SchoolJam-Start: Die pure Lust am Schreien - DER SPIEGEL
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SchoolJam-Start Die pure Lust am Schreien

Manchmal tut es gut, richtig laut zu sein, sagt Tümay, 17. Mit seiner Band gibt er so richtig den Metal-Rocker und hat beim Bandwettbewerb "SchoolJam" mitgemacht. Dabei wetteifern junge Musiker um den Titel der besten deutschen Schülerband.
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Emal, Juled, Mensur und Tümay kommen aus Hamburg-Wilhelmsburg. Sie sind 17 und 18 Jahre alt, gehen zur Schule, bauen ihr Abi - und machen Musik. Eigentlich ist der Stadtteil Wilhelmsburg für seine Hip-Hop-Jugendkultur bekannt: für Rap, Breakdance, breite Hosen und coole Caps. Aber Emal, Juled, Mensur und Tümay machen keinen Hip-Hop, sie rappen nicht. Sie stehen nicht an den Turntables und tragen auch keine breiten Hosen. Sie machen etwas ganz anderes: Sie spielen "Gothic-Metal", oder auch: "Dark-Metal". Ihre Band heißt "Infection".

Die vier Jungs aus Wilhelmsburg haben wie 1000 andere junge Bands aus Deutschland einen Song beim Bandwettbewerb SchoolJam eingeschickt. Die Jury lud "Infection" und sieben weitere Gruppen aus dem Norden zum Vorentscheid diese Woche in den Hamburger Club "Übel und Gefährlich" ein.

Bei SchoolJam suchen der Kölner Musik Media Verlag, respect.de, Viva, der Deutsche Musikrat, das Bundesfamilienministerium und SPIEGEL ONLINE die beste deutsche Schülerband. In 15 Städten von Hamburg bis Freiburg spielen im Dezember und Januar die je acht Gewinner der Vorrunde. Nur zwei kommen weiter, nur 15 Minuten Zeit haben die Bands, die Jury zu überzeugen.

Die 30 Sieger-Bands treten ab Ende Januar im MP3-Wettstreit an: Ihre Songs stehen in der Online-Abstimmung im SchulSPIEGEL zur Wahl. Der Gewinner fährt zum Finale auf die Frankfurter Musikmesse. Bekannte Musiker wie "Silbermond" oder "Revolverheld" wählen weitere fünf Finalisten aus. Über zwei der acht Finalisten entscheiden Internet-Abstimmungen bei Viva und respect.de.

"Manchmal habe ich Lust zu schreien"

Vor dem Auftritt sitzen die "Infection"-Musiker in einer Schießscharte des früheren Bunkers, in dem der Club "Übel und Gefährlich" liegt. Sie erzählen, wie das ist als Gothic-Metal-Band im Multikulti-Migranten-HipHop-Stadtteil: "Wir haben uns für die dunkle Seite entschieden", sagt Bassist Mensur, 18. "Manchmal habe ich halt einfach Lust zu schreien", sagt Sänger Tümay, 17.

Er schaut durch schauerlich-grüngelbe Panther-Kontaktlinsen à la Marilyn Manson, die Augenränder sind schwarz mit Kajal umrandet, er trägt ein schwarzes T-Shirt mit einem undefinierbaren Aufdruck. Um die Unterarme hat Tümay schwarze, nietenbesetzte Stulpen geschnallt, die Reste einer zerfetzten schwarzen Jacke hängen von seinen Schultern.

In der Schule hat er immer seine Mütze auf - und privat laufen sie nicht so rum, sagt Tümay. "Unsere Eltern solltest du lieber nicht fragen, wie sie das finden", sagt er und lacht. "Die haben halt eine andere Kultur, vor allem das mit dem Schminken ist nicht so ihre Sache."

Tümays Eltern kommen aus der Türkei, Emals aus Afghanistan, Juleds aus Mazedonien, Mensurs aus Serbien-Montenegro. Später am Abend, auf der Bühne, wedeln sie ihre Haare durch die Luft und brettern dem jugendlichen Publikum ihren Metal-Krach ins Gesicht. In den ersten beiden Reihen stehen ihre Kumpels und Fans aus Wilhelmsburg und nicken heftig mit den Köpfen, alle im Takt, gleichzeitig, als hätte jemand auf ihrem Rücken einen Knopf gedrückt.

Mit Soul-Pop und Beatbox zum Sieg

Im Wettbewerb haben "Infection" keine Chance mit ihrem Dunkel-Krach, denn der ist einfach nicht mehrheitsfähig. Aber ein paar neue Fans haben sie jetzt mit Sicherheit. Die begehrten Gewinner-Plätze schnappen sich eine Band und ein Beatboxer aus Hamburg:

Gazelle verzaubern das Publikum mit ihrem souligem Pop, einer Prise Jazz, einer Prise Rock. Diese Gruppe ist ungewöhnlich für ein solches Bandfestival, wo normalerweise eine Rock-, Punk-, Alternative-Kapelle nach der anderen spielt. Schließlich beginnen die meisten jungen Musiker ihre Karriere damit, das nachzuspielen, was sie selbst im Platteschrank stehen haben -zum Beispiel Die Ärzte, Linkin Park oder Green Day. Und meist finden Jungs den Weg in den Proberaum. Anders bei "Gazelle": Fünf Frauen stehen auf der Bühne, die beiden Kerle dürfen die Gitarre und das Schlagzeug bedienen.

Aus Hamburg-Niendorf kommt KC the Jin alias Kia Morid, 18. Er macht bald Abi. Manchmal, wenn die Formeln an der Tafel langweiliger wurden oder die Konzentration flöten ging, hat er angefangen "zu beatboxen". Nur mit seinem Mund macht er ein komplettes Schlagzeug, ein Keyboard, ein Turntable, den Bass nach, dazu Gesang - eigentlich alles, was eine Band braucht. Am Anfang fanden das alle sehr lustig, die Kumpels und Mitschüler sagten zu ihm: "Hey, mach mal!", und Kia hat losgelegt. Irgendwann reagierten einige Leute genervt. Und Kia hat sich professionalisiert.

Er tritt mittlerweile gegen andere Mund-Akrobaten bei Wettkämpfen an, den "Beatbox-Battles". Als er bei SchoolJam loslegt, trauen die Jugendlichen ihren Augen und Ohren nicht: KC the Jin legt eine unglaubliche Show hin, ersetzt eine komplette Soundanlage, bringt nur mit Mikro und Stimme die Leute dazu, zu tanzen, im Takt zu wippen, mitzuklatschen. Man sieht ihn auf der Bühne stehen, das Mikro ganz nah an den Lippen, die Hände fest am Griff, und fragt sich, wo all die Stimmen herkommen. Kia erntet einen Riesenapplaus - und schon als er sich verbeugt, ist irgendwie klar, dass er gewinnen muss, obwohl die Jury sich erst nach der letzten Band zusammensetzt.

Wenn Gazella und KC the Jin auch die nächste Runde noch packen, steigt für sie im nächsten März auf der Frankfurter Musikmesse das Finale: mit riesiger Anlage, professioneller Lichtshow und vielen Kameras vor der Bühne. Wer dort gewinnt, darf auf dem Rock-am-Ring-Festival mit den Stars die Bühne teilen und im Juli 2007 eine Woche in die USA fliegen, zur Musikmesse NAMM in Nashville.

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