der Schulbehörde

Die ersten Ideen zur Gründung einer interkulturellen Schule hatte Mike Wohne im Jahr 1990. Ein Jahr nach dem Mauerfall konstatierte der Lehrer, dass sich die Menschen in der Grenzregion auseinanderlebten: Als die Ostdeutschen endlich nach Bayern, Frankreich und in die USA reisen konnten, wurden die östlichen Nachbarn für sie uninteressant. Alte Partnerschaften schliefen ein. Mike Wohne suchte in Tschechien nach Lehrern für seine Idee einer reformpädagogischen Schule mit deutsch-tschechischem Sprachzweig.

Bei der Schulbehörde stieß das bilinguale Schulangebot zunächst auf wenig Gegenliebe, erzählt Mike Wohne. "Tschechisch lernen ja, aber bitte als Ergänzung in der Freizeit, hieß es". Trotzdem öffnete die freie Mittelschule im Kurort Jonsdorf im Jahr 1994 ihr Schultor.

Rechtliche Schwierigkeiten gab es auch bei der zweiten "Schkola" in Hartau. Eltern, Lehrer und der Bürgermeister wollten die staatliche Grundschule, die von der Schließung bedroht war, als freie Schule erhalten. Deutsche und tschechische Schüler sollten ab der ersten Klasse gemeinsam lernen. Doch wieder kam von den Behörden ein "Njet": dem Freistaat Sachsen fehle "die Kompetenz eine völkerrechtliche Regelung abzuschließen". Einen Ausweg fand man in den Begegnungstagen. "Unterricht" durften sie anfangs nicht genannt werden, also taufte man sie "Projekt".

Ein Trampolin im Klassenraum

Vor fünf Jahren öffnete schließlich die "Grenzenlose Schule Hartau/ Hradek", mit altersgemischten Klassen. "Wir unterrichten nach normalen Lehrplänen, aber die Schüler bestimmen selbst Zeitpunkt und Art der Arbeit, also ob sie beispielsweise in Partnerarbeit oder allein in der Bibliothek lernen", erklärt Mike Wohne das reformpädagogische Konzept. In den Klassenräumen stehen Lesezelte und Trampoline, Schilder zeigen die Schulregeln in deutscher und tschechischer Sprache.

Im letzten Jahr wurden die ersten Grundschüler verabschiedet, die vier Jahre lang in Hartau zur Schule gingen. Viele von ihnen wechselten an die "Schkola" im nahe gelegenen Jonsdorf. An der freien Mittelschule wird von der fünften bis zur zehnten Klasse das Fach "Nachbarschaft und Sprache" gelehrt. "Kinder, die wissen was die Nachbarn tun und denken, haben deutlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt", sagt Mike Wohne.

Großer Andrang in strukturschwacher Region

Der Andrang auf die interkulturellen Schulen in der Oberlausitz ist groß. Trotz Schulgeld und Fahrtkosten gibt es mehr Bewerber als Plätze. Die dritte Schule in den Grenzorten wurde im letzten Jahr in Ebersbach eröffnet. Und es gibt schon konkrete Pläne und einen Standort für eine deutsch-polnische Schule. In einer strukturschwachen Gegend, in der Schulen sonst eher geschlossen werden, ein Grund zur Freude. Doch noch kämpft Mike Wohne um Genehmigungen und Finanzmittel, für die neue "Schkola" müssen noch dringend Unterstützer gefunden werden. "Als freie Schule werden wir nicht besonders gefördert", sagt der Lehrer für Mathematik, Geographie und Sport.

Die politische Aufmerksamkeit gilt eher staatlichen Einrichtungen, wie dem Friedrich-Schiller-Gymnasium in Pirna. Sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder stattete der Schule, an der Deutsche und Tschechen gemeinsam unterrichtet werden, einen Besuch ab. Zum 1. Mai weilte der Kanzler wieder im Dreiländereck, um die EU-Osterweiterung feierlich zu würdigen. Lehrer Mike Wohne betrachtet das große politische Ereignis eher nüchtern: "Für uns ändert sich dadurch ja nichts".

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